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Niklas Frank, Sohn eines NS-Verbrechers, über ein dunkles Kapitel vom Schliersee

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Von: Felicitas Bogner

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Die Nürnberger Prozesse: Hans Frank im Zeugenstand am 18. April 1946. Im Laufe der Verhandlungen wurde er zum Tode am Galgen verurteilt. 
Die Nürnberger Prozesse: Hans Frank im Zeugenstand am 18. April 1946. Im Laufe der Verhandlungen wurde er zum Tode am Galgen verurteilt.  © Frank/Archiv

Niklas Frank, Sohn des NS-Verbrechers Hans Frank, spricht anlässlich des 75. Todestages seines Vaters über seine Familiengeschichte am Schliersee. Erst kürzlich erschien sein neues Buch, in dem er den Briefverkehr zwischen seinem Vater und seiner Familie zur Zeit der Nürnberger Prozesse veröffentlicht.

Schliersee – Sein Erbe ist erdrückend. Er ist der Sohn eines NS-Verbrechers. Eines Massenmörders. Journalist und Autor Niklas Frank befasst sich Zeit seines Lebens mit der dunklen Vergangenheit seiner Familie. Sein Vater, Hans Michael Frank, war im zweiten Weltkrieg als Generalgouverneur von Polen für den Tod von tausenden Menschen verantwortlich. Einst arbeitete er als Anwalt für Adolf Hitler, später ging er als „Schlächter von Polen“ in die Geschichte ein.

Briefverkehr zwischen Hans Frank und seiner Familie während der Nürnberger Prozesse

Zur Zeit des Dritten Reichs lebte er mit seiner Familie im Wechsel in Krakau auf der Burg Wawel und am Schliersee – am Schoberhof. In seinem jüngsten Buch „Meine Familie und ihr Henker“ veröffentlicht Frank – heute 82 Jahre alt – Briefe seiner Familie. Viele der Schreiben gingen zur Zeit der Nürnberger Prozesse hin und her. Zwischen Franks Zelle Nummer 15 und seinen „Liebsten“, die in Fischhausen verharrten. Am 16. Oktober jährt sich Franks’ Hinrichtung zum 75. Mal. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Niklas Frank über seine einstige Heimat und seinen Vater, der ihn bis heute verfolgt.

Niklas Frank wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern auf. Hier auf dem Foto sieht man (v.l). : Norman, Michel, Niklas, Sigrid und Gitti im Jahr 1941 vor dem Schoberhof. Seine Geschwister sind bereits alle gestorben.
Niklas Frank wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern auf. Hier auf dem Foto sieht man (v.l). : Norman, Michel, Niklas, Sigrid und Gitti im Jahr 1941 vor dem Schoberhof. Seine Geschwister sind bereits alle gestorben. © Frank/Archiv

Herr Frank, in Ihrem neuen Buch befassen Sie sich abermals mit ihrer Familiengeschichte. Verfolgt die NS-Zeit Sie bis heute?

Mit Sicherheit. Mein Vater hat mich nie losgelassen. Ich werde täglich – meist durch Zeitungen – mit etwas konfrontiert, was mit dem Dritten Reich zu tun hat. Das packt mich jedes Mal.

Packt Sie dabei die Nazi-Vergangenheit allgemein oder Ihr Vater als Person?

Es gibt zwar das Credo, dass man seine Eltern lieben und ehren soll. Das habe ich aber durchbrochen – notwendigerweise. Was mich am meisten packt, seither in mir lebt und nie sterben wird, sind all seine unschuldigen Opfer.

Niklas Frank: „Er hat gewusst, was er anrichtet.“

Sie waren damals noch ein Kind. Wann und wie haben Sie durchblickt, wer Ihr Vater war?

Als mein Vater am 4. Mai 1945 im Josefstal verhaftet worden ist, habe ich schnell gespürt, dass wir eine Verbrecherfamilie sind. Kaum einer wollte mehr etwas mit uns zu tun haben. Im Herbst 1945 kamen dann von den Amis verlegte Zeitungen heraus, die KZ-Opfer – auch in meinem damaligen Kindesalter – abbildeten. Drunter stand ’Polen’. Bis dahin dachte ich immer, dass Polen uns, den Franks, gehört. Plötzlich war mein Vater in Verbindung mit diesen furchtbaren Fotos.

