Rettungsdienste, Feuerwehr und Taucher auf der Seewiese in Schliersee.
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Großaufgebot auf der Seewiese: Auch aus den Nachbarlandkreisen sind die Retter an den Schliersee geeilt, um nach dem angeblich abgängigen Bub zu suchen.

„Wir mussten das sehr ernst nehmen“

Suchaktion im Schliersee: Wasserwachtler erklärt, warum der Großeinsatz notwendig war

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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180 Rettungskräfte suchen nach einem Bub, der angeblich im Schliersee untergegangen ist. Später stellt sich heraus, dass überhaupt niemand vermisst wird. War der Einsatz übertrieben?

  • Der Großeinsatz wegen eines angeblich im Schliersee untergegangenen Bub stellte sich als Fehlalarm heraus.
  • Nicht wenige fragen sich, ob die Suchaktion übertrieben war.
  • Simon Horst von der Wasserwacht erklärt, warum alles mustergültig abgelaufen ist.

Schliersee – Ist die Entwarnung erst mal da, dauert es nicht lange, bis die ersten kritischen Fragen auftauchen: War der Notruf nicht etwas zu voreilig? Hat es wirklich so viele Einsatzkräfte gebraucht? Und überhaupt: Warum so viel Aufruhr, wenn nicht mal jemand vermisst gemeldet wurde? Fragen, die Rettungskräfte immer wieder beantworten müssen. So auch nach der groß angelegten Suche mit insgesamt 180 Personen nach einem Kind im Schlierseer Strandbad am Mittwochabend. Auf Bitten unserer Zeitung lässt der stellvertretende technische Leiter der Wasserwacht Schliersee, Simon Horst, den Einsatz Revue passieren und klärt auf, wer wann welche Entscheidungen getroffen hat – und treffen musste.

Unklare Ausgangslage

Alles beginnt mit einer Meldung. Gegen 17.15 Uhr informiert ein Bademeister im Strandbad die Wasserwacht. Gäste hätten beobachtet, wie ein circa sechsjähriger Bub von der Ecke der schwimmenden Terrassenplattform ins Wasser gesprungen, aber nicht mehr aufgetaut sei. „Wenn drei Erwachsene eine sehr konkrete Meldung abgeben, müssen wir das auf jeden Fall ernst nehmen“, erklärt Horst. Zumal mehrere Privatpersonen die Stelle im See bereits mit Schnorchelbrillen nach dem Kind abgesucht hätten.

Schneller Start

Dann beginnt ein Standardprozedere. Die Wasserwacht verständigt die Integrierte Leitstelle. Stichwort: „Person unter Wasser.“ Quasi der Startknopf für den ersten „Angriff“, wie es Horst formuliert. Notarzt und Rettungswagen und weitere Wasserrettungseinheiten (in diesem Fall die DLRG aus dem Tegernseer Tal) werden gerufen. „Jede Minute, die man am Anfang verliert, bereut man später“, sagt Horst. Zum Beispiel, wenn es zur Reanimation kommt.

Um die Zeit bis zum Eintreffen der weiteren Kräfte zu überbrücken, startet die Wasserwachtbereitschaft, die ihre Station direkt neben dem Strandbad unterhält, bereits mit der Suche. Die erweist sich als schwierig, weil der See wegen des jüngsten Hochwassers trüb ist und die Sichtweite unter 30 Zentimetern liegt. Es wird klar: Weitere Taucher müssen her.

Simon Horst, stellvertretender technischer Leiter der Wasserwacht Schliersee.

Verstärkung folgt

Die Unterstützung kommt unter anderem aus der Luft. Zwei Helis fliegen Berufstaucher ein, die Feuerwehr Schliersee fährt sie mit dem Boot vom Landeplatz an der Seewiese rüber zum Strandbad. Die Kräfte kommen aus Rosenheim, Bad Tölz-Wolfratshausen, München, Traunstein und sogar aus Kufstein. Den großen Radius erklärt Horst wie folgt: „Nur mit hauptamtlichen Kräften können wir ein schnelles Eingreifen garantieren.“ Klar: Die meisten Ehrenamtlichen sind in der Arbeit oder anderweitig unterwegs, müssen erst auf eigene Faust zum Einsatzort kommen. Wenn sie dann aber eingetroffen sind und die Lage es erlaubt, können die hauptamtlichen Retter wieder zu ihrer regulären Bereitschaft zurückkehren.

Neues Ziel

Als der Bub auch nach einer Stunde noch nicht aufgetaucht ist, entscheidet der verantwortliche Arzt, dass aus medizinischer Sicht keine Überlebenschance mehr besteht. Was Laien schon nach wenigen Minuten vermuten würden, stellt sich in der Realität anders dar, erklärt Horst. Je niedriger die Wassertemperatur (konkret waren es am Grund des Schliersees nur sechs Grad), desto mehr fahre der Körper den Kreislauf herunter. Heißt: weniger Sauerstoffverbrauch und damit ein längerer Erhalt der Vitalfunktionen. 2003 habe man einen Bub nach einer halben Stunde unter Wasser erfolgreich reanimiert, erzählt Horst.

Am Mittwochabend wäre es dafür zu spät gewesen. Also wurde aus dem Rettungseinsatz eine Vermisstensuche. „Ab diesem Zeitpunkt übernimmt die Polizei“, so Horst. Parallel zur Suche im Wasser hätten die Kräfte zusammen mit den Strandbad-Betreibern nach den Eltern des Buben gesucht. Sie fragten bei den Badegästen nach, ob jemand ein Kind vermisse. Die Antwort ist immer dieselbe: „Nein, wir sind vollzählig.“ Auch von selbst meldet sich niemand.

Einsatzende

Um 20.15 Uhr entscheidet die Einsatzleitung dann, die Suche einzustellen. Letztlich eine Frage der Plausibilität, erklärt Horst. Spätestens um diese Uhrzeit hätten Eltern ihren Sohn als vermisst gemeldet, selbst wenn sie gar nicht im Strandbad gewesen wären.

Auch am Tag nach dem Einsatz wissen die Retter nicht, was tatsächlich geschehen ist. Horst geht aber davon aus, dass der Bub nach seinem Sprung ins Wasser weggetaucht und woanders wieder aus dem See gestiegen ist. „Wahrscheinlich hat er selbst gar nicht mitbekommen, dass er der Grund für die Suche war.“

Eine Gewissheit haben die Einsatzkräfte aber: Sie haben alles versucht, um ein Menschenleben zu retten. „Das“, sagt Horst, „steht über allem.“ Das hat sich auch 2003 gezeigt. Dem Bub, der damals reanimiert wurde, gehe es heute blendend, so Horst: „Er macht zurzeit sein FSJ beim BRK in Miesbach.“

sg

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