Bereits im September könnte die Bewohner der Seniorenresidenz Schliersee verlegt werden müssen: Die Pflegekassen wollen nicht länger zahlen.
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Bereits im September könnte die Bewohner der Seniorenresidenz Schliersee verlegt werden müssen: Die Pflegekassen wollen nicht länger zahlen.

„Wollen, dass Menschen da rauskommen“

Seniorenresidenz Schliersee: VdK unterstützt Bewohner bei der Suche nach Alternativen

  • Christian Masengarb
    VonChristian Masengarb
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Nachdem der VdK bereits im Mai das sofortige Ende für die Seniorenresidenz Schliersee gefordert hat, wendet er sich nun an Bewohner und Angehörige: Er will ihnen bei der Suche nach neuen Heimen helfen.

Schliersee – Während es in den vergangenen Wochen ruhig um die Seniorenresidenz Schliersee geworden ist, will der VdK unabhängig von der Entscheidung über die Zukunft des Heims helfen: Kristian Müller, Geschäftsführer des VdK Bad Tölz-Wolfratshausen-Miesbach, will Pflegebedürftige und Angehörige bei der Suche nach Alternativen unterstützen. Im Gespräch erklärt Müller, warum er das für nötig hält und wie der VdK genau helfen kann.

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VdK unterstützt Seniorenresidenz-Bewohner bei der Suche nach Alternativen

Herr Müller, der VdK bietet ausdrücklich Angehörigen Hilfe an, um Bewohner der Seniorenresidenz Schliersee in andere Heime zu verlegen. Ein alltäglicher Vorgang?

Wir machen es zumindest zum ersten Mal. Aber was in und um die Seniorenresidenz Schliersee passiert, ist einzigartig. Das hat es so noch nicht gegeben in Bayern.

Kristian Müller (35) VdK-Kreisvorsitzender

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Warum wollen Sie helfen?

Wir stehen in Kontakt mit der Tochter eines Mitglieds. Unser Mitglied hat in der Seniorenresidenz gelebt. Sie hat uns informiert, wie es im Heim tatsächlich ausschaut. Wir haben geholfen, der Mutter ein neues Heim zu finden. Im Nachhinein meinte die Tochter, sie hätte den Schritt viel früher gehen sollen. Ich denke, ähnlich geht es vielen Angehörigen. Viele sind überfordert oder wissen nicht, welche Möglichkeiten es gibt und an wen sie sich wenden sollen. Sie wollen wir sehr praktisch unterstützen.

Was genau tun Sie für Bewohner und Angehörige?

Mehreres. Einerseits schauen wir, dass wir für die Senioren in der Nähe einen Heimplatz finden. Die Leute sollen nicht aus ihrem gewohnten Umfeld, wo sie ja auch sozial verwurzelt sind, herausgerissen und gegen ihren Willen in ein anderes Heim irgendwo in Bayern verlegt werden.

Das ist wichtig, weil nach Schätzungen bei einer Verlegung bis zu ein Drittel der Menschen sterben könnte?

Diese Schätzung kann ich nicht nachvollziehen. Aber es gibt natürlich Heimbewohner, da muss man beim Transport ganz vorsichtig sein. Wir helfen, dass jeder, der medizinische Hilfe braucht, sie bekommt – also einen Krankentransport mit medizinischem Fachpersonal statt einem herkömmlichen Behindertentransport. Dazu muss man abklären, wie man diesen organisiert und wie hoch der Pflegebedarf ist. Da sind die Experten unseres Beratungstelefons „Pflege und Wohnen“ die richtigen Ansprechpartner. Sie beschäftigen sich täglich mit diesen Themen und wissen, was möglich ist. Das senkt das Risiko bei der Verlegung.

Ihre Experten helfen also gerade bei Themen, die viele überwältigen.

Genau. Sie können den Angehörigen Adressen geben, Kontakte herstellen, Formulare suchen. Damit diese die richtigen Leistungen beantragen und ihre Kosten gedeckt bekommen. Man darf nicht vergessen, dass die Seniorenresidenz eines der günstigsten Heime in ganz Bayern ist. Die Verlegung in ein anderes Heim ist für Angehörige ein finanzielles Risiko. Der VdK unterstützt sie, die richtigen Anträge zu stellen und ihre Kosten zu decken.

Der VdK hat im Mai die sofortige Schließung der Seniorenresidenz gefordert. Wie ergänzt Ihr Angebot diese Forderung nun?

Wir wollen nicht nur fordern. Die Schließung des Heims und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen – das ist wichtig und richtig und das muss sein. Aber es ist nur die eine Seite. Wir dürfen auch die Betroffenen nicht vergessen. Die Menschen im Heim und ihre Angehörigen. Sie brauchen Hilfe und für sie wollen wir da sein. Deswegen möchte ich betonen: Wir unterstützen alle, egal ob VdK-Mitglied oder nicht. Wir wollen, dass die Menschen da rauskommen.

Das Beratungstelefon

„Pflege und Wohnen“ des VdK erreichen Angehörige unter 0 89 / 2 11 71 12.

Der Sachstand zur Seniorenresidenz: Entscheidung zur Pflegevertrags-Kündigung naht

Der VdK weist zu einem entscheidenden Zeitpunkt auf seine Hilfen bei der Verlegung hin: Wie berichtet, droht der Seniorenresidenz Schliersee die außerordentliche Kündigung des Versorgungsvertrags durch die Arbeitsgemeinschaft (Arge) der Pflegekassen. Die Arge hatte dem Heim die Kündigung im Mai zugestellt und ihm bis Mitte Juni Zeit zur Stellungnahme gegeben. Diese ist erfolgt. Nun müssen Arge und Bezirk entscheiden, ob sie die Kündigung aufrechterhalten. Das dürfte noch im Juli passieren.

Mehrere Experten vermuten, dass die Kündigung bestehen bleibt. Dann würden die Pflegekassen ab September nicht mehr für in der Seniorenresidenz gepflegte Menschen zahlen. Das wäre fast sicher das Aus für den derzeitigen Betreiber, vielleicht das Ende der Einrichtung. Kommt es dazu, müssten alle Bewohner in neue Heime verlegt werden. Hilfe für Angehörige und Betreuer wäre dann unerlässlich.

Zeitgleich ermitteln die Staatsanwaltschaft München II und die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg gegen die Seniorenresidenz. Es geht um Abrechnungsbetrug, Körperverletzung und mehrere Todesfälle. Zwei ehemalige Bewohner wurden exhumiert. Noch vernehmen die Ermittler Zeugen und sichten Beweise. Ob und wann es eine Anklage geben wird, ist offen.  

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