Wie geht man damit um?

Da musste man mit umgehen können. Es gab damals kaum jemanden, der nicht in der Familie oder bei Verwandten Kriegsopfer zu beklagen hatte. Als meine Mutter uns nach der Vollstreckung erzählt hat, dass unser Vater tot ist, haben meine Geschwister geweint. Ich nicht. Die Wut über ihn hört nie auf. Er hat gewusst, was er anrichtet.

Sie leben in Schleswig Holstein. Ist Schliersee für Sie ein Teil Heimat oder nur dunkle Vergangenheit?

Am Schoberhof sind meine ersten Erinnerungen an mein Leben. Dort in Fischhausen bin ich bewusst geworden. Es ist mein Seelenort. Bis heute bin ich jedes Jahr für ein paar Wochen am Schliersee.

Der Buchautor und Journalist Niklas Frank ist heute 82 Jahre alt.
Der Buchautor und Journalist Niklas Frank ist heute 82 Jahre alt. © Frank/Archiv

Ihrem Buch kann man ein sehr zerrüttetes Eheverhältnis Ihrer Eltern entnehmen. Ihr Vater war generell selten bei der Familie?

Er war auch in den drei Monaten nach seiner Flucht aus Krakau fast nie bei uns. Die meiste Zeit verbrachte er im „Haus Bergfrieden“ im Josefstal, wo auch sein Büro war. Dort wurde er auch verhaftet. Selten besuchte er uns am Schoberhof.

Was ist Ihre letzte Erinnerung an ihn in dieser Zeit?

Das letzte Mal gesehen habe ich ihn als wir vor der Vollstreckung nach Nürnberg gefahren sind. Aber die stärkste Erinnerung habe ich an ihn aus der Zeit kurz vor der Verhaftung. Als er mal wieder am Schoberhof war. Alle warteten sehnlichst auf ihn. Als er dann kam, habe ich ohne Anlass seine Brille genommen und die Bügel nach außen gebogen. Dabei schaute ich zu ihm hoch. Noch heute sehe ich sein entsetztes Gesicht. Dann gab er mir eine Ohrfeige.

Der Schoberhof in Fischhausen war aus dem 17. Jahrhundert: Der Hof ist mittlerweile abgerissen worden. Die Franks lebten bis September 1945 meist hier. 
Der Schoberhof in Fischhausen war aus dem 17. Jahrhundert: Der Hof ist mittlerweile abgerissen worden. Die Franks lebten bis September 1945 meist hier.  © Frank/Archiv

Heute ist von dem Schoberhof, auf dem Sie groß geworden sind, nichts mehr übrig. Auch wenn das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert einst eigentlich denkmalgeschützt war. Wie ist das für Sie?

Das ist gut so. Mein Vater war ein Massenmörder. Ihm hat das Haus gehört. So etwas gehört nicht geschützt. Er hat kein Denkmal verdient. Auch wenn es meine Heimat war, ist es richtig, dass davon nichts mehr da ist.

In Schliersee erinnert heute nur recht wenig an diese schlimme Zeit. Mangelt es hier an Geschichtsbewusstsein?

Ich finde schon, dass man all das, was während des Dritten Reichs dort passiert ist, zum Beispiel in Ausstellungen oder einer ehrlichen Chronik aufgreifen müsste. Neben meinem Vater gab es ja noch andere Top-Nazis in der Gegend. Himmler hatte beispielsweise in der Valepp eine Hütte, oder Reichsminister Otto Meissner, oder der NS-Kriegsopfer-Chef Hanns Oberlindober. Im Grunde genommen war das dort ein ziemlich braunes Nest. Da könnte man sich in der Tat mehr aufklärende Arbeit wünschen.

Das Gespräch führte Felicitas Bogner.

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