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Mehrere Ladenschließungen auf einen Schlag

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Gudrun Weitl-Maier in ihrem „kleinen Kaufhaus“.
Sie hält die Stellung an der Bahnhofstraße: Gudrun Weitl-Maier in ihrem „kleinen Kaufhaus“. © STEFAN SCHWEIHOFER

Die Entwicklung ist nicht neu, nimmt aber derzeit immer augenfälligere Formen an: Der Einzelhandel in der Schlierseer Ortsmitte stirbt aus. Lange war seitens der Kommunalpolitik dazu wenig zu hören. Die Notwendigkeit zum Handeln aber ist immerhin im Rathaus angekommen.

Schliersee – Rainer Gerk hat seinen Geschenkeladen an der Lauterer Straße zu Weihnachten geschlossen, am Donnerstagabend hat Barbara Winkel ein letztes Mal den Schlüssel zu ihrer bereits geräumten Parfümerie umgedreht. Und Mode Ambiente von Renate Wilhelm nebenan ist ebenso Geschichte wie der Second-Hand-Laden ein paar Meter weiter. Gerade sind die Probleme, die den Schlierseer Einzelhandel umtreiben, wieder augenfällig. Mehrere Ladenschließungen im engsten Ortszentrum, einem Bereich, in dem die Gemeinde vor allem auch Gästen und Ausflüglern etwas bieten will: Für einen Tourismus-Ort ein kaum akzeptabler Zustand.

Gründe für Schließungen sind vielfältig: Kündigung hier, Gesundheit oder Alter da

Die Gründe für die jüngsten Geschäftsaufgaben sind unterschiedlich. Bei Rainer Gerk war es schlicht die Kündigung durch den Vermieter. Auf Anfrage erzählt er, dass diese im Dezember 2021 auf dem Tisch lag. Nach längerer Suche ist er in Miesbach fündig geworden. Seine bunte Auswahl an Geschenken und Spirituosen und mehr verkauft er ab Mitte Februar am Unteren Markt. Eigentlich sei er nun ganz froh, dass es so gekommen ist. Denn auch ihm fällt auf, dass es mit dem Standort Schliersee bergab geht. „Warum soll man dort noch zum Einkaufen hinfahren?“, fragt er mit Blick auf die weiteren Schließungen ein paar Häuser weiter.

Wandel im Handel: Für die kleinen Läden wird es immer schwerer

Dort waren es Alters- und Gesundheitsgründe, die die Eigentümer zum Aufgeben bewogen haben. „Ich möchte meine Rente genießen“, sagt etwa Barbara Winkel. Schon länger war der Betrieb ihrer Parfümerie mehr Herzensangelegenheit als zwingend notwendig für den Broterwerb. 22 Jahre war sie am jetzt geschlossenen Standort, zuvor weitere 15 am alten an der Auffahrt zu Schliersbergalm – zunächst noch als Angestellte. Im Gespräch sinniert sie grundsätzlich über den Wandel im Einzelhandel. Klar, das Internet. Aber schon zuvor hätten Kaufhäuser und später auch Discounter sich immer mehr des klassischen Einzelhandels-Sortiments bemächtigt und Ketten ihre Finger nach Flächen ausgestreckt. Mit der deutschen Einigung habe es noch einmal ein Hoch gegeben, „ab Ende der 90er ging es bergab“.

Ist Geschichte: Der Geschenkeladen Gerk an der Lauterer Straße hat dich gemacht.
Ist Geschichte: Der Geschenkeladen Gerk an der Lauterer Straße hat dich gemacht.  © STEFAN SCHWEIHOFER

„Kundenverhalten ist der Dreh- und Angelpunkt“

Tapfer die Stellung an der Bahnhofstraße hält derweil Gudrun Weitl-Maier mit ihrem „kleinen Kaufhaus“, wie sie es selbst nennt. Lotto, Spielwaren, Taschen, ein wenig Mode und weiteres mehr. Sie sagt: „Das Kundenverhalten ist der Dreh- und Angelpunkt.“ Das habe sich gewandelt – hin zu mehr Bequemlichkeit und höherem Anspruch an Preis, Sortiment und auch an die Öffnungszeiten. Da als Einzelhändler zu bestehen, ist schwierig. Bleibt eigentlich nur, wenn man nicht gerade über exklusive Ware verfügt, die Kundenbindung über persönlichen Einsatz. So hält es auch Weitl-Maier: „Ich kümmere mich um meine Kunden.“ Dabei hat sie das Glück, auf viele Stammkunden bauen zu können, die sie zum Teil von ihren Eltern übernahm. Ihre Mutter hatte ihren ersten Laden 1967 in Neuhaus eröffnet. Das Glück hat nicht jeder, und Weitl-Maier kann gut verstehen, wenn potenzielle Händler heutzutage das Risiko scheuen, einen Laden zu öffnen, der obendrein wenig Zeit für Hobbys oder auch nur Urlaub lässt. Und bei den Alteingesessenen gibt es oft keine Nachfolge, also veröden die Ortszentren.

In der Pandemie hat sich keiner um die Ortsmitte gekümmert

Klar, die Entwicklung ist nicht neu und zeigt sich in vielen anderen Orten auch. Sie hat Schliersee aber gewissermaßen mit voller Breitseite erwischt. Die Lockdowns mögen eine Rolle spielen, und auch, dass in den Corona-Jahren in Sachen Ortsmitte-Planung seitens des Gemeinderats nichts vorwärtsging. Obendrein, dass mit Gerhard Weitl ein stetiger Mahner und Fürsprecher der Einzelhändler an der Bahnhofstraße nicht mehr lebt.

Freilich ist der Kommunalpolitik die Situation nicht verborgen geblieben. Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer (CSU) sagt: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.“ Heißt zum einen: Leerstand minimieren, bei der Nachmietersuche helfen und dazu entsprechende Netzwerke nutzen. Wer sich darum kümmert? „Ich selber“, sagt Schnitzenbaumer. Mittelfristig gelte es, die Bahnhofstraße attraktiver zu gestalten, speziell was den Verkehr betrifft. Wie berichtet, hat der Gemeinderat bei einer Begehung im November hierzu Ideen gesammelt. Ferner möchte der Bürgermeister über eine Sanierungssatzung ermöglichen, das Hauseigentümer für direkte Investitionen Steuervergünstigungen bekommen können.

Einstweilen müssen Einheimische und Gäste beim Bummeln etwas weitere Kreise ziehen. Zum Beispiel an der Hauptstraße gibt es durchaus noch Läden, die einen Besuch lohnen.

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