Stimmung mancherorts explosiv

Corona-Hausarrest für Münchner? Bürgermeister von Schliersee fordert Ausflugs-Limit - „einfach zu viel“

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
    schließen
  • Stefan Sessler
    Stefan Sessler
    schließen

Ausflügler verstopfen Straßen, Schilder sorgen für böses Blut, ein Bürgermeister empfiehlt die zeitweise Verbannung der Münchner - und ein Landrat will die Berge schließen.

  • Volle Straßen und Stress bei touristischen Hotspots sorgen bei Bayerns Ausflugszielen schon länger für Ärger.
  • Am Wochenende hat es wieder zahlreiche Münchner und nahe Wohnende nach Miesbach und Co. gezogen.
  • Trotz Corona gibt es Menschenansammlungen. Der Ärger ist mancherorts groß und die Stimmung explosiv.
  • Alles aus der Region gibt‘s im Miesbach-Newsletter.

München/Miesbach – Bayerns Berge sind herrlich, das weiß jedes Kind. Inzwischen weiß aber auch jedes Kind, dass sie mitten in dieser unsympathischen Pandemie oft knallvoll sind. Am Spitzingsee tummelten sich am Wochenende wieder hunderte Ausflügler aus München und den umliegenden Landkreisen. Franz Schnitzenbaumer (CSU) ist Bürgermeister von Schliersee, der Spitzingsee gehört zu seiner Gemeinde. Er sagt: „Das war fast schon Chaos.“

Schliersee: Corona-Konflikt wegen Ausflüglern - „Während der Pandemie einfach zu viel“

Auch Tage danach ist er noch wütend. „Die Abstände werden nicht eingehalten, das bringt die Menschen hier auf die Palme.“ Grundsätzlich sei jeder, der in die Berge wolle, willkommen. „Doch während der Corona*-Pandemie ist das einfach zu viel.“ Die Stimmung ist mancherorts explosiv.

Gerade erst hat in Miesbach ein Schild samt Stinkefinger für Menschen mit Münchner Kennzeichen für Aufregung weit über das Oberland hinaus gesorgt. Das Schild („An olle stodara, ihr lupenreinen idis“) ist zwar unter aller Kanone und inzwischen ein Fall für die Polizei, aber es bringt in seiner Holzschnittartigkeit ein altes Problem auf den Tisch. Stadt gegen Land. Ausflügler gegen Einheimische. Parker gegen Wohner.

Die Lösung des Problems könnte ausgerechnet von einem Linken-Politiker kommen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow will den Bewegungsradius der Menschen in seinem Freistaat auf 15 Kilometer im Umkreis ihres Wohnorts beschränken. Also eine Art soften Hausarrest einführen. „Wir haben immer noch eine zu hohe Mobilität“, sagt er. Am Dienstag will sein Kabinett darüber entscheiden. In Sachsen gilt eine entsprechende Regelung bereits. Das würde – umgerechnet – bedeuten, dass die Münchner Winterfrischler gerade noch an den Fröttmaninger Müllberg kämen, aber nicht mehr zu den Sehnsuchtsorten in Garmisch, Bad Tölz oder Miesbach.

Corona in München: Müllberg Fröttmaning statt Miesbach? 15-Kilometer-Vorschlag erhitzt Gemüter

CSU-Bürgermeister Schnitzenbaumer kann dem ostdeutschen Weg viel Gutes abgewinnen. „Das wäre wirklich angebracht, wenn man sieht, was hier los ist.“ Denn die Ausflügler verstopfen nicht nur die Straßen, sondern erschweren auch den Krankenhausalltag. „Ich bin im regelmäßigen Kontakt mit dem Krankenhaus in Agatharied“, sagt Schnitzenbaumer. In den vergangenen Tagen sei bis 22 Uhr operiert worden. Gebrochene Knochen, Verstauchungen, solche Sachen.

Steffen Herdtle ist Chefarzt der Notaufnahme. Er sagt, die Zahl der touristischen Unfälle gegenüber den Vorjahren sei zwar nicht gestiegen. „Aber die Einhaltung der Hygienemaßnahmen ist eine enorme zusätzliche Belastung“, die Zeit und Kapazitäten fresse. „Das geht einfach nicht, das Personal ist an der Belastungsgrenze“, sagt Schnitzenbaumer dazu. Eine zeitlich befristete Verbannung der Münchner wäre aus seiner Sicht eine gute Lösung.

