Opfer kann sich nicht mehr erinnern

Unlösbarer Fall: Hat Holzkirchnerin Demenzkranke misshandelt? 

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Eine Pflegerin aus Holzkirchen soll eine Demenzkranke im Streit geschlagen, gewürgt und versucht haben, sie von der Treppe zu stoßen. Die Wahrheit bleibt hinter der Demenz verborgen.

Schliersee/Holzkirchen – Die Holzkirchnerin (61) sitzt im grauen Pulli, mit schulterlangen, verstrubbelten Haaren und unruhigem Blick auf der Anklagebank. Sie weint und schluchzt – vor der Verhandlung, währenddessen und auch danach. Dass die Sache sie arg mitnimmt, ist nicht zu übersehen. Sie soll eine demenzkranke Frau, die sie gepflegt hat, misshandelt haben. Die Angeklagte schüttelt immer wieder den Kopf und verbirgt das Gesicht in den Händen. Die einzige Person, die die Wahrheit hätte ans Licht bringen können, kann sie nicht mehr erzählen.

Die Holzkirchnerin, die im April vergangenen Jahres auf Minijob-Basis eine demenzkranke Schlierseerin (79) in deren Haus pflegte, soll diese in einem Streit gewürgt und geschlagen haben. Zudem soll sie versucht haben, die 79-Jährige von der Treppe zu stoßen. Die Dame allerdings kann sich aufgrund der fortgeschrittenen Krankheit nicht mehr äußern. Was bleibt, ist die Aussage ihrer Tochter, die bei der Tat nicht dabei war. „Das ist unwahr. Ich habe sie doch so gemocht“, schluchzt die ehemalige Pflegerin, als die Anklage verlesen wird.

Die 79-Jährige kann kaum mehr einen Satz formulieren

Der Vorwurf geht noch weiter. Auf der Mailbox der Tochter der demenzkranken Frau, die als Zeugin vor Gericht aussagt, waren am Tag des vermeintlichen Streits mindestens zehn Nachrichten mit Beleidigungen und Drohungen eingegangen. Die Angeklagte gibt das sofort zu. Sie habe gehört, dass die Tochter schlimme Dinge über sie gesagt habe und sei wütend gewesen. „Sie hat sich enorm aufgeregt“, sagt Rechtsanwalt Max-Josef Hösl, der die weitere Aussage übernimmt. Seine Mandantin ist aufgewühlt. So sehr, dass die Staatsanwältin aufsteht und ihr ein Taschentuch reicht.

Selbst aussagen kann die 79-jährige Geschädigte vor Gericht nicht. Nach Angaben der Tochter sei das Sprachzentrum mittlerweile so beeinträchtigt, dass ihre Mutter kaum mehr einen Satz formulieren kann. Die Angeklagte wie auch die Tochter berichten zudem, dass sich die 79-Jährige bereits zum Zeitpunkt der vermeintlichen Tat hin und wieder Dinge eingebildet hatte, die gar nicht geschehen waren.

Tochter findet Mutter mit geschwollener Wange und roten Malen am Hals

Für die Beleidigungen entschuldigt sich die Angeklagte noch im Gerichtssaal. Die übrigen Vorwürfe streitet sie weiter ab. Selbst gesehen hatte die Tochter von den Tätlichkeiten nichts. Sie sei nach den vielen Nachrichten auf ihrem Telefon zum Haus der Mutter gefahren und habe diese zitternd im Bett aufgefunden. „Die Wange war geschwollen, und sie hatte rote Male am Hals“, berichtet sie.

Später habe die Mutter ihr von den Schlägen der Pflegerin erzählt, von dem Würgen und, dass die Holzkirchnerin sie von der Treppe stoßen wollte. Atteste vom Hausarzt und dem Zahnarzt zwei Tage nach der vermeintlichen Tat wiesen jedoch keine Verletzungen auf.

Was an jenem Tag im April in dem Haus in Schliersee geschehen ist, konnte das Gericht nicht herausfinden. In einem Rechtsgespräch wurde festgelegt, das Verfahren gegen eine Geldauflage vorläufig einzustellen – schließlich war der Tatbestand der Beleidigung und Drohung erwiesen. Die Holzkirchnerin muss nun 800 Euro an die Arbeiterwohlfahrt zahlen. Unter Tränen nickt sie und schluchzt weiter in das Taschentuch der Staatsanwältin.

nip

Rubriklistenbild: © dpa

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