Sieht Potenzial: Für Anton Stetter, hier in den Tegernsee Arkaden, hat der Einzelhandel im Landkreis Zukunft – wenn die Unternehmer sie nutzen. Das will er mit neuen Projekten unterstützen: regionaler Bonuskarte und Amazon Oberland. Foto: Thomas Plettenberg
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Sieht Potenzial: Für Anton Stetter, hier in den Tegernsee Arkaden, hat der Einzelhandel im Landkreis Zukunft – wenn die Unternehmer sie nutzen. Das will er mit neuen Projekten unterstützen: regionaler Bonuskarte und Amazon Oberland.

Neues Projekt: Amazon Oberland

Anton Stetter zum Einzelhandel: Gemeinden unschuldig an Problemen – Händlern brauchen Ideen

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Slyrs-Chef Anton Stetter kennt die Herausforderungen des Einzelhandels im Landkreis. Die Kommunen treffe daran keine Schuld, sagt er. Händler müssten neue Ideen anpacken.

Schliersee – Obwohl der Standort Schliersee wie viele Kommunen im Landkreis wegen mangelnder Attraktivität in der Kritik der Einzelhändler steht, zieht Anton Stetter (58) im Ortsteil Neuhaus mit Slyrs Kunden an. Die Kritik seiner Kollegen aus dem Ortskern teilt Stetter, auch Vorsitzender des Unternehmerverbands Miesbach und Geschäftsführer der Tegernsee Arkaden, nur bedingt. In unserem Gespräch erklärt er, warum er den Gemeinden keine Vorwürfe macht und welche Chancen der Einzelhandel im Landkreis hat.

Anton Stetter zum Einzelhandel: Gemeinden unschuldig an Problemen – Händlern brauchen Ideen

Herr Stetter, Schlierseer Einzelhändler kritisieren den Standort. Sie auch?

Was Achim Stauder gesagt hat, ist alles richtig. Wir müssen aber auch einen Vorwärtsappell starten. Es gibt tolle Beispiele für Einzelhandel, der funktioniert, auch in Schliersee. Slyrs läuft hervorragend. Auch, weil wir mit viel Aufwand ein Restaurant dazu gebaut haben. Die Essendorfer Genussschmelzerei nebenan blüht und gedeiht. Da ist ein guter Campus entstanden. Die Menschen kommen, trinken Kaffee und machen eine Führung. Sie kaufen Pesto und Whiskey. Auch in der Lantenhammer Erlebnisdestillerie in Hausham haben wir großen Erfolg – trotz abgelegenem Standort.

Was macht den Unterschied?

Wir haben immer wieder investiert, um attraktive Erlebnisse zu schaffen. Wir haben fantastische Mitarbeiter und kreieren ständig Neues.

Brauchen Einzelhändler neue Konzepte mehr als Hilfe von den Gemeinden?

Die Gemeinden sind wichtig. Aber ich kenne keinen Bürgermeister im Landkreis, der Geschäftsleuten Steine in den Weg legt. Auf die kann man es nicht schieben.

Das Problem liegt bei den Geschäftsleuten?

Meiner Meinung scheitert es oft am Pragmatismus. Man darf nicht auf die Gemeinde schimpfen oder auf die Kunden. Man muss mit dem arbeiten, was da ist. Beispiel Schliersee: Was soll eine Gemeinde schon machen? Auch in Hausham und Tegernsee sind die Verwaltungen super. Trotzdem müssen die Geschäftsleute immer wieder geistig und finanziell investieren, sich Neues einfallen lassen. Nur so geht es.

Tradition ist wertlos?

Ich weiß nicht, warum Tradition immer so stolz betont wird: „Wir haben ein Geschäft, dass sehr alt ist.“ Geschäfte, die vor 75 Jahren angefangen und seitdem ihr Geschäftsmodell kaum geändert haben, brauchen sich nicht wundern, wenn es sie irgendwann wegspült. Unsere Firmengruppe wurde 1928 gegründet. Wir haben uns alle zehn Jahre neu erfunden.

