Claudia Bögl, Reisebüro, Schliersee
+
Hat aktuell wenig Spaß an ihrer Arbeit: Claudia Bögl vom gleichnamigen Reisebüro in Schliersee kümmert sich momentan fast ausschließlich um Rückerstattung abgesagter Buchungen. 

Veranstalter kaum erreichbar

„Tsunami an Stornierungen“: So leiden Reisebüros unter der Corona-Krise

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
    schließen

Arbeit ohne Ende, aber keine Provision: Die Stornierungswelle wegen der Corona-Pandemie trifft die Reisebüros im Landkreis hart. Doch die Betreiber geben die Hoffnung nicht auf.

Landkreis – Menschen bei der Gestaltung der schönsten Zeit des Jahres unterstützen: Ein Traumjob, schwärmt Claudia Bögl. Seit 28 Jahren schickt die Reisebüro-Inhaberin aus Schliersee ihre Kunden in den Urlaub. Doch seit März ist alles anders. Statt Flüge zu buchen und Hotelzimmer zu reservieren, ringt Bögl um die Rückerstattung der durch das Coronavirus stornierten Reisen – und bringt sich damit selbst um ihre Provision. So auch Sylvia Kolb vom Reisebüro Gurtner aus Holzkirchen. Die Verunsicherung der Kunden sei groß, Reiseveranstalter, Airlines und Hotels in finanziellen Nöten. „Und wir müssen vor Ort den Kopf hinhalten“, sagt Kolb. Wie die Lage für die Reisebüros derzeit aussieht und was Urlauber jetzt wissen müssen, haben wir hier zusammengefasst.

Was wurde alles abgesagt?

Bei Bögl stehen die Telefone kaum still. Absagen, Kunden informieren, Buchungen rückabwickeln. 95 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringe sie mit Stornierungen, sagt die Reisekauffrau. Vom All-Inclusive-Strandurlaub in Ägypten bis zur in vielen Stunden geplanten Individual-Reise nach Sri Lanka und auf die Malediven. „Das alles muss ich jetzt plattmachen“, sagt Bögl. „Da rollt gerade ein Tsunami um die Welt.“

Lesen Sie auch: „Es geht um Existenzen“: Task Force Tourismus berät über Corona-Lockerungen

Während die Kunden schnellstmöglich an ihr Geld wollen, kommen die Touristik-Konzerne nicht mehr mit dem Abarbeiten der Erstattungsgesuche hinterher. Mittendrin stehen die Reisebüros. Und auch die hängen in den Warteschleifen fest. „Tui hat seine Telefonnummern für uns abgeschaltet“, seufzt Bögl. Dennoch versuche sie, das Beste für die betroffenen Urlauber herauszuholen. Gutscheinen stehe sie als Inhaberin eines freien Reisebüros skeptisch gegenüber, gesteht Bögl. „Damit ist man an einen Veranstalter gebunden.“

Was bedeutet die Krise für die Reisebüros?

Jede Menge unbezahlte Arbeit. Da viele der rückabzuwickelnden Reisen bereits im Herbst vergangenen Jahres gebucht wurden, sind die Provisionen an die vermittelnden Büros längst geflossen. Geld, das bereits verplant oder ausgegeben ist, muss jetzt wieder zurückgezahlt werden, erklärt Kolb. „Eine Katastrophe.“ Gar von einem Berufsverbot spricht Bögl. „Da kämpft eine ganze Branche ums Überleben.“

Wann kann man wieder verreisen?

Ab sofort, zumindest in bestimmte Regionen Europas. Kroatien sei ein gutes Ziel für eine Anreise mit dem Auto, sagt Bögl. Wer weiter weg fliegen will, für den sei Griechenland wegen seiner niedrigen Corona-Fallzahlen eine gute Option. Dennoch würden derzeit nur wenige Kunden buchen. Deutschland-Urlauber würden nicht im Reisebüro aufschlagen, ergänzt Kolb. „Die meisten reservieren direkt im Hotel.“ An Fernreisen wagen die beiden Expertinnen noch nicht zu denken. Angesichts der globalen Pandemie-Entwicklung sei heuer kaum noch mit einer weit reichenden Aufhebung von Einreiseverboten zu rechnen. „Der Winter kann schwierig werden“, ist Bögl überzeugt.

Lesen Sie auch: Coronavirus: So will sich der Tegernsee vor infizierten Urlaubern schützen

Wie wird sich der Reisemarkt verändern?

Drastisch. Selbst Branchen-Riesen wie Tui und Lufthansa seien durch die Corona-Krise in Schieflage geraten, berichtet Bögl. Dennoch berge die Krise auch Chancen für die Reisebüros. Viele Kunden hätten jetzt den Nachteil von Online-Buchungen schmerzlich erfahren: überlastete Hotlines, unbeantwortete E-Mails, keine Erstattungen für bereits bezahlte Hotelzimmer und Flugtickets.

„Viele Otto-Normalverbraucher wussten bis vor Kurzem nicht, wie viel Arbeit ihnen ein Reisebüro abnimmt“, sagt Kolb. Dies könnte sich durch Corona ändern. Auch die gerade bei der jüngeren Zielgruppe als konservativ verschrieenen Pauschalreisen könnten eine Renaissance erleben, weil man da im Falle einer Absage leichter und schneller ans Geld komme.

Lesen Sie auch: “Krise intelligent nutzen“: Wirtschaftsförderer sieht Perspektiven für Landkreis

Während Geschäftsreisen wegen der nun bei vielen Firmen etablierten Video-Konferenzen künftig weniger werden dürften, sollte sich der Markt für private Urlaubsreisen schnell wieder erholen, schätzt Kolb. „Vielen fällt sonst daheim irgendwann die Decke auf den Kopf.“ Und auch im Reisebüro in Schliersee gibt es zarte Anzeichen der Hoffnung. Erst kürzlich habe sie für ein Paar eine Reise in den Magic Life Club auf Kreta gebucht, erzählt Bögl. Am 15. Juli ist Abflug. „Die freuen sich wie verrückt.“

sg

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Laufpark Miesbach/Hausham: Planung nimmt Formen an
Das Laufpark-Projekt, dass die Stadt Miesbach zusammen mit Hausham starten will, läuft. Der Stadtrat hat der Kostenübernahme zugestimmt. Allerdings unter einem Vorbehalt.
Laufpark Miesbach/Hausham: Planung nimmt Formen an
Streit um Kurbeitrag in Schliersee: DAV-Bundesverband stärkt Sektion München den Rücken
Die Alpenvereinssektion München erhält Rückendeckung vom Bundesverband. Auch der DAV selbst lehnt die Kurbeitragspflicht für Hütten wie in Schliersee ab.
Streit um Kurbeitrag in Schliersee: DAV-Bundesverband stärkt Sektion München den Rücken
Corona-Teststationen an Landkreis-Grenzübergängen?
Nach zwei Wochen Sommerferien kehren die ersten Landkreisbürger aus dem Urlaub zurück. Die große Frage ist: Bringen sie das Virus mit? Der Freistaat will jetzt in jedem …
Corona-Teststationen an Landkreis-Grenzübergängen?
Er ist erst 28: Neuer Vize-Geschäftsführer erklärt, wie das BRK Helfer motivieren kann
Über einen Schwimmkurs bei der Wasserwacht ist Simon Horst zum BRK gekommen. Jetzt ist der 28-Jährige neuer Vize-Kreisgeschäftsführer. Sein Ziel: Die Jugend zum Helfen …
Er ist erst 28: Neuer Vize-Geschäftsführer erklärt, wie das BRK Helfer motivieren kann

Kommentare