Pistenraupe
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Ein Arbeitsplatz wie ein Baggerfahrer: Thomas Fankhauser steuert seine Pistenraupe mit einem Joystick, zwei Hebeln und jeder Menge bunter Knöpfe. Schon als Kind träumte er davon, einmal so einen Koloss zu lenken.
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Unscheinbar, aber richtig stark: An einem nur elf Millimeter dünnen Drahtseil zieht sich die Pistenraupe den steilen Hang nach oben. Viereinhalb Tonnen Zugleistung sind möglich.
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Vorsicht: Fankhauser stellt ein Warnschild für Tourengeher auf.
Pistenraupe
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Modernes Cockpit: Ein Bildschirm zeigt Fankhauser die Daten seiner Raupe.
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Fankhauser wickelt das Seil um eine Fichte.
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Der Stamm muss mehrere Tonnen aushalten.
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Fankhauser und sein monströses Arbeitsgerät.
Pistenraupe
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Der Blick aus dem Cockpit.

Sie begeben sich nachts in Lebensgefahr

Wir fahren Pistenraupe: Wie gefährlich Tourengeher leben

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Wenn die Lifte im Skigebiet Spitzingsee still stehen, schlägt die Stunde von Thomas Fankhauser. Mit seiner Pistenraupe pflügt der 24-Jährige jede Nacht über die Stümpflingabfahrt. Wir haben ihn begleitet.

Spitzingsee/Sutten – Wie eine zu tief gehängte Hochspannungsleitung schwankt das Drahtseil über der Piste. Auch wenn hier kein Strom fließt: Die Spannung ist gigantisch. Bis zu viereinhalb Tonnen Zugleistung hat die Seilwinde auf Thomas Fankhausers Pistenraupe im Kreuz. Dank dieser und seiner beiden gigantischen Ketten pflügt sich das 450 PS starke Ungetüm der Marke Kässbohrer scheinbar mühelos durch die weißen Pulverberge auf der Stümpflingabfahrt im Skigebiet Spitzingsee.

Hier das Video vom Pistenraupenfahrer

Plötzlich verfängt sich das Seil in einem Schneehaufen. „Gleich schnalzt’s“, sagt Fankhauser und deutet Richtung Windschutzscheibe. Keine Sekunde später rast das Drahtseil wie die Klinge eines mehrere Hundert Meter langen Samuraischwerts durch die Dunkelheit und köpft jeden Eisbrocken, der ihm in die Quere kommt. Eine vor allem für Tourenskigeher unsichtbare, aber absolut tödliche Gefahr. „Ich würde es nicht mal merken, wenn es einen erwischt“, sagt Fankhauser. „Schuldig fühlen würde ich mich trotzdem.“ Dann schweigt er wieder und lehnt sich zurück, während seine Raupe durch das dichte Schneetreiben den steilen Hang nach oben kriecht.

Es sind Bedingungen, bei denen die meisten Autofahrer schnellstmöglich den nächsten Parkplatz ansteuern würden. Für Fankhauser sind solche Abende Entspannung pur. „Bei dem Wetter sind wenigstens keine Tourengeher unterwegs“, sagt er und lässt wie zum Beweis seinen Suchscheinwerfer über das endlose Weiß kreisen. Der 24-jährige Tiroler im signalroten Kapuzenpulli und roter Mütze – Aufschrift „Pistenbully“ – sitzt mit lässig überkreuzten Stiefeln im Führerhaus. Die rechte Hand auf dem Joystick, mit dem er gleichzeitig das Zwölf-Wege-Schneeschild vor seiner Raupe und die Fräse am Heck steuert, die linke an den beiden Hebeln, die den Kettenantrieb regeln. Lenkrad gibt es keins, das Gaspedal dient zum Festlegen der Drehzahl. „Wie beim Baggerfahren“, sagt Fankhauser und lächelt beseelt.

