Man müsste nur nachlesen: Diese Hinweistafel am Taubenstein hat der Alpenverein aufgestellt, um Tourengeher über die Situation vor Ort zu informieren.  Foto: DAV
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Man müsste nur nachlesen: Diese Hinweistafel am Taubenstein hat der Alpenverein aufgestellt, um Tourengeher über die Situation vor Ort zu informieren.

Erhebung belegt Ausmaß des Freizeittrends

Taubenstein-Studie belegt: Tourengeher brauchen mehr Aufklärung

  • vonHeidi Siefert
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Tourengehen wird als Freizeitsport immer beliebter – gerade wegen des coronabedingten Ski-Lockdown. Doch der Trendsport schadet auch der Umwelt – vor allem die Tierwelt spürt das. Wie groß das Ausmaß ist, belegt nun eine Studie.

Spitzingsee – „Meine Bergführerkollegen und ich haben wahrgenommen, dass sehr viele Unbedarfte mit wenig, wenig Wissen unterwegs sind. Die Erhebung bestätigt unsere jahrelangen Erfahrungen.“ Mit seinen Eindrücken spannte Lawinencamp-Bayern-Gründer Alexander Römer den Bogen aus der Praxis zur Studie „Tourengehen am Taubenstein“, deren Ergebnisse am Freitag präsentiert wurden und nun fundierte Daten zur Situation am Spitzingsee liefern. Sie sind umso brisanter, als man wegen der nicht absehbaren Öffnung der Bergbahnen mit einer weiteren Expansion des boomenden Skibergsteigens rechnet.

2018 hatte Römer mit dem Checkpoint für Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS) samt Infotafel am Einstieg zum Unteren Lochgraben den Grundstein zu einer gemeinsamen Erhebung des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, des Deutschen Alpenvereins/Sektion München, Gebietsbetreuung Mangfallgebirge, Alpenregion Tegernsee Schliersee, Gästeinfo Schliersee und Lawinencamp Bayern gelegt. Von Dezember 2018 bis zum Lockdown im März wurde dafür per Infrarot-Technik an den Checkpoints die Tourengeher-Frequenz ermittelt. An Spitzentagen waren es bis zu tausend Durchläufe.

„Man informiert sich nicht über Schongebiete“

Zusätzlich befragten Studenten an 13 Tagen gezielt Bergsportler. Maximilian Witting (LMU) präsentierte die daraus abgeleitete „Typologie des Skitourengehers am Taubenstein“. Er verwies auf eine noch immer große Zahl von Leuten, die sich im Vorfeld kaum, unzureichend oder nie über die Gefahren informieren.

Tageszeitliche Schwankungen gab es bei der Nutzung von Lawinenausrüstung, auf die Tourengeher bei steigenden Temperaturen häufig ganz verzichten. Kaum bekannt sind Standard-Quellen wie die DAV-Snowcard zur Einschätzung der Situation.

Immer weniger Leute können Karten lesen

„Über Schongebiete informiert sich der Großteil selten bis nie.“ Für Florian Bossert, Gebietsbetreuer Mangfallgebirge im Landkreis Miesbach, liegt das am mangelnden Bewusstsein. Dazu fehle zunehmend die Kenntnis des Kartenlesens, die einen vor dem Aufstieg in hochsensible Bereiche bewahren würde. Man müsse noch mehr auf Aufklärung der Tourengeher setzen, die sich „in den Schlafzimmern der Wildtiere“ bewegten. Jeden Tag und ohne Pause.

Enormer Druck auf Rotwand befürchtet

Wie die Befragung zeigt, wollten Wintersportler bis zum letzten Schnee gehen, statt auf Alternativen wie Radfahren auszuweichen. Der Druck auf Sudelfeld und Spitzingsee werde noch enorm zunehmen. Projektleiter Roman Ossner sprach vom Rotwandgebiet als absolutem Hotspot, der nicht zum Freizeitraum verkommen dürfe, sondern sensibel behandelt werden müsse – insbesondere die Stunde nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang, in der Tiere Ruhe zum Fressen brauchen.

Kritisch seien Vor-der-Arbeit und Feierabend-Touren mit je 20 bis 40 Sportlern. Wenn schon durch Corona keine Lawinenkurse möglich sind, solle man zumindest durch Theorie daheim etwas ausgleichen, appellierte Römer und verwies auf die Online-Kurse, die das Lawinencamp Bayern ab Mitte Dezember zweimal wöchentlich anbiete.

(sie)

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