Schliersee: Zwei Pfleger berichten aus Skandal-Heim
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Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bewacht die Seniorenresidenz in Schliersee. Es gibt massive Vorwürfe gegen das Pflegeheim, das von einem italienischen Betreiber geführt wird. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Bodenlose Zustände

Schliersee: Zwei Pfleger berichten aus Skandal-Heim

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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In einem Pflegeheim in Schliersee sollen untragbare Zustände herrschen. Auch vor Corona gab es immer wieder Vorfälle. Zwei Pflegekräfte und ein Angehöriger berichten, was sie erlebt haben.

  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Seniorenresidenz in Schliersee. Es geht um mehrere Fälle von Körperverletzung. 
  • Schon lange vor der Corona-Pandemie gab es in der Einrichtung immer wieder Vorfälle.
  • Zwei Pflegekräfte und ein Angehöriger berichten nun, was sie erlebt haben.
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Schliersee – Anke Gemmels Schicht hat gerade erst begonnen, schon ist sie fassungslos. Sie beobachtet, wie die Hilfskräfte in der Seniorenresidenz Schliersee (Kreis Miesbach) bei den Bewohnern Fieber messen. Eigentlich müsste nach jeder Messung im Ohr der Plastikaufsatz des Thermometers gewechselt werden – aus Hygienegründen. Und in der Corona-Zeit natürlich auch, um Ansteckungen zu verhindern. Doch hier, in der Einrichtung in Schliersee, passiert das nicht. Die rund 20 Bewohner auf der Station bekommen das Thermometer nacheinander ohne Reinigung ins Ohr gesteckt. „Ich habe versucht, einzugreifen“, berichtet Gemmel. Doch die anderen Fachkräfte reagieren entweder genervt – oder verstehen sie nicht einmal, weil sie Hilfskräfte sind und kaum Deutsch sprechen.

Anke Gemmel arbeitet nicht fest in der Schlierseer Einrichtung. Sie hat sich über den Pflege-Pool Bayern freiwillig gemeldet, um ehrenamtlich in Seniorenheimen zu helfen, in denen die Lage seit der Corona-Krise besonders angespannt ist. Schliersee ist eine dieser Einrichtungen. Dort sind drei Bewohner und eine Mitarbeiterin in Zusammenhang mit Corona gestorben, 15 weitere Bewohner und sieben Mitarbeiter sind positiv getestet, zehn davon werden aktuell im Krankenhaus versorgt.

Ein Psychologe und Hausarzt aus Schliersee ist über Nacht verschwunden. Seinen Patienten fehlen Behandlungen und Medikamente. Kurios: Er ist Wiederholungstäter.

30 Soldaten kamen an, die Heimleitung war weg

Als Gemmels Einsatz in Schliersee vor zweieinhalb Wochen begann, kamen zeitgleich rund 30 Bundeswehrsoldaten ins Heim, die das Landratsamt um Unterstützung gebeten hatte. Von den ursprünglichen Pflegekräften war kaum noch jemand da, berichtet sie. Auch die Heimleitung nicht mehr. Eine andere Leitung aus einem Augsburger Seniorenheim, das ebenfalls von dem italienischen Betreiber Sereni Orizzonti geführt wird, wurde eingesetzt. „Ansprechpartner gab es nicht.“ Auf ihrer Station arbeitete eine Fachkraft, sonst nur Hilfskräfte. 

Die Übergabe sei spärlich gewesen. Die Ausrüstung sehr alt, teilweise verdreckt, in den Desinfektionsmittelbehältern habe sich nicht immer das befunden, was auf dem Etikett stand – oder das Verfallsdatum sei abgelaufen gewesen. Das erschreckendste war aber der Zustand der Bewohner, schildert Gemmel. „Sie sind seit langer Zeit nicht richtig gepflegt worden.“ Für die Essens- und Flüssigkeitseingabe gab es keine Protokolle. „Einigen Senioren wurde das Essen einfach ins Zimmer gestellt, wenn sie selbst nicht in der Lage waren zu essen, wurde das volle Tablett wieder abgeräumt.“ Was sie zwei Wochen lang in dem Heim gesehen und erlebt hat, sei kaum zu ertragen gewesen.

