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Gedankenspiele vor historischen Mauern (Bild oben): Architekt Johannes Wegmann (r.) zeigt Schliersees Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer eine Skizze für neue Vitrinen in der Fuge zwischen Heimatmuseum und dem neuen Anbau.

Anbau ans Schlierseer Heimatmuseum

Einmalige Einblicke in die Baugeschichte

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Rund 80 Jahre lang schlummerte die historische Blockwand des Schlierseer Heimatmuseums hinter einer Beton- und Holzverschalung. Für den Anbau wurde sie nun freigelegt. 

Schliersee – Vier Meter trennen mehr als 600 Jahre. So breit ist der überdachte Freiraum zwischen dem neuen Anbau für Kindergarten und Veranstaltungssaal und dem Schlierseer Heimatmuseum aus dem Jahr 1406. Was Architekt Johannes Wegmann schmunzelnd als „größte Fuge der Baugeschichte“ bezeichnet, schmiegt sich behutsam an die nun freigelegte, historische Holzblockwand und Steinmauer des Altbaus. „Der Patient ist offen“, sagt Wegmann. Nachdem er den aktuellen Baufortschritt im Gemeinderat erläutert hatte, nahm sich der Architekt auch für einen Rundgang mit Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer und Geschäftsleiter Jörn Alkofer Zeit.

Spannende Wochen liegen hinter den Projektbeteiligten. Wie bei einem komplizierten Eingriff auf dem Operationstisch haben die Handwerker die Holzverschalung und die verputzte Betonwand aus den 1930er-Jahren abgebrochen. Stein für Stein, Brett für Brett. Denn auch diese Materialien sind geschichtsträchtig. Sie stammen aus dem alten Stall, das damals dem Postgebäude weichen musste. Je mehr von der Blockwand aus dem 15. Jahrhundert sichtbar wurde, umso mehr Fragen tauchten auf. „Wir sind da quasi in einem Wissenschaftsprojekt“, schwärmt Alkofer. Das größte Rätsel stellt derzeit die statt mit Balken nur mit Brettern verschlossene Fläche im Obergeschoss dar. „Das könnte mal ein Durchgang zur Tenne gewesen sein“, vermutet Schnitzenbaumer.

Bei aller Euphorie über die einmaligen Einblicke in die Schlierseer Geschichte: Für den Architekten ist die aus heutiger Sicht alles andere als verlässliche Statik des Heimatmuseums eine echte Herausforderung. Um diese durch den Anbau nicht zusätzlich zu gefährden, hielt Wegmann bei der Planung gewissermaßen einen Sicherheitsabstand von 60 Zentimetern ein. Den Puffer bezeichnet er als „Membran“ oder auch als „Herzstück der Fuge“. Der Clou: Der Anbau trägt sich mit seiner Holz- und Stahlkonstruktion selbst und lehnt sich damit nur leicht an die Blockwand an.

Ginge es nach den Bauforschern, könnte diese gut und gerne dauerhaft geöffnet bleiben. Wären da nicht der Brandschutz. „Da hat uns die harte Realität wieder eingeholt“, meint Wegmann. Mit zur alten Optik passenden Holzriegeln will er den Vorschriften genüge leisten. Dennoch gebe es ein „Fenster zum Gestalten“, erklärt Wegmann. Ein Glaselement mit integrierter Brandschutztür soll eine Verbindung zwischen Fuge und dem Durchgang zum Waldeckersaal des Heimatmuseums schaffen. Und damit nicht nur den erforderlichen zweiten Rettungsweg herstellen, sondern auch eine Blickbeziehung vom An- in den Altbau ermöglichen.

Durch den Abbruch der Verschalung aus den 1930er-Jahren ist die mehr als 600 Jahre alte Holzblock- und Steinwand des Heimatmuseums zum Vorschein gekommen. 

Noch ein Gedankenspiel ist die Ausgestaltung des 60 Zentimeter breiten Puffers. Ziel ist es, so Wegmann, „den gewonnenen Raum nicht nur von einer Seite aus zu nutzen“. In einer Skizze hat der Architekt eine Variante aufgezeichnet. Sie sieht eine Erweiterung der Schaukästen des Heimatmuseums zu Vitrinen vor. Mittels rückseitiger „Guckerl“ aus Glas könnten die Ausstellungsobjekte auf beiden Seiten der Wand wirken – und damit eine weitere Verbindung zwischen Alt und Neu knüpfen.

Entschieden ist aber noch nichts, betont Schnitzenbaumer. Erst wenn eine Kostenschätzung vorliegt, könne der Gemeinderat darüber entscheiden. In der Dezembersitzung stellte Wegmann bereits Zuschüsse in Aussicht. „Um die Kosten werden uns nicht viele beneiden“, sagte Gerhard Waas (Grüne), „um das Gebäude aber sehr wohl“.

Der Zeitplan bis zur Eröffnung des Kindergartens im April bleibt straff. Das Jahresziel habe man mit dem Abschluss von Elektro-, Heizung- und Sanitärinstallation erreicht, verkündete Wegmann im Gemeinderat. Im Februar soll die Metall-Glas-Fassade angebracht werden. Die Kosten für den Anbau und die Sanierung der alten Turnhalle kalkuliert der Architekt weiterhin konstant mit 3,2 Millionen Euro. Als Gegenwert habe Schliersee die „exklusive Aufbereitung eines Baudenkmals“ bekommen, schwärmt Wegmann. Und die Bauforscher eine nahezu unbezahlbar wertvolle Wissensquelle.

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