Seniorenresidenz Schliersee: Angehöriger erhebt Vorwürfe gegen Landratsamt
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Fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen: Gerhard Ceglarek, dessen Mutter in der Schlierseer Seniorenresidenz verstarb.

„Die Heimaufsicht wusste Bescheid“

Seniorenresidenz Schliersee: Angehöriger erhebt Vorwürfe gegen Landratsamt

  • Alexandra Korimorth
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Die Zustände in der Seniorenresidenz Schliersee liegen offenbar nicht erst seit der Corona-Krise im Argen. Jetzt erhebt ein Angehöriger einer verstorbenen Frau Vorwürfe – auch gegen die Heimaufsicht am Landratsamt.

Schliersee – Gerhard Ceglarek ist immer noch empört, wenn er über seine Erfahrung mit der Seniorenresidenz spricht. Seine Mutter kam Anfang 2016 in die Seniorenresidenz und verstarb dort im Oktober 2019. Täglich hat der Elektriker seine Mutter besucht und die Verschlechterung der Zustände in dem Pflegeheim mitbekommen. Anfänglich sei alles bestens gelaufen: „Es war genügend – auch deutschsprachiges – Personal da. Und man hatte auch stets dieselben Ansprechpartner.“ Ende 2018 aber habe eine große Personalfluktuation eingesetzt. Ausgerechnet in der Zeit, als Maria-Hilda Ceglarek zunehmend Unterstützung brauchte. „Eine Zeit lang gab es noch eine externe Fachkraft. Aber danach habe ich kein Schwein mehr gesehen. Und die Leute wurden sich selbst überlassen“, erinnert sich Ceglarek – auch mit Blick auf die Demenzpatienten, die immer wieder unbeaufsichtigt das Heim verließen und mitunter stürzten und verunfallten.

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Seniorenresidenz Schliersee: Angehöriger erhebt Vorwürfe gegen Landratsamt

Schon da hat er beim Pflegepersonal wie bei der Heimleitung immer wieder moniert, dass seine Mutter nicht gekämmt oder ihre Brille verdreckt war. Im Mai 2019 kam dann das Schreiben, dass ein italienisches Unternehmen die Seniorenresidenz übernommen habe und dass sich dadurch nichts ändern würde. Drei Wochen später aber flatterte dann die Grundpreiserhöhung ins Haus. „Die war völlig überzogen. Die wollten zum Beispiel 500 Euro im Monat mehr als Einzelzimmerzuschlag. Eine Tube Zahnpasta sollte fünf Euro, ein Packerl Taschentücher einen Euro Kosten“, sagt Ceglarek. Er schaltete eine Anwältin ein. Die erhob Widerspruch gegen die Entgelterhöhung, die sowohl gegen den Heimvertrag verstieß als auch gegen die allgemeine Gesetzgebung, die eine Änderung solcher Heimverträge regelt. Dieses Schreiben ging auch an die Heimaufsicht am Landratsamt. „Ich war sehr überrascht, dass die Heimaufsicht das lediglich zur Kenntnis nahm und mitteilte, dass ihnen bei zivilrechtlichen Problemen die Hände gebunden seien.“

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Ceglarek bündelte seine Beschwerden in einem Fragebogen und wollte eine gemeinschaftliche Begehung mit Heimaufsicht, Heimleitung, Mutter und Sohn. Ein solcher Vor-Ort-Termin fand nie statt. Ceglarek fühlt sich von der Behörde im Stich gelassen. Verbittert stellt er aber fest: „Es kann also nicht davon die Rede gewesen sein, dass die Heimaufsicht nichts von all dem gewusst hat.“

Michael Runge, Saalchef in der Spielbank Bad Wiessee, bestätigt die Beobachtungen. Seine Mutter war 2012 in die Seniorenresidenz gekommen. Sie verstarb während der Corona-Krise. Das letzte Mal gesehen hat Runge sie im Februar 2020. Bis dahin, so berichtet er, habe er immer wieder selbst ihr Zimmer sauber gemacht, weil alles so verdreckt war. „Die Häkchen für die Bad-Reinigung wurden oft schon zwei Tage im Voraus gesetzt. In den Zimmern hat es übel gerochen“, erinnert er sich. Bei seinem letzten Besuch war das Bett seiner Mutter nass. Er musste einfordern, dass man die Bettwäsche wechselt und seine Mutter reinigt. Dann wurde ihm der Zutritt wegen Corona verweigert. Seine Mutter starb am 6. Mai, ohne dass Runge sicher weiß, ob die Umstände würdevoll waren. Auch er hatte besagten Anhörungsbogen der Heimaufsicht ausgefüllt. „Aber es ist nie was passiert. Da hat überhaupt nichts hingehauen“, sagt er aufgebracht.

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Auf Anfrage nimmt Landratsamt-Sprecherin Sophie Stadler Stellung. Obwohl die Beschwerden und Dokumentationen seit 2009 sauber geführt seien und jede Beschwerde bearbeitet werden muss, seien keine Unterlagen der Runges zu finden. Indes: Auf die Beschwerde von Ceglarek hin habe am 31. Mai 2019 eine anlassbezogene Kontrolle stattgefunden. „Herr Ceglarek wurde zusätzlich angehört, um die Vorwürfe zu präzisieren. Bei der Kontrolle konnten jedoch keine gravierenden Mängel festgestellt werden“, berichtet Stadler. Gleiches gelte für einen weiteren anlassbezogenen Termin im gleichen Jahr sowie die jährliche reguläre Kontrolle im November. Die festgestellten Mängel seien vergleichbar gewesen mit jenen in andern Einrichtungen. Bezüglich der Vertragsänderungen und der Kostenstruktur muss sie bedauern: „Der Vertrag zwischen Bewohner und Heim ist tatsächlich eine privatrechtliche Angelegenheit. Die Heimaufsicht hat keinerlei Möglichkeiten, hierauf einzuwirken.“

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