Traurige Berühmtheit erlangte die Seniorenresidenz, als im Mai 2020 zahlreiche Bewohner und Pfleger an Corona erkrankten – wegen fehlender Schutzmaßnahmen. Seitdem mehren sich die Negativschlagzeilen, greifbare Aussagen fehlten aber. Nun bestätigt die Staatsanwaltschaft, was offensichtlich schien: Es lief vieles falsch.
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Traurige Berühmtheit erlangte die Seniorenresidenz, als im Mai 2020 zahlreiche Bewohner und Pfleger an Corona erkrankten – wegen fehlender Schutzmaßnahmen. Seitdem mehren sich die Negativschlagzeilen.

„Aus dem Zusammenhang gerissen“

Seniorenresidenz Schliersee: Staatsanwaltschaft vermutet Körperverletzung - Landratsamt weist BR-Kritik zurück

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Staatsanwaltschaft bestätigt Ermittlungen wegen Körperverletzung in 88 Fällen gegen die Seniorenresidenz Schliersee. Der BR berichtet, das Landratsamt habe Hinweise ignoriert. Die Behörde weist das zurück.

Schliersee – Was der Bayerische Rundfunk (BR) gestern berichtete, widerspricht allem, was das Landratsamt seit Monaten zur Seniorenresidenz Schliersee behauptet: Landrat Olaf von Löwis habe bestätigt, dass die „Fachstelle für Behinderten- und Pflegeeinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht“ (FQA, ehemals Heimaufsicht) vielen Beschwerden über die skandalträchtige Pflegeeinrichtung nicht nachgegangen sei. „Ja. Ich will das so stehen lassen“, soll Löwis gesagt haben. „Habt ihr gut recherchiert.“

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Seniorenresidenz Schliersee: Staatsanwaltschaft bestätigt verwahrloste Bewohner - Landratsamt in Kritik

Löwis’ angebliche Aussage überrascht. Denn auch unsere Zeitung hat in den vergangenen Monaten das Landratsamt mehrfach nach den Kontrollen in der Seniorenresidenz gefragt. Immer wieder hatten ehemalige Mitarbeiter und Angehörige Schreckensgeschichten aus dem Heim berichtet – fast immer mit dem Verweis, die Heimaufsicht wisse Bescheid, unternehme aber nichts. Das Landratsamt hatte die Schuld aber stets von sich gewiesen (wir berichteten).

„Tatsächlich haben wir uns auch bereits gefragt, wo die ganzen Beschwerdeführer, die nun Anschuldigungen gegenüber Heim und Heimaufsicht erheben, in den letzten Jahren waren“, schrieb die Behörde beispielsweise im Juni 2020. Beschwerden seien keinesfalls in der Zahl und Schärfe eingegangen, wie sie später auftauchten. Bei jedem einzelnen Hinweis seien Mitarbeiter der Heimaufsicht ohne Vorankündigung in das Heim gefahren, „Die Beschwerden haben sich aber vor Ort als nicht so schwerwiegend herausgestellt, wie es nun im Nachhinein bei manchen Erzählungen den Anschein erweckt. Sie waren vergleichbar mit anderen Einrichtungen. Jeder einzelne festgestellte Mangel wurde dokumentiert und bei Bedarf auch geahndet“, hieß es damals.

Landratsamt weist Kritik wegen Seniorenresidenz zurück: „Aus Zusammenhang gerissen“

Wie passen beide Aussagen zusammen? „Das Zitat vom Landrat (beim BR, Anm. d. Red.) ist aus dem Zusammenhang gerissen“, sagte gestern eine Sprecherin der Behörde. Richtig sei: Die Heimaufsicht habe nicht allen Beschwerden über die Seniorenresidenz nachgehen können – aber nicht aus Nachlässigkeit. Einerseits könne sie bei späten Beschwerden nicht prüfen, ob ein Bewohner vor Wochen tatsächlich in eigenen Ausscheidungen lag.

Andererseits hätten ihr die beiden Betreiberwechsel seit 2016 die Arbeit erschwert: Vorwürfe gegen ehemalige Betreiber seien nach einem Wechsel hinfällig. Ähnlich wie ein Restaurant nicht für Hygienemängel des Vorbesitzers verantwortlich gemacht werden kann, habe die Heimaufsicht mit jedem neuen Betreiber bei null anfangen müssen und sei nicht vorwärts gekommen. Löwis habe deshalb im BR mehr rechtliche Handhabe gefordert.

Die Aussage, er wolle das so stehen lassen, beziehe sich auf ein anderes Problem: Bei jedem Betreiber seien immer wieder die gleichen Mängel aufgetreten. Der BR habe gefragt, ob die Heimaufsicht schneller zum Punkt hätte kommen können und nicht immer wieder bei null hätte anfangen sollen. Das habe Löwis bejaht und auf die Änderungen unter seiner Führung hingewiesen. Deswegen auch der Satz „Das haben wir so schnell und gut es ging abgestellt“, den der BR ebenfalls zitiert.

Wie berichtet, hat das Landratsamt unter Löwis den Fachbereich 44 „Betreuung, FQA und Senioren“ geschaffen, der Seniorenbelange bündelt. Schon bei der Gründung im Januar hatte Löwis gesagt, die Ereignisse in der Seniorenresidenz hätten den Handlungsbedarf am deutlichsten offengelegt. Wie deutlich, verrät nun das Landratsamt: Unter anderem sei eine Mitarbeiterin beurlaubt worden. „Es liegt kein Stein mehr auf dem anderen.“

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Körperverletzung

Wie schwer die Probleme in der Seniorenresidenz waren, zeigt auch, dass die Staatsanwaltschaft München II inzwischen gegen das Heim wegen Körperverletzung bei 88 Bewohnern ermittelt. Außerdem prüft sie 17 Todesfälle. Eine Anklage sei wahrscheinlich. Der BR berichtet zudem von zwei Exhumierungen ehemaliger Bewohner.

Die inzwischen weit fortgeschrittenen Ermittlungen bezögen sich auf mehrere Monate bis Mai 2020 und richteten sich gegen vier Personen, darunter eine ehemalige Einrichtungsleitung, so die Staatsanwaltschaft. Es habe im Heim verwahrloste und unterernährte Personen gegeben. Angehörige und ehemalige Mitarbeiter berichteten außerdem von abgelaufenen Medikamenten, unqualifiziertem Personal und ständigem Sparzwang.

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