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Zwei Idealisten, ein Projekt: Karl Molz (l.) betreibt die Wasserkraftwerke am Spitzingsee. Er will eine E-Tankstelle errichten, die daraus ihre Energie gewinnt. Bernd Mayer-Hubner vom Arbeitskreis Energie unterstützt die Idee.

Kraftwerk mit Zukunft

Warum der Spitzingsee-Pegel von Niederbayern aus geregelt wird

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Vor Jahrzehnten floss der grüne Strom direkt in den ersten Schlepplift am Spitzingsee. In Zukunft sollen die Wasserkraftwerke von Karl Molz eine E-Tankstelle füttern. Ein Besuch.

Spitzingsee – Das Rauschen und Rattern der Turbine lässt in der kleinen Halle kaum ein Gespräch zu. Zwei Meter daneben steht eine zweite, kleinere Turbine. Sie rattert nicht. Der Wasserstand ist zu niedrig, um beide Maschinen anzutreiben. An Tagen, an denen der Spitzingsee beinahe überzulaufen droht, arbeitet das Wasserkraftwerk auf Hochtouren. Für Kraftwerks-Betreiber Karl Molz sind solche Tage pures Geld.

Molz (61) hat 2005 die E-Werke gekauft. Etwa einen Kilometer unterhalb des Werkes „Spitzingsee“ liegt ein zweites, das Werk „Blecksteinstufe“. Beide liefern seit 1948 Strom. Nur wird die Energie heute anders verwendet. Molz plant, eine Elektro-Tankstelle am Spitzingsee zu errichten – gespeist mit dem Strom seiner Kraftwerke.

Die Vergangenheit

Zu dem Häuschen, in dem das erste Kraftwerk untergebracht ist, führt ein 80 Zentimeter dickes Stahlrohr. Vom Spitzingsee, hinter der Gaststätte Alte Wurzhütte vorbei und am Bach entlang – es sind rund 370 Meter bis zur ersten Turbine. Gelegt hat die Wasserleitung 1948 Karl Winterholler, der Oberingenieur bei Krauss Maffei in München war. „Der hatte da schon den Gedanken an ein Wasserkraftwerk“, sagt Molz.

Zu der Zeit war der Spitzingsee zwei Meter niedriger als heute. Das Wehr, das bei der Wurzhütte mitten auf der Straße zu sehen ist, ist noch das Original. Damit wird und wurde der See aufgestaut oder bei Bedarf das Wasser nach unten zum E-Werk oder in den Bachlauf geleitet. Winterhollers Gedanke: Ein Skilift braucht Strom. Schließlich war er der Konstrukteur und Betreiber des ersten Schlepplifts am Spitzingsee. Nach den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen erlebte der Skisport einen Aufschwung. Molz sagt: „Spitzingsee hatte damals sein eigenes Stromnetz.“

Wirklich rentiert hat sich das Geschäft für Winterholler nicht. Er verkaufte 1970 die Kraftwerke an die Alpenbahnen Betriebs GmbH, das Stromnetz ging an die Isar-Amper-Werke. Doch auch für die Alpenbahnen war die Wasserenergie nicht rentabel. Sie verkauften an die Familie Höchstett und die 2005 an Molz. „Ich spazierte im Urlaub an den Rohren entlang und kam zum Kraftwerk“, sagt er. Der Bauingenieur aus Niederbayern wollte ein eigenes Kraftwerk. Als Sohn einer Müllersfamilie hatte er stets mit Wasser zu tun, tanzte aber als Ingenieur aus der Reihe.

Die Gegenwart

Heute fließt der Strom vom Kraftwerk nicht mehr direkt an die Skilifte. Molz speist die Energie in das öffentliche Netz von Bayern Werk ein. Zwischen zehn und zwölf Cent gibt es pro Kilowatt-Stunde – davon werden Steuern und Netzentgelt abgezogen. „Der Strom wird aber in der näheren Umgebung verbraucht – es ist physikalisch der kürzeste Weg.“

Eines ist klar: „Schnelles Geld machen ist hiermit nicht“, sagt Molz, der rund 2,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr aus seinen Werken herausholt. „Ich habe die Kraftwerke in der Absicht gekauft, dass es ein Generationenprojekt wird.“ Gut, dass er in seinem Sohn einen Nachfolger hat. Ob sich dann an der Logistik was ändert – Molz wohnt in Niederbayern bei Dingolfing – ist unklar. „Wir Niederbayern sind stark mit der Heimat verwurzelt“, erzählt er.

Molz regelt den Seepegel per Fernsteuerung - von Niederbayern aus

Die Entfernung stellt aber nur selten ein Problem dar. Mit einem speziellen System kann Molz von zuhause aus den Seespiegel regulieren. Dort sieht er etwa, dass es heuer schon 704 Liter pro Quadratmeter regnete. An Tagen – meist sind es aber die Nächte –, an denen es besonders viel regnet, muss Molz vor Ort sein. So steht er manchmal im Regen und reguliert den Seespiegel manuell. Das kann gefährlich sein – nachts allein und übermüdet auf den glitschigen Wegen.

Die Zukunft

Molz hat eine neue Vision. Er will am Spitzingsee eine Ladestation für E-Autos mit Strom aus seinem Wasserkraftwerk installieren. Zwei Überlegungen stecken dahinter. Die eine ist eine moralische: „Wir sind hier ein Luftkurort und alle fahren mit Benzinkutschen.“ Besser wäre, alle würden auf Elektro umsteigen. Die andere ist eine materielle. Die Vergütung durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) hat Molz nur für 20 Jahre zugesagt bekommen. Danach wird es für das Einspeisen seines Stroms wohl weniger Geld geben. Was aber gefördert wird: Direktvermarktung. Heißt, der Anlagenbetreiber leitet den Strom durch ein öffentliches Netz und verkauft ihn an einen Abnehmer. Eine E-Tankstelle wäre eine Direktvermarktung. Die Gemeinde Schliersee steht hinter Molz, hat eine Förderung beantragt.

„Auf dem Spitzing ist man mit einem E-Auto sicher froh, wenn es eine Ladesäule gibt“, sagt Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer. Die Kostenschätzung für zwei solcher Ladesäulen liege bei 25.000 Euro. Eine Förderung durch das Programm der E-Mobilität im Bund kann es bis zu 40.000 Euro geben. Schnitzenbaumer hofft, für das Projekt am Spitzingsee 70 Prozent Förderung zu bekommen. Da aber Bayern Werk als Energieversorger mit im Boot ist, sei es etwas kompliziert. Wie das Kraftwerk auch, betrachtet Molz die Idee mit der Tankstelle langfristig. „Solange es in Deutschland nur 30.000 E-Autos gibt, lohnt sich das nicht.“ Er kann sich aber vorstellen, dass bald eine E-Tankstelle Sinn macht. Wenn die Reichweiten der Autos erhöht werden. „Damit die Münchner, die hier raus fahren, überhaupt auch hier nach oben kommen.“

nip

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