In Sachsen gilt ein 15-Kilometer-Bewegungsradius. Die Karte zeigt, was das – theoretisch – für Münchner bedeuten würde.

Corona in Miesbach: Landrat fleht Ministerpräsident Söder um Hilfe an - „Berge haben ab sofort geschlossen“

Miesbachs Landrat Olaf von Löwis (CSU) rief bereits per SMS Markus Söder (CSU) um Hilfe. Herr Ministerpräsident, beenden Sie den Ausflugswahnsinn! Am Montag legte der Landrat nach. Er sagt zwar: „Wir pflegen im Landkreis Miesbach eine Willkommenskultur!“ Aber er sagt auch: „Jeder ist willkommen, nur eben nicht, wenn wir uns mitten in einer weltweiten Pandemie befinden, jeder seine Kontakte reduzieren soll und dann Tausende die Berge stürmen.“

Sein Appell: „Bitte bleiben Sie alle zu Hause, ganz egal, wo Sie wohnen, und lassen Sie uns gemeinsam gesund durch diese Pandemie kommen!“ Übersetzt heißt das: Die Berge haben ab sofort geschlossen. Zumindest, wenn es nach dem Landrat geht. Aber wer die Sehnsucht der Bayern nach einem Rodelnachmittag oder einer Skitour kennt, weiß: Das wird schwierig. Dreikönig steht vor der Türe, viele Familien sind erschöpft von Corona* und Langweile.

Bad Tölz-Wolfratshausen: Landrat kann Ausflügler-Aufregung der Miesbacher nicht nachvollziehen

Viel Verkehr am Hausberg in Garmisch-Partenkirchen – die Menschen zieht es in den Schnee. Das Foto entstand am 27. Dezember.

Josef Niedermaier (Freie Wähler), Landrat von Bad Tölz-Wolfratshausen, kann die Aufregung seines Miesbacher Kollegen nicht nachvollziehen. „Ja, es ist was los am Berg“, sagt er. „Aber nüchtern betrachtet verhalten sich die allermeisten den Regeln entsprechend. Wir haben eine schwierige Zeit und sollten jetzt nicht anfangen, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Wenn jemand raus in die Natur will, hat er grundsätzlich das Recht dazu, ganz gleich, ob er aus der Stadt oder vom Land kommt.“ Einen 15-Kilometer-Bewegungsradius findet Niedermaier extrem problematisch. „Wir am Land tun uns leicht zu sagen: bleibt daheim. Wir können raus in die Natur, viele haben ihren eigenen Garten. Und zum Arbeiten pendeln trotzdem viele in die Großstadt nach München und tragen dort zum Verkehr bei. Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“

Helmut Walter, 53, ist Tourenleiter beim Alpenverein. Er wohnt in Bayrischzell, direkt am Wendelstein. Fast täglich geht er eine kleine Skitour. Ein Wanderweg führt direkt an seinem Haus vorbei – er hat sozusagen einen Live-Ticker, was die Ausflüglerdichte betrifft. „Ich verstehe beide Seiten“, sagt er zur aktuellen Diskussion.

Münchner und ihre Ausflugsziele im Umland: „Plötzlich keine Kunden mehr, sondern Konkurrenten“

„Die Ausflügler kommen nicht und lassen Geld da – sondern sie kommen, um Zeit in der Natur zu verbringen.“ Sie sind plötzlich also keine Kunden mehr, sondern Konkurrenten um knappe Parkplätze und enge Rodelhänge. „Momentan merkt man, dass die Grenzen nach Österreich geschlossen sind“, sagt Walter, „deswegen ballt es sich jetzt im bayerischen Alpenvorland.“ Sein Tipp, um ohne Ärger durch den Winter zu kommen: „Man muss antizyklisch unterwegs sein.“ Seine Bergtouren beginnen oft schon um 8 Uhr in der Früh. Wenn die Städter mit ihren Schlitten im Kofferraum auf der A8 stehen, ist er schon längst wieder daheim.

Alle Appelle halfen nichts. Sonnenschein und Schnee haben erneut zahllose Ausflügler in die Berge an Schliersee und Tegernsee gelockt. Die verursachten ein Chaos - mitten im Lockdown. Ein Garmisch-Partenkirchner Neubürger hat kürzlich eine unschöne Begegnung gemacht: Wohl aufgrund seines Münchner Kennzeichens spuckte ihm ein Mann vors Auto.

(Von Stefan Sessler und Laura Forster)

Rubriklistenbild: © Peter Kornatz

Auch interessant

Kommentare