Bergführer Alexander Römer – hier an der Talstation der Taubensteinbahn – bietet Online-Lawinenkurse an.
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Lage sichten an Ort und Stelle, Kurse geben im Internet: der Bergführer Alexander Römer – hier an der Talstation der Taubensteinbahn – bietet Online-Lawinenkurse an. Die Resonanz ist groß.

„Wissen oft so gut wie nicht vorhanden“

Online-Lawinenkurse boomen: So sind Tourengeher trotz Corona-Lockdown sicher unterwegs

  • VonHeidi Siefert
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  • Sebastian Grauvogl
    Sebastian Grauvogl
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Wer in die Berge geht, sollte um die Gefahren wissen. Bisher führte der Weg ins ungesicherte Gelände über einen Lawinenkurs. Doch gerade die sind gerade unmöglich. Bleibt: online.

Spitzingsee/Holzkirchen – Tourengehen boomt, in Coronazeiten mehr als noch in den vergangenen Jahren. Auch nach Inkrafttreten der 15-Kilometer-Regel sind Tourengeher unterwegs, speziell am Spitzingsee und am Sudelfeld. Eigentlich müssten es Einheimische sein, und gerade angesichts der erhöhten Lawinengefahr (siehe unten) hofft man, dass sich wissen, wo die Gefahren ihrer Betätigung auf Schneeschuh, Ski oder Splitboard liegen.

Um Winterfreunde zumindest mit den grundlegenden Dingen vertraut zu machen, die es bei sicheren Touren zu beachten gilt, veranstaltet Alexander Römer mit seinem Lawinencamp Bayern im Corona-Winter Online-Intensiv-Kurse. „Gerade erst am Donnerstag hat eine Lawine am Brauneck zwei Tourengeherinnen verschüttet, die sich Gott sei Dank selbst befreien konnten“, skizziert der Holzkirchner die Gefahr. In seiner langjährigen Tätigkeit als Bergführer habe er immer wieder erleben müssen, dass notwendiges Wissen mitunter „so gut wie gar nicht vorhanden ist.“

Bis dato – also bis zur Corona-Pandemie – führte der Königsweg ins ungesicherte Gelände als erstes über einen Lawinenkurs, der einem in Theorie und Praxis vermittelt, wie man sich möglichst gefahrlos in der Natur bewegt. Weil das heuer auf absehbare Zeit nicht möglich ist, bietet der Lawinencamp-Bayern-Gründer seit Dezember Online-Kurse an, um nicht zuletzt die vielen Wiedereinsteiger und Neulinge auf das faszinierende, aber eben auch riskante Touren-Erlebnis vorzubereiten. Zaghaft habe er mit zehn Teilnehmern begonnen, sich aber mit Technik und Resonanz schnell so wohlgefühlt, dass er sich mittlerweile mit jeweils 30 Eleven zum digitalen Lawinenkurs am Bildschirm versammelt, um zumindest in der Theorie die Sportler fürs Erste fit zu machen.

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Zwei Stunden geht es dabei um Ausrüstung und Planung, um grundlegende Fragestellungen und Möglichkeiten, das Gehörte weiter zu vertiefen. Mehr Leute wären technisch möglich, doch dann würde die Interaktion leiden, die dem Römer wichtig ist, weil er auf jeden einzeln eingehen möchte. Und weil er weiß, dass man gerade durch Fragen, und seien sie vermeintlich noch so dumm, am meisten lernt. Die größte Gruppe seiner digitalen Schüler ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Drum herum gibt‘s alles.“ Auch mal Acht- und Zehnjährige, die mit den Eltern im Meeting sitzen und die der Römer – selbst Vater einer siebenjährigen Tochter – entsprechend einbezieht. Vorab bekommen die Teilnehmer, die nicht nur aus Bayern, sondern auch aus Italien, Hamburg oder der Schweiz kommen, allgemeine Informationen, also zu Notfallausrüstung, statistische Zahlen, empfohlene Links und Apps bis hin zur Checkliste vor der Tour. Am Kursabend selbst, an dem sich Römers Frau Angela um die Rundum-Organisation kümmert, gibt es dazu viele praktische Fallbeispiele aus 15 Jahren Lawinenkurs-Erfahrung. Die Teilnehmer sollen ein Grundgerüst an Kenntnissen erlangen, um dann vor Ort mit der „Snowcard“ weitere Entscheidungen zu treffen.

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Wer weiß, wie er das richtig tut, so sagt Römer, habe gute Chancen, wohlbehalten wieder ins Tal zu kommen. Dafür zitiert der Bergführer eine Auswertung von 185 tödlichen Lawinenunglücken in der Schweiz und in Österreich: „95 Prozent hätten vermieden werden können, wären die Verunglückten im grünen Bereich der Snowcard geblieben.“ Es gilt eben, Berg und Natur zu verstehen und sensibel zu handeln.

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Lawinenlage „heikel und tückisch“

Ein Lawinenabgang durch Raureif? Was sich wenig plausibel anhört, ist aktuell eine äußerst reale Gefahr in den Bergen im Landkreis. Der stetige Wechsel zwischen strengem Frost und leichtem Tauwetter habe große Eiskristalle auf der Altschneedecke entstehen lassen, berichtet Walter Alkofer, Obmann der Lawinenkommission Schliersee, auf Nachfrage unserer Zeitung. Die seien zwar vom Neuschnee zugedeckt worden, damit aber nicht weniger gefährlich. „Die stehen drin wie im Bücherregal“, erklärt Alkofer. Und wenn eines von ihnen ins Rutschen kommt, reißt es alle anderen mit. Und die Skifahrer oder Schneeschuhwanderer, die den Dominoeffekt auslösen. Die im östlichen Landkreis eher dünnere Neuschneeauflage habe die Lage eher noch verschärft, so Alkofer. Die Wintersportler könnten die Schwachschicht damit leichter erreichen und so ein Schneebrett lostreten. Obendrein ist der Raureif nicht die einzige Schwachstelle der Schneedecke. Weiter unten lauern weitere Fallen: eine hart gefrorene und damit äußerst gleitfähige Altschneedecke, die wiederum durch den wärmeren Boden durchfeuchtet und so ebenfalls rutschfreudig ist. „Ich würde mir nicht in die freien Hänge einfahren trauen“, warnt der Lawinenexperte.

Der Lawinenwarndienst Bayern hat für die bayerischen Voralpen die Warnstufe drei, oberhalb von 1500 Metern sogar die zweithöchste Warnstufe vier ausgerufen.

Thorsten Schär, Geschäftsleiter der Alpenregion Tegernsee-Schliersee (ATS), appelliert an die Vernunft der Skifahrer. Trotz der Freude über den Neuschnee sollte man die kritischen Bedingungen bei der Tourenplanung nicht außer acht lassen. „Die Lage ist heikel und tückisch“, mahnt Schär. Obwohl an diesem Wochenende wegen der strikten Corona-Regeln keine Tagesausflügler aus anderen Landkreisen zu erwarten sind, werden die Ranger der vor Ort sein, um die Wintersportler für naturverträgliche ungefährliche Unternehmungen zu sensibilisieren.

sg

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