Müssen sich auch andere Geschäfte neu erfinden?

Ja, weil sich das Einkaufsverhalten verändert. Die Leute brauchen mehr Erlebnis. Ein Nicht-Erlebnis haben sie auch beim Online-Shopping. Einzelhändler müssen sich überlegen: Wie mache ich es spannend für die Leute? Was für Gründe schaffe ich, dass sie zu mir kommen? Der Grund, dass ich etwas brauche, den gibt es nicht mehr. Da schalte ich meinen Laptop ein und schon gibt es alles.

Nach dem Einkaufen im Schliersee baden reicht nicht als Erlebnis?

Unser Oberland ist immer ein Erlebnis. Aber deswegen muss ich nicht hier einkaufen. Heutzutage muss ich das Erlebnis auch im Geschäft bieten, um gegen Amazon eine Chance zu haben. Gib dem Kunden ein Gefühl und verkaufe ihm nebenbei ein Produkt. Austauschbare Geschäfte haben ein Problem. Da fahren die Leute nach dem Ausflug heim und bestellen auf dem Weg im Internet.

Nun ist bayerischer Whisky ein besonders Produkt. Können alltäglichere Läden Erlebnisse bieten?

Da kann ich viele Beispiele bringen. Wenn ich nur das Bettenhaus Berner in Miesbach anschaue – die Ausstellung, die Kompetenz – das ist so gut, da fahren die Leute trotz Megakonkurrenz hin. Natürlich gehört auch ein Umdenken beim Verbraucher dazu. Wenn ich sehe, wie viele Amazon-Päckchen durch die Gegend gefahren werden – ich vergönn’s dem Jeff Bezos, aber ich vergönn’s uns mehr.

Wie können Händler das Umdenken unterstützen?

Mit unserer Regionalität haben wir ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Es gibt tolle Sachen. Dazu ist schon ein gutes Bewusstsein da. Die Leute danken es einem, wenn man konsequent regionale Produkte anbietet. Mit unseren Tegernsee Arkaden leben wir das vor. Wir werden von 27 lokalen Partnern beliefert. Das funktioniert. Außerdem arbeiten SMG und Unternehmerverband an einer regionale Bonuskarte, durch die sich der Einkauf hier noch mehr lohnt.

Ist der Landkreis da im Vorteil? Er bietet Erlebnisse, die anderswo unmöglich sind.

Natürlich haben wir durch die landschaftliche Attraktivität unserer Gegend Vorteile wie die hohe Besucherfrequenz. Trotzdem braucht es die richtige Lage oder das einzigartige Konzept. Die Ortskerne müssen sich attraktiv verdichten, attraktive Läden hinbringen. Aus dem Rest machen wir lieber Wohnungen, als ewig Leerstände zu haben.

Geschäfte, die nicht im Kern liegen, müssen schließen oder umziehen?

Oder sie machen etwas so Gutes, dass die Leute extra deswegen hinfahren. Wie Slyrs. Aber Schaufenster dekorieren, früh aufsperren und hoffen, dass jemand vorbei kommt – die Zeit ist vorbei.

Meinen Sie, die Bürger machen so große Änderungen mit?

Die Einheimischen musst du natürlich mitnehmen. Aber sie wissen es auch zu schätzen, wenn sie was Gescheites kaufen können und wenn sie mit ihren Gästen wohin gehen können. Außerdem sind auch wir daran interessiert, nicht zu viel Tourismus zu haben. Wir wollen Qualität in den Geschäften und keine Busladungen durchschieben.

Trotzdem: Online-Shopping ist bequem. Kann der Landkreis da mithalten?

Da werden wir investieren. Ich habe ein Projekt, der Arbeitstitel lautet „Amazon Oberland“. Es soll das Oberland als Internet-Marktplatz abbilden. Kleine Firmen haben nicht die Zeit, auch noch ein Online-Angebot professionell abzubilden, das wollen ihnen abnehmen. Auch namhafte Firmen werden das Angebot nutzen. Genaue Namen werde ich aber erst im Herbst nennen.

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