Hier kommt die Infowand hin: Ein Betonfundament am Weinberg zeigt, wo künftig die „musealisierte und kontextualisierte“ Annaberg-Gedenktafel zu sehen sein wird.
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Hier kommt die Infowand hin: Ein Betonfundament am Weinberg zeigt, wo künftig die „musealisierte und kontextualisierte“ Annaberg-Gedenktafel zu sehen sein wird.

Informationswand geplant

Weinbergkapelle Schliersee: Die Annaberg-Tafel ist weg

Was mancher seit Jahren gefordert hat, ist nun in aller Stille passiert. Die Annaberg-Gedenktafel an der Weinbergkapelle ist weg. Zu sehen ist nun aber auch, wo sie in vier Wochen wieder aufgestellt wird.

Schliersee – Sie wurde verdeckt, besprüht, wieder sauber gemacht, und an ihr fanden zahlreiche Kundgebungen statt. Nun ist die Annaberg-Gedenktafel an der Schlierseer Weinbergkapelle verschwunden. Der von Gemeinde und Pfarrei beauftragte Künstler hat sie abgenommen. Ein paar Meter weiter zeugt ein Fundament davon, wo die Tafel, die seit Jahren ein Stein des Anstoßes ist, wieder aufgestellt wird – ergänzt um Informationen zu den geschichtlichen Hintergründen.

Die Info-Wand ist bekanntlich das Ergebnis eines längeren Prozesses, der vorbildhaft sein sollte für den Umgang mit problematischen Relikten aus der Vergangenheit. Der Prozess ließ sich auch gut an. Sechs recht gut besuchte Vorträge und eine Exkursion nach Oberschlesien gingen über die Bühne, dann aber verabschiedete sich das Projekt weitgehend aus der Öffentlichkeit. Wer alles dem Gremium angehörte, das über die künftige Gestaltung entschied, blieb im Verborgenen, Details zum eigentlich beschlossenen Entwurf gab’s keine, ebenso wenig dazu, wie die Wand, die jetzt im Entstehen ist, aussehen wird. Der Denkmalschutz am Landratsamt hatte sich eine Umgestaltung der Fassade der Weinbergkapelle verbeten. Das Gotteshaus selbst wird außen aufgehübscht. Das große Kruzifix wird ebenfalls saniert und dort wieder aufgehängt, wo bisher die in den 1950er-Jahren angebrachte Tafel eingelassen war.

Die Inschrift erinnert an 52 Mitglieder des Freikorps Oberland, die beim sogenannten Sturm auf den Annaberg in Oberschlesien ums Leben kamen. Die Kampfhandlungen jähren sich am 21. Mai zum 100. Mal, deshalb sollte die neue Info-Stätte unbedingt bis dahin stehen. Wie groß die Einweihung ausfallen kann, hängt von den dann geltenden Corona-Einschränkungen ab.

Bis zuletzt wurde am Entwurf für die Info-Wand gearbeitet, namentlich an den Texten, die Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte in München, das den Prozess zusammen mit dem Katholischen Bildungswerk begleitete, verfasst werden. Sie sollen dem Betrachter – der Weinberg ist ja ein viel besuchter Ort – Infos über die Hintergründe der Tafel geben. Die Kapitel tragen die Überschriften:

„Stein des Anstoßes“, „Krieg im Frieden“, „Freikorps Oberland“, „Erinnerung und Politik“, „Nationalsozialistische Inszenierung“, „Zweifelhafter Neubeginn“ sowie „Mythen und blinde Flecken“. Mehr wollten die Verantwortlichen vorab nicht bekannt geben.

Klar ist, dass der Sturm auf den Annaberg sehr früh von den Nazis mystifiziert wurde. Schon 1923 wurde am Weinberg ein Denkmal aufgestellt, diverse Nazi-Größen waren zu Besuch. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es entfernt, und in den 1950ern setzte sich unter anderem der Gemeindepfarrer Josef Wiedholz, dessen Bruder am Annaberg gekämpft hatte, für einen neuen Gedenkort ein. Intensiv geworben und zu Spenden aufgerufen hat auch August Bierling, Redaktionsleiter des Miesbacher Anzeigers. Während zu dieser Zeit das Gedenken kaum als problematisch empfunden wurde und auch das konservativ-bürgerliche Lager ansprach, zog es später neben unverdächtigen Vertriebenenverbänden viele Vertreter und Organisationen aus dem rechtsextremen Lager an – bis der Widerstand zu groß wurde und das jahrelange Wegducken von Gemeinde und Pfarrei nicht mehr haltbar war.

Der Prozess, der unter Umständen in einer oder mehreren Publikationen nachbereitet werden soll, hat in knapp vier Wochen sein wesentliches Etappenziel erreicht. Ob er wirklich vorbildhaft für andere Gemeinden mit ähnlich gelagerten Problemsituationen sein kann, wird sich noch zeigen müssen.

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dak

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