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Experte und Impulsgeber: Markus Ederer (l.) und Gerhard Polt beim diesjährigen Schlierseer Gespräch.

„das größte internationale Friedensprojekt“

Schlierseer Gespräch: Markus Ederer und Gerhard Polt reden über die EU

Brexit, Erdogan, Rechtsruck: Europa ringt mit sich und anderen. Einblicke gaben EU-Botschafter Markus Ederer und Kabarettist Gerhard Polt beim „Schlierseer Gespräch“.

SchlierseeStoßseufzer, Erstaunen oder abfällige Bemerkung? „Ach Europa“ haben sowohl Hans Magnus Enzensberger als auch Jürgen Habermas als Buchtitel gewählt. So griffen Kabarettist Gerhard Polt und der Botschafter der Europäischen Union in Moskau, Markus Ederer, die mehrdeutige Überschrift für ihr „Schlierseer Gespräch“ im Bauerntheater auf.

Schlierseer Gespräch: Markus Ederer und Gerhard Polt reden über die EU

Die vielfältigen Verflechtungen, Widersprüche und Gemeinsamkeiten der EU kristallisieren sich besonders deutlich an Ederers Wirkungsort heraus, trifft er doch als Vertreter Brüssels in der russischen Metropole auf die Botschafter aller 28 EU-Nationen – seit dem näher rückenden Brexit nur noch 27 Kollegen. Der Austritt Großbritanniens bewegte die Gemüter im voll besetzten Bauerntheater ebenso wie Fragen zur Position Deutschlands, der EU oder Russlands in Politik und Wirtschaft, die Ederer nach einem kurzen Abriss der aktuellen politischen Situation in Europa und der Welt beantwortete.

Mit der EU wurde aus einer Wirtschaftsgemeinschaft „das größte internationale Friedensprojekt der europäischen Geschichte“, das überdies den größten Binnenmarkt der Erde und mehr als die Hälfte der globalen Leistungen für Entwicklungshilfe aufbringe, informierte der Spitzendiplomat. „Doch warum erscheint dieses Europa nach innen und außen so macht- und kraftlos?“, fragte Ederer rhetorisch nach der defensiven Haltung gegenüber Zumutungen aus USA, China, Türkei oder Saudi-Arabien. Und erklärte dies im Lauf der Diskussion mit nationalen Kulturen, „Konsens-Störungen“ durch einzelne Länder wie Ungarn oder Polen, unterschiedlichen Waffensystemen, individuellen Erfahrungen, Eigeninteressen und Bündnissen untereinander oder mit anderen Machtblöcken.

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Europa habe die nationalistischen Entwicklungen „am rechten Rand“ verschlafen und wegen des Einstimmigkeitsprinzips Probleme mit der Selbstdarstellung nach außen. Die internationalen Beziehungen seien nicht nur durch die russische Annexion der Krim, den Giftanschlag auf den Ex-Agenten Skripal in England oder den Abschuss des malaysischen Flugzeugs über der Ostukraine belastet. Die USA hätten mit neuen Raketenabwehr-Basen in Osteuropa die baltischen Staaten im Verhältnis zu ihren früheren russischen Besatzern verunsichert, und Deutschland habe seine EU-Partner mit nicht abgesprochenen Alleingängen zur Aufnahme von Flüchtlingen oder zur Energiewende irritiert. Dennoch müsse man zusammenarbeiten, um Exporte zu ermöglichen und Rohstoffe einzukaufen. „Die deutsche Politik müsste deutlicher sagen, wie stark Deutschland von der EU profitiert, selbst wenn wir die größten – aber auch stärksten! – Nettozahler sind“, forderte Ederer.

Weiteren Gesprächsstoff lieferten die Einsetzung von Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Geredet wurde auch über EU-Maßnahmen gegen undemokratische Entwicklungen in Polen und Ungarn, das Versagen Europas beim Abzug der US-Truppen und dem anschließenden türkischen Einmarsch in Syrien sowie die „bewusst offen gehaltene Frage“ neuer EU-Mitgliedschaften. Immer versuchte der EU-Botschafter, „zwischen Mutlosigkeit und falschem Enthusiasmus einen realistischen Weg zu finden“, war sich aber auch sicher: „Die Kommunikation zwischen Europa und seinen Bürgern ist unterentwickelt. Europa kann nur weiter zusammenwachsen, wenn wir mehr Gespräche wie dieses führen.“

Unser Überblick zum diesjährigen Kulturherbst:  Dieser Kulturherbst in Schliersee hat es in sich. Niemand Geringerer als Gerhard Polt wird auf 100 Jahre Schliersee zurückblicken. Nur einer von mehreren Höhepunkten.

Polt unterstrich, die europäische Zivilisation müsse als etwas Wichtiges und Begeisterndes begriffen werden. Für ihn kommt es darauf an, sich gegenseitig besser kennenzulernen, achtsam zu bleiben und sich weiter zu informieren – „vor allem für die Jungen!“ Weil sie Europa nur grenzenlos und friedlich kennen und nichts vom steinigen Weg bis dahin wissen, ergänzte Ederer Polts Appell mit dem Gedanken: „Man sollte sich öfter vorstellen, was wäre, wenn es die EU oder die UNO nicht gäbe. Man würde sie neu erfinden. Mit einem Europa, das uns schützt und nach außen vertritt, stehen wir sicher besser da als ein einzelner Nationalstaat.“

von Gudula Beyse

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