schifahrende Sanitätskolonne
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Damals einzigartig im ganzen Land: die erste deutsche „schifahrende Sanitätskolonne“.

Jubiläum mit Tag der offenen Tür

Pioniere im alpinen Dienst am Nächsten: Bergwacht Schliersee wird 100 Jahre alt

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Der Bergsport steckte noch in den Kinderschuhen, da waren sie schon im Einsatz: Seit 1919 eilen Schlierseer Bergretter verletzten Alpinisten zu Hilfe. Ein Blick in die Chronik.

Schliersee – Kein Fels ist ihnen zu hoch, kein Hang zu steil: Bergsportler scheuen heute kaum mehr ein Risiko. Die Industrie befeuert den Drang nach Abenteuern mit immer neuen technischen Geräten, die es Skifahrern oder Kletterern ermöglichen, selbst in die entlegensten Winkel vorzudringen. Die unschönen Folgen der alpinen „Trendjäger“ bekommen die Bergwachten zu spüren. Besonders die Schlierseer Bereitschaft habe durch die Nähe zu München mit einem „zunehmenden Freizeitdruck“ zu kämpfen, sagt Bereitschaftsleiter Marcus Taubenberger. „Neben hohen Einsatzzahlen stehen wir auch hohen Erwartungshaltungen der Verletzten und ihrer Angehörigen gegenüber.“

Seit 100 Jahren gibt es in Schliersee nun einen regelmäßigen alpinen Rettungsdienst. Und der geht ausgerechnet auf einen Mann zurück, den man heute wohl als einen dieser „Trendsetter“ bezeichnen würde: August Finsterlin. 1888 kaufte sich der Schlierseer Buchhändler in Finnland seine ersten Ski – und wurde damit zu einem Pionier des Sports in den hiesigen Bergen. Bereits 1907 stürmten an Sonn- und Feiertagen rund 2000 Wintersportler nach Schliersee. In den 1920er- und 1930er-Jahren kutschierten Sonderzüge gar bis zu 10 000 Brettlfans an die verschneiten Hänge.

Gekonnt: eine Abseil-Übung in den 1930/40er Jahren.

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Mehr oder weniger unfreiwillig hatte Finsterlin also eine Lawine losgetreten. Um ihre Folgen abzumildern, gründete der Pionier als Mitglied der Sanitätskolonne den Schlierseer Gebirgsunfalldienst. Alsbald richteten die Helfer feste Streifendienste und Stützpunkte auf der Unteren Firstalm, der Freudenreichalm, in der Wurzhütte und am Spitzingsattel ein. Bereits Anfang der 1930er-Jahre baute der Gebirgsunfalldienst mit eigenen Mitteln eine Diensthütte im Bodenschneidgebiet.

Sucht man nach den Wurzeln der Schlierseer Bergrettung, muss man in der Chronik noch ein paar Jahre weiter zurückblättern. Schon 1902 holten die Männer der Alpenvereinssektion Verletzte und Kranke aus den Bergen zurück ins Tal. Fünf Jahre danach wurde daraus die „Freiwillige Sanitätskolonne Schliersee im Roten Kreuz des Bayerischen Landeshilfsvereins“, weitere vier Jahre später folgte die erste deutsche „schifahrende Sanitätskolonne“. Der Name „Bergwacht“ hielt erst nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in Schliersee. Da ordneten die Besatzungsmächte den Gebirgsunfalldienst der Bergwacht dem BRK zu. Ab 1960 hatte Schliersee eine selbstständige Bereitschaft mit 40 aktiven Mitgliedern.

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Marke Eigenbau: der umgebaute DKW Mungo.

Die Alarmierung war damals ungleich aufwendiger als heute. Weil es noch keine Handys gab, eilten die Melder zu Fuß zu einer Hütte mit Telefonanschluss – oder gleich ins Tal. Auch bei der technischen Ausrüstung war Engagement gefragt. Mitte der 1960er-Jahre ließen die Bergwachtler einen von der Bundeswehr ausgemusterten DKW vom örtlichen Schmied in ein geländegängiges Rettungsfahrzeug umbauen.

1994 hielt „Kollege Computer“ Einzug in die Bergrettungswache, 1999 folgte der ISDN-Anschluss für die Anbindung ans Internet. Auch sonst blieben die Schlierseer Bergwachtler stets am Ball. Zur Jahrtausendwende meldeten sich die ersten jungen Frauen als Anwärterinnen. Heute sind sie aus dem Dienst nicht mehr wegzudenken und übernehmen als Gruppen- und Einsatzleiterinnen Verantwortung.

Die ist seit 2011 enorm. Laut Bayerischem Rettungsdienstgesetz muss jede Bergwacht rund um die Uhr einen Einsatzleiter stellen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Auf den Schultern der Ehrenamtlichen liegt die volle Verantwortung für die Abwicklung der Notfälle.

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Dafür weiterhin gute Leute zu finden, stellt die Bergwacht vor große Herausforderungen, sagt Taubenberger. Das weiter wachsende Freizeitangebot und berufliche Verpflichtungen auch außerhalb Schliersees würden viele junge Leute vom fordernden Rettungsdienst in den Bergen abhalten.

Doch wie immer in in ihrer Geschichte packten die Bergwachtler an und stellten sich der Herausforderung. Die 2011 gegründete Jugendgruppe, moderne Trainingsmöglichkeiten in der Simulationsanlage für Hubschrauber- und Gondelbergungen in Bad Tölz sowie die 2008 renovierte und erweiterte Bergrettungswache in Schliersee sind nur einige Beispiele, wie sich die heute um die 100 Bergwacht-Mitglieder – davon rund 40 Aktive – für die Zukunft rüsten. Und wie vor 100 Jahren ist dafür auch heute ein gewisser Pioniergeist gefragt.

Tag der offenen Tür

Ihre Gründung vor 100 Jahren feiern die Schlierseer Bergwachtler mit einem Tag der offenen Tür am Sonntag, 15. September. Beginn ist um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Sixtus. Von 11 bis 17 Uhr wartet an der Bergrettungswache ein buntes Programm mit Ausstellung und Vorführungen von Geräten, Fahrzeugen und Spezialgruppen auf die Besucher. Für das leibliche Wohl ist den ganzen Tag über gesorgt (Weißwurstfrühschoppen, Mittagessen, Kaffee und Kuchen); die musikalische Unterhaltung übernehmen die Sulzberger.

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