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Diese Zitatesammlung – hier ein Ausschnitt – stand bis Montagnachmittag auf der Homepage des CSU-Kreisverbands. Als das Thema publik wurde, war die Seite plötzlich verschwunden.

Webmaster wettert gegen die Presse

Medienschelte auf Homepage der Kreis-CSU

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Schliersee/Landkreis - Mit einer Zitatesammlung „zur veröffentlichten Meinung“ hat der Schlierseer Karl B. Kögl auf der offiziellen Homepage der Kreis-CSU Medienschelte betrieben.

In Journalistenkreisen sorgte der Link, der sich am Montag über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete, für Kopfschütteln. Ausgerechnet der CSU-Kreisverband Miesbach, der im Zuge der Verfehlungen seines früheren Vorsitzenden Jakob Kreidl selbst schweren Reputationsschaden erlitten hat, stellt auf seiner Homepage die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit infrage. „Allein durch die Sprache manipulieren Medien unsere Meinung“, ist dort eine Sammlung von Zitaten „zur veröffentlichten Meinung“ überschrieben.

Karl B. Kögl verstört mit seiner Sammlung auch CSUler.

Verfasst hat sie der Schlierseer Karl B. Kögl. Seit einigen Jahren kümmert sich der heute 74-Jährige um den redaktionellen Inhalt der Homepage. „Ich mache das in eigener Verantwortung“, sagt das langjährige CSU-Mitglied. „Man braucht da ja auch gewisse Freiheiten.“ Größtenteils bedient sich der Schlierseer der Inhalte aus dem CSU-Organ Bayernkurier. Doch Kögl macht sich auch selbst Gedanken – so wie mit seiner Zitatesammlung. „In den Medien werden viele Sachen oft sehr aufgebauscht“, findet der 74-Jährige. „Mir fehlt da die Ausgewogenheit nach allen Seiten.“

Zuletzt habe ihn die „teilweise sehr einseitige Berichterstattung“ rund um Pegida gestört. Die Ängste, die die Pegida-Anhänger auf die Straßen treiben, seien zu wenig dargestellt worden. Den von den Demonstranten skandierten Begriff „Lügenpresse“ will Kögl aber nicht verwenden. Auch das sei ihm wieder zu einseitig. „Pressefreiheit ist ein wichtiges Gut“, stellt er im Gespräch mit unserer Zeitung klar. „Ich finde es aber nicht richtig, wenn einem Meinung vorgeschrieben wird.“ Nicht zuletzt habe er auf der CSU-Homepage deshalb auch Links zu verschiedenen Medien und anderen Parteien gesetzt.

Dem CSU-Kreisverband geht all das zu weit. Just am Dienstagabend soll im Kreisvorstand das Konzept für einen neuen Internet-Auftritt vorgestellt werden. Nach Worten des Kreisvorsitzenden Alexander Radwan beschäftige man sich im Zuge der Neuausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit schon seit längerer Zeit mit diesem Thema. Missfallen über die gedanklichen Alleingänge des bisherigen Webmasters Kögl hört man deutlich heraus. Die Kreis-CSU wird künftig wohl auf jemanden setzen, der inhaltlich das gesamte Spektrum der CSU als Volkspartei abdeckt.

Die Zitatesammlung sei von Kögl eigenverantwortlich eingestellt worden, stellt Radwan klar. Auch die CSU Oberbayern distanziert sich via Twitter. Das sei eine Einzelmeinung, heißt es. Unter anderem zitiert Kögl den Dramatiker Christian Friedrich Hebbel: „Wenn man die sämtlichen Journalisten, wie sie da sind, ins Zuchthaus sperrte, würde man gewiss nicht so viele Unschuldige hineinsperren als jetzt schon im Zuchthaus sitzen.“

Zu finden sind die Zitate im Internet mittlerweile nicht mehr. Am Montagnachmittag, just während des Gesprächs unserer Zeitung mit Webmaster Kögl, lief der Link plötzlich ins Leere. „Die Sammlung ist vor längerer Zeit entstanden“, sagt der Schlierseer. „Eigentlich sollte sie schon längst gelöscht sein."

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