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Das Leben nach der Flucht: Wie sich Ukrainer in Schliersee gegenseitig helfen

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Von: Jonas Napiletzki

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Andrii Lawcarnko ist mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew geflohen.
Andrii Lawcarnko ist mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew geflohen. In Schliersee hilft er anderen Geflüchteten, hier einer jungen Frau, beim Ausfüllen der Formulare. © Stefan Schweihofer

130 Ukrainer wurden in Schliersee registriert. Im BRK-Haus gibt es nun einen Treffpunkt für sie. Dort helfen sich die Geflüchteten gegenseitig und tauschen Ängste und Sorgen aus.

Schliersee – In den letzten drei Tagen ihrer Semesterferien hat Bogdana Gots quasi ein neues Studium begonnen. Die Ukrainerin lernt, mit den schrecklichsten Tagen ihres Lebens fertig zu werden – und manövriert Geflüchtete durch die deutsche Bürokratie. Die Studentin arbeitet im BRK-Bereitschaftshaus in Schliersee, hinter der Fassade mit dem rotem Kreuz, die jetzt ein Ukraine-Zentrum beherbergt. So nennt die 20-Jährige den neuen Zufluchtsort, in dem sie nach ihrer Flucht aus Kiew eine Aufgabe gefunden hat. Sie dolmetscht, füllt Formulare aus, bietet Hilfe an. Es ist ein Treff-, Dreh- und Angelpunkt für Ukrainer. Fritz Polfika, ein Ehrenamtlicher aus Neuhaus, nennt es „Bürgerbüro“. Und Bogdana Gots nennt er „unersetzlich“.

Dann dreht er sich um. Auch seine Hilfe wird gebraucht, irgendwo zwischen Menschen mit Papier-Stapeln und ratlosen Gesichtern. Es ist Dienstag, 9.30 Uhr. Polifka hat die Eingangstür gerade erst aufgesperrt.

Kiew ist für die 20-Jährige der wundervollste Ort der Welt

Die Studentin hat noch einen Moment Zeit. An der Wand hinter ihr hängt ein Foto eines Feuerwehreinsatzes. Daneben mahnt ein Papier vor der Belastungsgrenze durch Covid. Probleme von Bedeutung, die doch nur schräg ins Bild passen, zwischen Leinwänden mit der Oktoberfest-Skyline hinter Menschen, die gerade den Bomben entkommen sind.

Gots, braune Haare, schmales Gesicht, lässt sich davon nicht beirren. Sie gestikuliert aufgeweckt, blickt hin und her und erzählt mit feuchten Augen von ihrem „biggest dream“. Der größte Traum ist für sie die Rückkehr nach Kiew. „Wenn ich ins Bett gehe und einschlafe, habe ich die Bilder der Stadt im Kopf.“ Die ukrainische Hauptstadt sei für sie der wundervollste Ort der Welt.

Taras und Bogdana Gots aus Kiew
Bogdana Gots (r.) ist aus Kiew geflohen und unterstützt nun andere Ukrainer bei der Registrierung. Ihr Papa Taras war zu Kriegsbeginn bereits in Deutschland. In Schliersee ist die Familie bei Freunden untergekommen. © Stefan Schweihofer

Schliersee komme gleich danach. „Es ist mein Lieblingsziel für Urlaube“, verrät die 20-Jährige. Sie kommt seit Jahren zu Silvester und in den Sommerferien hierher. Freunde der Familie leben in Neuhaus. Die meisten der Helfer stammen aus diesem Kreis. Viele fühlen sich der Ukraine verbunden, auch wegen einer Kulturveranstaltung im Jahr 2009. Damals hat der Kulturverein Josefstaler Elefant im Wasmeier-Museum eine Ukrainische Woche auf die Beine gestellt.

Ukrainer in Schliersee leben überwiegend in Ferienwohnungen

Polifka, wieder zwischen den Menschen aufgetaucht, erklärt zur Organisation: „Das Bürgerbüro geht auf Strack-Zimmermanns zurück.“ Den Raum hätten das Rote Kreuz und die Gemeinde angeboten. Und das Geld, für schnelle Hilfen in einer blauen Kassette, sei gespendet. „Wir selbst kriegen keinen Cent.“ Der Neuhauser will bei der Registrierung und Vermittlung helfen. Rund 130 Ukrainer haben sich in der Gemeinde registriert. „Fast alle leben in Ferienwohnungen“, sagt Polifka. Eine Übergangssituation.

An einer Lösung arbeiten die Ukrainer selbst. Polifka will das Zentrum langfristig in ihre Hände legen. Sie lernen, zu helfen. Und Gots sagt, sie sei froh, involviert zu werden. Sie bastelt mit den Menschen Stoffengel in Nationalfarben, organisiert Kindertreffs und schreibt alles auf. Auf ihrem Block stehen die Fähigkeiten der Geflüchteten. „Der eine kann kochen, der andere ist Arzt.“

Trotzdem sei die Arbeit nicht immer spaßig, der Treff etwas überladen. Am 1. April geht ihr richtiges Studium wieder los, online aus Kiew gestreamt. Gots hält daran fest, solange es geht. „Stressig“ sei das alles. Doch sie ist froh, hier zu sein – mitsamt ihren Eltern, die zufällig vor Kriegsbeginn im Urlaub und später in medizinischer Behandlung in Bayern waren. Sie waren schon hier, als Gots mit acht Menschen in einem Auto bis zur Grenze und später nach Schliersee flüchtete.

Geflüchteter will in die Ukraine zurückkehren, um das Land wieder aufbauen

Wie ihr erging es auch Andrii Lawcarnko. Er sitzt neben zwei Laserdruckern an einem Schreibtisch. Vor ihm steht eine Menschenreihe. Der 29-Jährige, geflohen mit Frau und Tochter, druckt Formulare aus und erklärt, wohin die Papiere müssen. Hinter seiner Brille sind Augenringe erkennbar. Auf Englisch sagt er, er habe die Arbeit im Büro gelernt, weil er sie lernen musste. „Ich will Leuten helfen, eine Zukunft zu sehen.“ Er selbst sieht seine Zukunft aber ebenfalls in Kiew. „Wir werden unser Land wieder aufbauen.“

Während er spricht, schallen durch den hölzern eingerichteten Raum ukrainische und deutsche Stimmen. Eine Frau steckt den Kopf zur Tür rein. Sie bringt eine Kiste mit Spielzeug. Ein Bagger in der Größe eines Matchboxautos, eine Spielküche so groß, dass der Bagger darauf herumfahren kann. Auf Knopfdruck macht die Küche Geräusche eines Wasserkessels. Dann ist die Frau wieder weg, niemand weiß, woher sie kam.

Solche Spenden seien wichtig, sagt Polifka. So können sich Kinder beschäftigen. Und Bogdana Gots kann wieder studieren – Internationales Recht. Trotz, und auch wegen des Unrechts, das ihrem Land widerfährt.

Spenden mit dem Stichwort „Ukraine Hilfe Schliersee“ an IBAN DE32 7425 1020 0120 0471 54 nimmt der Verein Wir helfen Menschen entgegen. Auch das Wasmeier Museum sammelt: IBAN DE52 7115 2570 0000 0001 17. Fritz Polifka bittet darum, die Hilfe in Schliersee nur an dort verortete Ukrainer zu empfehlen. Sachspenden-Angebote können auch per Mail geschickt werden: UkranianHelp@outlook.de.

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