Schliersee: Pionier-Leistung in der Katastrophe - Die Neuhauser Bockerlbahn
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Bockerlstrecke: Heute erinern Schilder an die Bahn.

100 Jahre Jahrundertsturm

Schliersee: Pionier-Leistung in der Katastrophe - Die Neuhauser Bockerlbahn

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Schlierseer haut so leicht nichts um – auch kein Jahrhundertsturm. Vor genau 100 Jahren verwüstete ein solcher zwar das Gebiets über dem Spitzingsee. Doch die Katastrophe beflügelte zu einem technischen Meisterwerk: der Bockerlbahn.

Spitzingsee – Am Morgen des 6. Januar 1919 stapelten sich in den Hängen über dem Spitzingsee die entwurzelten Bäume meterhoch. In der Nacht hatte ein Föhnsturm mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern auf einem Gebiet, so groß wie 2000 Fußballfelder, fast alle Bäume umgeknickt. Ohne den schützenden Wald hatten die wenigen, die noch standen, gegen die nächsten zwei Stürme keine Chance. „Innerhalb kurzer Zeit lag an den Abhängen von Rotwand, Pfanngraben, Elendgraben und im Tal der Valepp 15-mal so viel Holz, wie das Forstamt Schliersee damals in einem Jahr schlug“, sagt Hans Kornprobst, ehemaliger Leiter des Forstamts Schliersee. „Ein Jahrhundertsturm“, meint Förster Gerhard Waas. Kornprobst sagt: „Aus menschlicher Sicht war es eine Katastrophe.“

Das lag auch am Zeitpunkt des Unglücks. Das Ende des Ersten Weltkriegs war noch keine zwei Monate her, die Wirtschaft lag am Boden, es fehlte an Nahrung und Brennstoff. Zum Spitzingsee führte nur ein schmaler Waldweg, völlig ungeeignet zum Abtransport solcher Holzmassen. „Die alten Bäume mussten schnell weg und neuer Wald her“, erklärt Waas. „Sonst drohten Fäulnis und Erosion.“

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Schliersee: Pionier-Leistung in der Katastrophe - Die Neuhauser Bockerlbahn

Der Sturm hätte die Gegend also in eine Krise stürzen können. Dass er es nicht tat, lag am Einfallsreichtum der Menschen. Bereits sechs Wochen nach dem Sturm stellte ein Münchner Büro einen vollständigen Plan für eine zwölf Kilometer lange Schmalspurbahn zum Abtransport des Holzes vor. „Das war eine technische Meisterleistung“, meint Waas. In dem bergigen Gelände waren Tunnel und Brücken nötig, steile Steigungen und Kurven galt es zu bewältigen. „Kaum vorstellbar, wie das in der kurzen Zeit zu schaffen war.“

Doch etwa zwei Jahre später war die Bockerlbahn fertig. Damit schafften die Arbeiter das Holz von Waitzingeralm, Bleckstein, Wurzhütte, Spitzing und Stockeralm zum Bahnhof Fischhausen-Neuhaus hinab.

Die Bahn und der Abtransport des Holzes linderten in der Region die nach Kriegsende weitverbreitete Armut. Sie brachten Arbeitsplätze und Aufträge für Handwerker. Alleine mit hiesigen Arbeitern wäre das Projekt aber nicht zu bewältigen gewesen. Etwa 2000 Menschen waren zum Bau der Bahn nötig, ähnlich viele arbeiteten später am Abtransport. Weil es in der Gegend nicht genügend Arbeitskräfte gab, andernorts die Arbeit aber knapp war, strömten Menschen aus dem gesamten Alpenraum nach Schliersee. „Hier war man durch den Tourismus an Fremde gewöhnt“, sagt Waas. „Das war wichtig. Man muss den Arbeitern auch sagen: Danke, ihr tut was für uns.“

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Meisterleistung: Die Bockerlbahn zum Abtransport des Holzes wurde in nur sechs Wochen geplant.

Schliersee: Die Bockerlbahn rettete die Region - trotz aller Herausforderungen

Ganz ohne Herausforderungen blieb der Ansturm dennoch nicht. Die Helfer brauchten schnell Wohnraum. Außerdem waren unter ihnen auch Kriminelle. Also errichteten die Neuhauser eine Polizeistation. „Diese hatte durchaus Arbeit bei Raufereien und Auseinandersetzungen“, schreibt Gerald Wehrmann in seinem Buch „Die Neuhauser Bockerlbahn“ aus dem Jahr 2010.

Ein Vermächtnis des Jahrhundertsturms ist bis heute erhalten – anders als die Bockerlbahn selbst, die nach getaner Arbeit wohl Mitte der 1920er-Jahre wieder abgebaut wurde: der Fichtenwald, der durch die Wiederaufforstung entstand. „Vor dem Sturm stand über dem Spitzingsee natürlicher Mischwald, danach reine Fichte“, erklärt Kornprobst. „Weil durch den Klimawandel Stürme häufiger werden und der Borkenkäfer auch in diese Höhen vordringt, müssen wir jetzt wieder Mischwald anpflanzen.“ Erst wenn das geschehen ist, seien alle Folgen des Sturms bewältigt.

Bockerlstrecke: Heute erinern Schilder an die Bahn.

Schliersee erinnert sich: Die Ereignisse zum 100. Jahrestag

Zum Jubiläum des Sturms und der Meisterleistung seiner Bewältigung denkt Schliersee zurück. Im Bauer-Verlag erscheint der von Peter Augustin verfasste historische Roman „Holztod“, der in der Zeit des Abtransports der Sturmschäden spielt. Das Wasmeier-Museum in Neuhaus thematisiert die Bockerlbahn und die Naturkatastrophe im Rahmen derAusstellung „Wege des Holzes“. Auch der Markt Schliersee plant eine eigene Ausstellung. Gerhard Waas will zusammen mit Partnern Führungen entlang der Bahnstrecke anbieten und so die Geschichte erlebbar machen. Gerald Wehrmann hat vor, sein Buch „Die Neuhauser Bockerlbahn“ als E-Book neu herauszubringen. Die gedruckte Auflage ist weitgehend vergriffen.

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