In der Seniorenresidenz in Schliersee sollen die Bewohner schlecht versorgt worden sein. Es wird ermittelt.
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In der Seniorenresidenz in Schliersee sollen die Bewohner schlecht versorgt worden sein. Es wird ermittelt.

Heim beschäftigt Politik

Seniorenresidenz Schliersee: SPD will Sondersitzung, Landratsamt: „Geht nicht“

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Seniorenresidenz Schliersee beschäftigt weiter die Politik: Die SPD-Kreistagsfraktion hat nun eine Sitzung des Sozialbeirats zum Thema gefordert. Das geht nicht, entgegnet das Landratsamt.

Die Seniorenresidenz Schliersee Mängel beschäftigt weiter die Politik: Die SPD-Kreistagsfraktion hat nun eine Sitzung des Sozialbeirats zum Thema gefordert. Dieser solle mit Vertretern des Gesundheitsamtes, der FQA (ehemals Heimaufsicht) und wenn möglich der Regierung von Oberbayern Fragen zu Handlungsspielräumen des Landratsamts klären.

Hintergrund ist laut Fraktionssprecherin Christine Negele eine aus ihrer Sicht „abschlägige Antwort“ des Landratsamts auf ihre Anfrage zum Thema. Negele wollte unter anderem wissen, warum die im Januar erstellte 18-seitige Mängelliste zur Seniorenresidenz (wir berichteten) nicht ausreichte, das Heim zu schließen.

Das Landratsamt habe sie daraufhin auf Medienberichte verwiesen, sagt Negele. Darüber hinaus könne der Landrat nichts sagen – wegen der „derzeit vielfältigen Herausforderungen“ und der laufenden Ermittlungen gegen die Seniorenresidenz.

Die Sitzung wird es nicht geben. Der Kreistag und seine Ausschüsse seien schlicht nicht zuständig, entgegnet das Landratsamt: Staatliche Aufgaben wie die FQA unterstünden der Regierung von Oberbayern. Das Landratsamt dürfe die Sitzung gar nicht einberufen. Gleichzeitig verweist es auf „sehr umfangreiche Informationen“ zu Negeles Anfragen, die den Kreisräten zugegangen seien.

Schließlich erwähnt das Landratsamt auch die Ermittlungen: „Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft untersuchen die Vorfälle, und wenn Frau Negele Kenntnisse für strafbares Fehlverhalten hat, dann möge sie diese bitte unverzüglich bei der Staatsanwaltschaft anzeigen.“

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Schliersee – Offenbar sind Ärzte, gesetzliche Betreuer von Bewohnern und andere regelmäßige Besucher der Seniorenresidenz Schliersee nicht gegen die Pflegemissstände vorgegangen, die nun in der Einrichtung im Raum stehen. Laut Landratsamt sei während der gesamten Existenz der Seniorenresidenz nur eine einzige Beschwerde eines niedergelassenen Arztes über das Heim eingegangen – im Jahr 2011, wegen Personalmangels.

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Diesen habe die Behörde überprüft, bestätigt und angemahnt. Bei der nächsten Kontrolle sei er abgestellt gewesen. Darüber hinaus habe sich niemand an die Behörde gewandt. Erst nach dem Einsatz der Bundeswehr im Mai 2020 hätten Einsatzkräfte, Ärzte und Nachbarn berichtet, jeder wisse, dass es im Heim „ganz schlimm“ zugehe.

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Wie berichtet, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung in 88 Fällen und zwei Todesfällen gegen die Seniorenresidenz. Zwei ehemalige Bewohner wurden exhumiert.

Viele Besucher der Residenz, das sagt auch das Landratsamt, konnten die Probleme wohl kaum erkennen. Warum, erklärt die Aussage eines Besuchers, der oft mehrfach wöchentlich in der Einrichtung war und ungenannt bleiben möchte. Die Person sagt, ihr seien dort keine abgemagerten oder verwahrlosten Patienten begegnet. Die Berichte aus der Einrichtung seien für sie eine Überraschung: „Es ist absolut rätselhaft.“

Die Person war, wie viele andere Besucher, aber immer nur kurz in der Einrichtung, rechnete nicht mit gravierenden Problemen und hätte wohl ohnehin keine Chance gehabt, Beweise für schlechte Pflege zu sammeln. Das könnte erklären, warum viele Menschen einen schlechten Eindruck vom Heim hatten, sich aber nicht an die Behörden wendeten: Ihnen war das Ausmaß nicht bewusst.

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In schlechterem Licht erscheinen berufliche Betreuer. Gerichte stellen diese Senioren zur Seite, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können und die keine Angehörigen haben, die es tun. In der Seniorenresidenz ist ihr Anteil laut Landratsamt sehr hoch. Nur wenige Bewohner hätten Angehörige, die regelmäßig zu Besuch kommen.

Daraus entstünden zwei Probleme. Erstens: Will die FQA (ehemals Heimaufsicht) bei einer unangekündigten Kontrolle einen Patienten anschauen, muss sie vorher die Zustimmung des Betreuers einholen. Das dauere meist eine Stunde und gebe dem Heim Zeit, Bewohner herzurichten. Zweitens: Oft würden gerichtlich bestimmte Betreuer die Erlaubnis nicht erteilen, und die FQA müsse unverrichteter Dinge abziehen. Beides Gründe, warum das Landratsamt das Heim nicht habe schließen können. Gleichzeitig haben aber auch Angehörige unserer Zeitung berichtet, in der Einrichtung keine verwahrlosten Besucher gesehen zu haben.

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