Seniorenresidenz Schliersee: Neuer Leiter hat „Super-GAU“ erlebt
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Feuerwehrmann für Heime: Ulrich van Heugten leitete ein Seniorenheim, bis er eine neue Herausforderung suchte. In Schliersee fand er sie – und wie.

„Wir mussten alles neu anfangen.“

Neuer Leiter: Seniorenresidenz Schliersee war der „Super-GAU“

  • Christian Masengarb
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Ulrich van Heugten leitet die Seniorenresidenz Schliersee, seit dort durch Corona massive Probleme aufgefallen waren. Im Interview erklärt er, wie er die Zeit erlebt hat.

Schliersee – Ulrich van Heugten leitet die Seniorenresidenz Schliersee, seit dort durch Corona massive Probleme aufgefallen waren. Es ist der erste Einsatz des 41-Jährigen von der Nordsee-Insel Norderney als Feuerwehrmann für Seniorenheime. Die InterimCare – Staff Quality Group hat ihn mit 19 Kollegen im Auftrag des Heim-Betreibers nach Schliersee geschickt, um die Seniorenresidenz zu retten. Im Gespräch erzählt er, was er erlebt hat.

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Seniorenresidenz Schliersee: Neuer Leiter hat „Super-GAU“ erlebt

Herr van Heugten, Schliersee war Ihr erster Einsatz als Heim-Retter. Hatten Sie es so schwer erwartet?

Ich wusste, dass es brennt. Aber das es so brennt, hat mich überrascht. Hier war der Super-GAU. Das Haus war über Nacht führungslos geworden. Die Behörden hatten Akten beschlagnahmt, die Heimleitung hat uns keine Notizen über Bewohner, Zulieferer und Abläufe hinterlassen. Wir stehen heute noch vor leeren Schränken. Wir mussten bei Null anfangen, erst einmal ein Fundament schaffen. Dazu kamen Bundeswehreinsatz und Corona-Fälle. Wir haben mit Schutzanzug, Brille und Haube gearbeitet, wie bei Ebola. Das erschwert den Einstieg.

Viele Probleme. Wo haben Sie angefangen?

Mit den normalsten Sachen. Die Post war aufgelaufen, wir mussten Rechnungen bezahlen. Wir haben Lieferanten gesucht, geschaut was die Bewohner brauchen, ein Qualitätsmanagement geschaffen und Ablaufpläne erstellt, zum Beispiel für die Medikamenten-Kontrolle. Wir mussten alles neu anfangen. Es gab ja nichts.

Nichts? Die alte Leitung muss doch Ablaufpläne gehabt haben.

Ich habe keine gesehen.

Wie ging es den Senioren?

Als ich hierher kam, waren die Helfer vom Pflegepool und der Bundeswehr bereits im Einsatz. Sie haben die Senioren gut versorgt. Wie es vorher war, kann ich nicht sagen. Ich habe es nicht erlebt.

Wie ist die Lage im Heim?

Seit vergangener Woche können Angehörige Bewohner endlich besuchen. Der Friseur und der Nagelpfleger kommen wieder, die Bewohner dürfen an die frische Luft. Wichtige Fortschritte und sehr schön zu sehen.

Hat die Isolation belastet?

Die Isolation war schwer für die Bewohner. Sie waren monatelang auf die Zimmer verbannt. Wir haben unser Möglichstes getan, sie an die Fenster gebracht, um den Angehörigen zuzuwinken. Aber Schutzmaßnahmen und Bundeswehr haben sie eingeschüchtert. Einige sind in Depressionen gerutscht.

Wie haben Sie die Evakuierung verhindert?

Wir haben alles auf den neuesten Stand gebracht. Dienstplan, Notrufsystem, alles. Dazu gab es Mängelkataloge, die wir abgearbeitet haben. Große Punkte waren auch, dass wir genügend Manpower aufgetrieben und Gesundheit und Zufriedenheit der Bewohner gesichert haben.

Hatten Sie damit gerechnet, dass die Senioren bleiben dürfen?

Uns war klar, es wird knapp. Ich bin seit 17. Mai hier, ein Sonntag. Ab Montag hat uns jedes Amt, das Bayern zu bieten hat, überprüft. Wir wussten, dass eine Deadline über uns kreist. Das Landratsamt hatte schon Bereiche abgesperrt, um Senioren wegfahren zu können. Als es anders kam, waren wir erleichtert. Aber wir wussten: Jetzt geht es darum, etwas aufzubauen, das langfristig Bestand hat.

Was fehlt dazu noch?

Die Bundeswehr ist weg, die Helfer aus dem Pflegepool sind weg. Das sind Erfolge. Nun wollen wir uns selbst überflüssig machen und bald auch weg sein. Dazu müssen wir Personal aufbauen. Vor Corona gab es davon hier wenig. Durch das Virus wurde alles schlimmer. Gute Leute wachsen aber nicht auf den Bäumen. Wir versuchen, alte Angestellte, die wegen der Probleme gekündigt haben, zurückzuholen und haben ständig Bewerbungsgespräche. Das zeigt auch, dass Fachkräfte unserer Einrichtung wieder vertrauen.

Abschlussfrage: Sie haben auf Norderney eine Familie, haben ein Heim geleitet. Was brachte Sie zum Karrierewechsel?

Ich wollte eine Herausforderung. Die war es auch: Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet, pro Tag mindestens 13 Stunden. Meine Frau und unsere zwei kleinen Kinder habe ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal seit Wochen gesehen. Aber es hat sich gelohnt. Ich bin stolz auf unsere Leistung.

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