Pfleger Carsten Herrmann: „Eine Bewohnerin ist sogar nachts in ihrem Zimmer eingesperrt worden“

Carsten Herrmann schildert das ähnlich. Auch er ist über den Pflege-Pool zwei Wochen in dem Heim eingesetzt gewesen. Auch er hat Bewohner gesehen, die seit Tagen nicht mehr gewaschen wurden und in mit Stuhlgang verunreinigten Betten lagen. „Eine Bewohnerin ist sogar nachts in ihrem Zimmer eingesperrt worden“, erzählt er. Herrmann bestätigt auch, dass abgelaufene Desinfektionsmittel einfach neu etikettiert wurden und die Hilfskräfte mit der Pflege überfordert gewesen seien. „Die Hälfte der Küchenvorräte waren abgelaufen oder verdorben.“

Auch den mehrfachen Einsatz nicht desinfizierter Fieberthermometer kann er bestätigen. „Es ist menschenunwürdig, was mit den Bewohnern in diesem Heim passiert“, sagt er. „Natürlich ist der Betreiber daran schuld – aber auch alle anderen. Alle haben weggeschaut: Pflegekräfte, Angehörige, Ärzte.“ Denn – auch da sind sich Gemmel und Herrmann einig – die Zustände in der Schlierseer Einrichtung sind nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie so schlimm. „Die Bundeswehr hat die Lage entschärft“, sagt Herrmann. Erst seit die Soldaten im Haus waren, wurden infizierte Bewohner auch wirklich isoliert, bestätigt Gemmel. „Vorher waren sie teilweise noch in Doppelzimmern mit gesunden Bewohnern untergebracht.“

Sohn einer Heim-Bewohnerin macht sich Vorwürfe

Peter Bittner (Name geändert) machen die Nachrichten, die er gerade über die Seniorenresidenz hört, schwer zu schaffen. Seine demente Mutter lebt in dem Heim, deshalb will er seinen richtigen Namen nicht nennen – er befürchtet, dass es für sie Nachteile haben könnte. „Meine Mutter wollte vor gut drei Jahren nur in ein Heim ziehen, wenn sie dort Blick auf die Berge hat“, erzählt er. Bittner hat zehn Heime angeschrieben – nur in Schliersee bekam er einen Platz. Heute macht er sich große Vorwürfe, dass er die Einrichtung nicht genauer unter die Lupe genommen hat.

„Ich wusste nicht, worauf ich achten muss“, sagt er. Doch in den vergangenen drei Jahren gab es immer wieder Situationen, in denen er bereute, seine Mutter dort untergebracht zu haben. Einmal musste er den Notarzt rufen, weil sie mit einem Blutdruck von mehr als 200 zitternd im Bett lag und sich niemand um sie gekümmert hatte. „Seit ich sie wegen Corona nicht mehr besuchen kann, mache ich mir noch mehr Sorgen“, sagt er. Von der Heimleitung habe es keinerlei Informationen für die Angehörigen gegeben. „Dass es in dem Heim Todesfälle gab, habe ich aus der Zeitung erfahren“, sagt er.

Viele Beschwerden über die Einrichtung - auch schon vor Corona

Den Medizinischen Dienst der Krankenkassen Bayern erreichen seit einigen Jahren Beschwerden über die Einrichtung. Sie würden vor allem die Fachkraftbesetzung, die pflegerische Versorgung, unzureichende Sprachkenntnisse des Personals und unzureichende Speisenversorgung der Bewohner sowie Hygienedefizite betreffen. Auch Pflegeexperte Claus Fussek hört seit Jahren immer wieder grausame Schilderungen aus dem Schlierseer Pflegeheim. Auch er spricht von kollektivem Versagen. Landratsamt, Gemeinde und Ärzte hätten längst eingreifen müssen, betont er. „Nun ist es die Pflicht des Staates, für den Schutz der Bewohner zu sorgen.“ Laut Landratsamt werden die Soldaten das Heim am Sonntag verlassen. Wie es dann für die Bewohner weitergeht, ist offen.

Katrin Woitsch

Einige Zeit später kommt es zu einem schlimmen Vorfall in der Seniorenresidenz Schliersee*: Eine Seniorin wird Opfer eines Übergriffs - und stirbt später in der Klinik.

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