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Täglich steuern Laster aus dem ganzen Landkreis das Hartstein- und Schotterwerk in Fischbachau an.

Sie kommen vom Tegernsee

Kipplaster-Kolonnen durch den Landkreis: Das ist der Grund

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Derzeit ächzt Schliersee unter einer Lkw-Lawine, die sich täglich Richtung Fischbachau wälzt. Sie kommen vor allem aus dem Tegernseer Tal und wollen alle nach Fischbachau. Die Hintergründe.

Landkreis – Eva Skofitsch sitzt in ihrem Büro an der Schlierseer Rathausstraße und kann es kaum glauben: Pausenlos donnern Lkw verschiedener Fuhrunternehmen durch den Ort – aus Waakirchen, aus Rottach-Egern, von überall her. Gefühlt sind es für sie hundert Laster, die mit Aushub aus dem Tegernseer Tal beladen durch Schliersee fahren. 

Von wegen „schöner Luftkurort Schliersee“

Von wegen „schöner Luftkurort Schliersee“, ärgert sich Skofitsch und ahnt, wo die alle hinfahren: nach Fischbachau zur Deponie der Hartstein- und Schotterwerk Ludwig Groß GmbH. „Da sind wohl die Kippgebühren gerade im Angebot“, mutmaßt sie und macht ihrem Ärger weiter Luft: „Das kann doch nicht im Interesse des Landkreises sein, dass Laster quer durch unsere schöne Tourismusregion fahren.“ Skofitsch ist selbst in der Immobilien- und Bau-Projektentwicklungsbranche tätig, aber diese Abwicklung des Baustellenverkehrs kann sie nicht nachvollziehen.

„Kippen sind rar. Da nimmt man weitere Anfahrten gerne in Kauf“

Ein Rundruf bei verschiedenen Fuhrunternehmern im Landkreis zeigt, dass sich hinter dem Thema Aushub und Bauschutt ein noch viel größerer Problemberg auftut: „Kippen sind rar. Da nimmt man weitere Anfahrten gerne in Kauf“, sagt ein Unternehmer aus dem westlichen Landkreis, der namentlich nicht genannt werden will, aber im Tegernseer Tal gut im Geschäft ist. 

Andreas Habermann, der seinen 1965 gegründeten Betrieb im Jahr 2000 übernommen hat, wird noch deutlicher und spricht von einem „Riesenproblem“. Er habe zwar eine eigene kleine Grube in Reichersbeuern im Nachbar-Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, aber auch er schicke seine Laster nach Fischbachau. „Das ist mittlerweile die einzige Möglichkeit, um Aushub abzuladen.“ Allerdings: Nur unbelasteter Aushub ohne Humus nach Zuordnung „Z 0“ wird dort angenommen. „Fischbachau ist doch nicht weit“, meint Habermann. „Wenn Material belastet ist, müssen wir es bis nach Landshut oder Nürnberg karren.“

Alle fahren nach Fischbachau - mangels Alternativen

Auch das Tiefbau-Unternehmen Buchner aus Rottach-Egern steuert das über 40 Kilometer entfernte Fischbachau an und gehört zu jenen Firmen, die durch Schliersee fahren müssen – mangels Alternativen. Dabei würden ernste Probleme erst noch auf den Landkreis zurollen, meint ein Mitarbeiter: „Nämlich wenn das Material einmal entsorgt werden muss, das heute in Häusern verbaut wird.“ Sprich: jede Menge Kunststoffe.

Firma Stang: Auf größere Mengen „nicht scharf“

Die Materie ist höchst komplex: Wird ein altes Gebäude abgerissen, muss der Bauschutt sortiert, eventuell sogar labortechnisch untersucht und dann entsorgt werden. Zur Verfügung steht hierfür im Landkreis hauptsächlich die Bauschuttsortieranlage am Kanzlerfeld nahe Gmund. Sie ist seit zwei Jahren im Besitz der Gmunder Firma Stang. „Das Material wird sortiert und zu sauberen Recycling-Produkten verarbeitet, die anstelle von Kies und Sand beim Bau zum Einsatz kommen können. Der Rest wird entsorgt“, erklärt Inhaber Harald Stang. Auf größere Mengen sei er aber „nicht scharf“. Seine 45.000 Quadratmeter große Deponie ist nicht unendlich befüllbar.

Zum Aushub: Der muss sauber und unbelastet sein, um anschließend deponiert werden zu können. Viele Unternehmen – etwa die Firma Schnitzenbaumer bei Weyarn – verfügen über eigene kleine Kiesgruben. Diese befinden sich allesamt 15 bis 30 Minuten entfernt, „weite Strecken müssen wir damit glücklicherweise nicht zurücklegen“, so eine Mitarbeiterin.

„Es gibt genug Baustellen, wo der Aushub 500 Kilometer weit gekarrt werden muss.“

Weite Wege? Für Johanna Birmoser, Geschäftsführerin des Hartstein- und Schotterwerks in Fischbachau, ist das, was sich derzeit im Landkreis abspielt, noch harmlos: „Es gibt genug Baustellen, wo der Aushub 500 Kilometer weit gekarrt werden muss.“ Zu ihrem Kundenkreis würden fast nur Unternehmen aus dem Landkreis zählen. Das habe den Vorteil, dass das Geld in der Region bleibe. „Es gibt derzeit keine andere Möglichkeit als unsere Deponie“, sagt sie. „Und wenn man die Laster nicht will, dann muss man eben das Bauen einstellen.“ Fischbachau sei nicht nur ein Kurort, sondern auch ein Gewerbe-Standort, findet Birmoser und verweist auf Gewerbesteuer und die Verantwortung für 20 Mitarbeiter.

Noch hat die Fischbachauer Grube Platz

Birmoser würde am liebsten noch andere Dinge erzählen: von politischen Versäumnissen, von Umweltpunkten, die es etwa in Österreich gibt, wenn nicht der billigste, sondern der nächstgelegene Unternehmer einen Zuschlag bekommt, von Problemen beim Bau der Münchner S-Bahn-Stammstrecke und der Anfrage, ob Klärschlamm von dort nicht vielleicht bei ihr in Fischbachau gelagert werden könnte. Birmoser steht in dem Kieswerk ihren Mann und hat vor fünf Jahren die Genehmigung für das Ablagern von Aushub bekommen – als Rekultivierungsmaßnahme für den Abbau, der am Sandbichler Berg schon seit 1948 betrieben wird. Die Grube hat also noch Platz. Und so lange wird auch Schliersee den Lkw-Verkehr dorthin wohl ertragen müssen.

gr

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