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Das Nagelkreuz ist für Rainer Brandt, Leiter des Studienzentrums, ein wichtiges Symbol. Es geht dabei ums Versöhnen und die Begegnung auf Augenhöhe.

Jubiläum im Studienzentrum

Europa zu Gast im Josefstal

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Menschen begegnen, die man sonst nie getroffen hätte: Die Ökumenischen Kurse im Studienzentrum im Josefstal machen das möglich. Und zwar über Grenzen der Generation, Nation und Konfession hinaus.

Neuhaus– Rainer Brandt (63) schiebt die Lesebrille auf die Nasenspitze. Er denkt kurz nach, wie er das Ziel der Kurse, die am Studienzentrum in Neuhaus-Josefstal stattfinden, in Worte fassen kann. „Es geht darum, Brücken zu bauen“, sagt er. Sein Blick schweift irgendwo in die Ferne – vielleicht zu einem der von weit her angereisten Teilnehmer. „Heute ist es wichtiger denn je, sich auf Augenhöhe zu begegnen.“ Auf Augenhöhe mit den Menschen in Europa, auf Augenhöhe mit der ganzen Welt.

Brandt leitet das Studienzentrum seit 2002. Heuer findet dort der 50. Ökumenische Studienkurs statt, zu dem Menschen aus 20 verschiedenen europäischen Ländern anreisen werden. Außerdem wurde vor 50 Jahren das Nagelkreuz ins Josefstal gebracht (siehe unten). Und weil das Kreuz ein Symbol für Versöhnung darstellt, ist dies das Motto des Jubiläumskurses, in dessen Rahmen am 30. April ein Festgottesdienst stattfindet. Zeit, einen Blick hinter die Kulissen und in die Vergangenheit zu werfen.

Das Studienzentrum: Der neutrale Boden im Josefstal

Brandt erinnert sich an einen Kurs vor einigen Jahren. Unter den rund 40 Teilnehmern befanden sich auch ein Lette und ein Russe. Der Teilnehmer aus Lettland, das seit einem knappen Jahrhundert von Russland unabhängig ist, habe so getan, als könne er kein Russisch, um nicht mit seinem Gegenüber sprechen zu müssen. „Ich war mir sicher, der kann das, will nur nicht“, sagt Brandt und schmunzelt. Nach drei Tagen brach der Lette sein Schweigen und tauschte sich mit dem russischen Teilnehmer über seine Erfahrungen mit Russland aus. „Leute wie sie würden sich sonst nie treffen“, sagt Brandt über die Möglichkeiten des Studienzentrums. Er bezeichnet es als den neutralen Boden.

Einmal im Jahr kommt Europa im Josefstal zu einem solchen Kurs zusammen. „In kirchlichen Kreisen kennt man das Josefstal überall“, sagt Brandt. Meist dauern die Begegnungen drei oder fünf Tage. Ein zehntägiger Kurs, so wie heuer im Jubiläumsjahr, ist eine Ausnahme. Generationsübergreifend, über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg, beschäftigen sich die Menschen, die sich nie zuvor gesehen haben, mit einem zuvor festgelegten Thema. Brandt weiß, dass viele der Teilnehmer hinterher in Kontakt bleiben.

Vor der Wende sei es schwieriger gewesen, die Teilnehmer ins Studienzentrum einzuladen. Heute ist das einfacher. „Aber umso wichtiger“, sagt Brandt. In Zeiten der vielen politischen Konflikte, beispielsweise mit der Türkei oder in Bezug auf Asylbewerber, will er eines besonders lehren: Es gibt nicht die Deutschen, die Griechen oder die Russen. Alle seien Individuen. Brandt fällt dazu als Beispiel ein älterer Mann aus Prag ein, der an einem Kurs teilnahm. Er ging gebückt, lange Zeit hat er als Zwangsarbeiter in der Nazi-Zeit in einem Steinbruch gearbeitet. Von allen Teilnehmern im Kurs verstand er sich am besten mit einem Würzburger, einem Deutschen.

Jüngere Menschen setzen Friedensprozesse leichtfertig aufs Spiel

Als Brandt den Weg am Bach entlang zur Kapelle des Studienzentrums geht, steht auf einem Schild: Betreten auf eigene Gefahr. Brandt lacht. Eine Gefahr im eigentlichen Sinn droht den Menschen an dem Begegnungsort im Josefstal nicht. Brandt erklärt, worauf das Schild abzielt: „Man macht hier Erfahrungen, die man so noch nicht kennt.“

Der Zentrumsleiter lässt den Satz so stehen und geht weiter zur Kapelle. Schlicht ist die, ohne viel Schmuck und Schnörkel. Dort steht das Nagelkreuz, das Symbol der Versöhnung. Hier in der Kapelle erinnert sich Brandt an den schönsten Moment seiner Kurse. Wenn alle Teilnehmer gleichzeitig in ihrer Landessprache beten, das findet er bewegend.

Der Umgang mit dem Thema Versöhnung ist je nach Generation ein anderer. Bei Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, spürt Brandt meist Dankbarkeit. Bei jüngeren Menschen hat der 63-Jährige oft das Gefühl, dass sie Friedensprozesse leichtfertig aufs Spiel setzen. Beim diesjährigen Ökumene-Kurs will er deshalb in den Mittelpunkt stellen, ob Versöhnung überhaupt immer möglich sei. Zumindest im Kleinen erfährt Brandt bei seiner Arbeit immer wieder, dass es sie durchaus gibt.

Der Festgottesdienst findet am Sonntag, 30. April, in der evangelischen Apostel-Petrus-Kirche in Neuhaus statt. Die Messe beginnt um 10.30 Uhr. Anschließend gibt es ab 12.30 Uhr im Studienzentrum ein gemeinsames Mittagsessen.

Symbol der Versöhnung: Das Nagelkreuz

Das Nagelkreuz von Coventry ist ein Symbol der Versöhnung. Seine Wurzeln hat das Kreuz, das heute in vielen europäischen Ländern steht, im November 1940. Deutsche Flieger zerstörten die Kathedrale von Coventry in England. Aus den Zimmermannsnägeln, die einst die Balken der Kathedrale zusammengehalten hatten, wurde das erste Nagelkreuz geschaffen, das nun auf dem Altar in Coventry steht. 

Einer der ersten Kurse Ende der 1960er Jahre mit Else Müller (2.v.r.) im Studienzentrum im Josefstal

Der damalige Domprobst Richard Howard sagte: „Wir versuchen, alle Gedanken an Vergeltung zu verbannen.“ So wurde aus der Zerstörung ein Symbol der Vergebung, das sich weltweit verbreitet hat. Zu den zahlreichen Nagelkreuzgemeinschaften in Deutschland gehört auch das Studienzentrum im Josefstal. Die evangelische Jugendarbeiterin Else Müller veranlasste 1967, dass auch ins Josefstal ein Nagelkreuz gebracht wird. Heuer jährt sich die Übergabe also zum 50. Mal.

nip

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