Der gelernte Zimmerer hat seinen Traumjob gefunden. Schon als kleiner Bub saß er stundenlang auf dem Beifahrersitz, als sein Papa den familieneigenen Skihang in Thiersee präparierte. Die Faszination für große Maschinen und hohe Berge wurde ihm also in die Wiege gelegt. Mit 18 wagte Fankhauser dann den Schritt über die Grenze und fing bei den Alpenbahnen Spitzingsee an. Nach drei Jahren als Liftler hatte er es in den erlesenen Zirkel der Raupenfahrer geschafft. Fünf Kollegen teilen sich die drei Fahrzeuge, die auf der Stümpfling-, Sutten- und Rosskopf-Abfahrt zum Einsatz kommen. Schichtbeginn ist bei Skibetrieb um 17 Uhr, bei starkem Schneefall in der Nacht auch erst um 4.30 Uhr. „Sonst ist die Piste um acht schon wieder weg“, erklärt Fankhauser, dreht seine Raupe einmal um die eigene Achse und nimmt die nächste Bahn unter die Ketten.

Je nach Breite der Abfahrt pendelt er sechs bis acht Mal zwischen Tal- und Bergstation hin und her. Bei der Schrittgeschwindigkeit seiner Raupe ist er gut und gerne bis 1 Uhr morgens beschäftigt. Jede Spur erhält eine Doppelbehandlung. Beim Rauffahren transportiert Fankhauser den von den Skifahrern ins Tal geschobenen Schnee wieder nach oben, beim Runterfahren raut er mit der Fräse die vereisten Stellen auf und verpasst ihnen mit einer Gummilippe – dem sogenannten „Finisher“ – die bei Brettlfans so beliebten Rillen.

Einen besonderen Führerschein braucht Fankhauser für seine Pistenraupe nicht, dafür aber jede Menge Fingerspitzengefühl und ein gutes Auge. Das musste auch er zuerst lernen. „Am Anfang hab ich schon mal ein bisserl Dreck mitgenommen“, erzählt er schmunzelnd und hebt das Schild mit den sich unermüdlich auftürmenden Schneemassen ein paar Zentimeter an. Heute kennt er jeden Buckel und könnte seine Abfahrt wohl auch mit verbundenen Augen planieren.

Dass er dennoch hoch konzentriert am Steuer sitzt, liegt an den Tourengehern. „Bei Vollmond sind die hier in ganzen Horden unterwegs“, sagt Fankhauser. Am Anfang habe er die Schauergeschichte seiner Kollegen nicht geglaubt, meint er. Bis er dann selbst erleben musste, wie einer wie aus der Dunkelheit über sein Drahtseil fuhr und schwer stürzte. Der Sportler kam unverletzt davon – und Fankhauser mit einem gehörigen Schrecken in den Knochen. „Den hab ich dann nie wieder hier gesehen“, sagt er und schluckt. Das mulmige Gefühl, es könnte doch jemand auf der an sich gesperrten Piste herumspazieren, begleitet den 24-Jährigen seitdem aber auf jeder Fahrt.

Seine „Versicherung“, wie er sagt, sind die gelb-roten Warntafeln mit orangefarbenen Blinklichtern, die er in regelmäßigen Abständen auf der Piste aufstellt. Auch an diesem Abend öffnet Fankhauser die verglaste Tür seiner Raupe, springt aus dem Führerhaus und rammt das Schild in den fast hüfttiefen Pulverschnee. Erst als die Abfahrt gesichert ist, zirkelt er das Kettenfahrzeug in Richtung Waldrand, wo er die Schlaufe für das Drahtseil um eine Fichte wickelt. Bis zu 1000 Meter lässt sich dieses ausfahren. Nicht selten denken Tourengeher, sie müssten sich nur weit genug von der Raupe entfernt halten, damit ihnen nichts passiert. An das Drahtseil denken sie nicht. Ein Trugschluss, der tödlich enden kann.

Fankhauser und seinen Kollegen bleibt nichts anderes übrig, als auf die Vernunft der Sportler zu hoffen. Bisweilen suchen sie auch das Gespräch. Auf offene Ohren stoßen sie nur selten. „Die eine Hälfte haut ab, die andere Hälfte geht einfach weiter“, sagt Fankhauser. Umso mehr genießt er die einsamen, verschneiten Nächte. Nur er, seine Raupe und das scheinbar endlose Weiß. Und wenn dann nach der Frühschicht die Sonne aufgeht, schnallt sich der Tiroler kurz vor Feierabend noch schnell selbst die Brettl an. Die erste Abfahrt auf einer unberührten Piste. Einer Piste, die er selbst geschaffen hat. Seiner Piste.

sg

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