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Am Sonnberg oberhalb der B307 bei Bayerwald/Kreuth verhindern Holzböcke ein Abgleiten des Schnees und damit eine Beschädigung der Bäume, so lange diese dem Druck noch nicht alleine standhalten können.

Schutzwaldsanierung schreitet voran

Natürliche Nagelbretter im Wald: So wird die Spitzingstraße lawinensicher

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Drei Mal haben die Schneemassen die Spitzingstraße im vergangenen Winter verschüttet. Jetzt arbeiten Experten daran, auch die letzte Lawinenrinne zu schließen – mit Hilfe der Natur.

Spitzingsee – Das Sorgenkind hat sich gut getarnt. Selbst die Experten tun sich schwer, die Lawinenrinne oberhalb der Spitzingstraße aus der Entfernung auszumachen. Und das, obwohl sie ihnen im Winter jede Menge Arbeit beschert hat. Mit angestrengtem Blick gleichen Walter Alkofer, Obmann der Schlierseer Lawinenkommission, und Catja Geyer, zuständig für Schutzwaldmanagement bei der Bayerischen Forstverwaltung, das Luftbild mit dem realen Hang ab. Der Blick durchs Fernglas bringt den entscheidenden Hinweis: ein Schneefeld mit einem einsamen Baum in der Mitte. „Das müsste es sein“, sagt Geyer und deutet in Richtung Hang. Alkofer nickt. „Von da oben aus“, sagt er, „hat es uns heuer drei Mal die Straße verschüttet.“

Der Schlierseer kennt den Hagenberg – so heißt die Westflanke des nördlichen Ausläufers des Jägerkamp –wie sein Wohnzimmer. Seit Jahrzehnten beobachtet er, wie sich die Schneedecke im Winter im bis zu 50 Grad steilen Gelände entwickelt – und wo sie abzugleiten droht. Doch seit 1986 die ersten Schutzwaldsanierungsmaßnahmen begonnen haben, konnte Alkofer sukzessive Lawinenstriche von der Karte streichen. Übrig geblieben ist besagter Streifen zwischen den beiden verbauten Gebieten. Eine Lücke, die die Forstverwaltung in Absprache mit dem Lawinenwarndienst, den Bayerischen Staatsforsten, dem Wasserwirtschafts- und dem Straßenbauamt schließen will. Ein Gutachten wird gerade erstellt und soll im Sommer vorliegen.

Gefahrstellen im Blick: Walter Alkofer, Catja Geyer, Jörg Meyer und Alfons Rauch gleichen die Lawinenstriche auf ihrem Lageplan mit den tatsächlichen Gegebenheiten am Hang oberhalb der Spitzingstraße ab.

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Die ersten Bestrebungen, die Spitzingstraße vor den weißen Massen zu schützen, reichen weit zurück. Immer wieder tauchte dabei der Traum von der ganz großen Lösung auf, erinnert sich Alfons Rauch, seit 33 Jahren Forstrevierleiter im Josefstal: eine Galerie, die die komplette Straße überdeckt und damit von den Schneebrettern abschirmt. Rauch schüttelt noch heute den Kopf. „Das hätte 20 Millionen Euro gekostet und das Problem nur verschoben.“ So wären die Lawinen bei einer durchgehenden Verbauung der Straße wie über eine Schanze weiter ins Tal gedonnert – und hätten im schlimmsten Fall die Wohnhäuser im Josefstal unter sich begraben.

Die Experten entschieden sich stattdessen, das Problem an der Wurzel zu packen. Sie schauten, wo die Lawinen eigentlich entstehen. Wieder deutet Alkofer gen Hang. Mit dem Zeigefinger zeichnet er eine Höhenlinie in die Luft: 1300 Meter. „Da reißt es meistens ein“, erklärt er. Das ist auch im vergangenen Winter wieder an vielen Stellen am Hagenberg passiert. Abgerutscht sind die Gleitschneebretter aber nicht. Zumindest nicht da, wo die Schutzwaldsanierung bereits Früchte getragen hat. Dort nämlich wird der Schnee durch Holzböcke und Bäume wie durch ein Nagelbrett auf dem Boden festgetackert. Die Gefahr ist quasi eingefroren.

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Bis sich diese Wirkung entfalten kann, braucht es aber viel Zeit. Der Bergwald wächst langsam, erklärt Jörg Meyer, Leiter des Forstbetriebs Schliersee. „Ein langwieriger, aber dafür auch nachhaltiger Prozess.“ Der beginnt mit dem Aufstellen von Gleitschneeböcken aus Edelkastanien- und Robinienholz. Die zeltartigen Konstruktionen geben dem Schnee Halt, wenn die frisch gepflanzten Bäumchen noch zu schwach sind. Bei letzteren setzen die Forstexperten auf „Pionierarten“ wie Lärche oder Kiefer, die auch auf felsigen Böden schnell in die Höhe schießen. Mehr Zeit brauchen Fichte, Buche oder – die neue Hoffnung gegen den Klimawandel – Tanne. Ist der Schneedruck trotzdem zu groß, dienen Metallzäune als zusätzliche Absicherung.

Die technischen Hilfsmittel, betont Meyer, sind aber nur eine Überbrückung hin zum stabilen Bergmischwald. „Der beste Lawinenschutz“, sagt der Forstbetriebsleiter. „Und ein wichtiger ökologischer Beitrag.“ So halten die immergrünen Nadelbäume den Schnee nicht nur von unten fest, sondern fangen ihn auch in ihren Kronen ab, wie Geyer erklärt.

Überflüssig werden damit auch die Sprengungen, die die Lawinenkommission vom Hubschrauber abwerfen lässt. Eine gute Nachricht, sagt Alkofer. Denn selbst kontrollierte Lawinenabgänge würden Bäume mitreißen, den Wald schädigen und die gefährlichen Schneisen verbreitern. Schließen kann sie nur die Natur – mit ein bisschen Starthilfe durch den Mensch.

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