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Schöne und schlimme Weihnachtszeit: Vier Miesbacher Senioren, (v.l.) Willi Ellmann, Liselotte Pisch, Herta Kloo und Hans Brand, berichten aus Kindheit und Jugendzeit.

Weihnachten anno dazumal

Schöne Momente in dunklen Zeiten

Miesbach - Es ist eine harmlose Frage, die unsere Zeitung Miesbacher Senioren gestellt hat: Was war das prägendste Geschenk Ihrer Kindheit? Die Frage hat Erinnerungen heraufgeholt, aus einer dunklen Zeit, die jüngere Generationen nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen.

Herta Kloo (81) war elf Jahre alt, als sie die Schuhe entdeckt hat: Holzsohle mit hohem Absatz, gefüttert, der Schaft aus Stoff. Und ihre Augen leuchten noch heute, wenn sie daran denkt. „Das waren die ersten Heels“, scherzt Kloo. „Ich war Vorreiterin.

Bezahlt hat die junge Herta damals mit einem Bezugsschein, den sie zu Weihnachten ergattert hat. Normalerweise gab es in den Läden nichts Aufregendes für ein junges Mädchen. Denn es war Krieg im Jahr 1943. Kloos Vater war arbeitslos. Die Mutter hatte einen Job in einer Fabrik am Fließband. Dass Kloo diese Schuhe entdeckt hat, „das war ein absoluter Glücksfall“. Und eine, von sehr wenigen schönen Erinnerungen.

Die Seniorin ist Sudetendeutsche. Spätestens als Adolf Hitler die Aktion „Heim ins Reich“ startete, war es aus mit dem brüchigen Frieden zwischen Tschechen und der deutschen Minderheit. „Sie werden sich das nicht mehr vorstellen können“, sagt Kloo. Sie habe ihre gesamte Kindheit komplett angezogen, mit Schuhen und Mantel, geschlafen – um im Ernstfall sofort flüchten zu können. Auch an Heiligabend. Dafür seit 1943 wenigstens mit schicken Schuhen. „Sonst war modemäßig wenig los“, sagt die Seniorin. Ein bisschen war Kloo neidisch auf ihre Altersgenossinnen vom Bund deutscher Mädel – dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend. „Die hatten so schöne Uniformen an.“ Heute ist Kloo froh, „dass meine Eltern Sozis waren, wie ich später auch“.

Das Glück hatte Willi Ellmann (80) nicht. Sein Vater war überzeugter Nazi, sagt er. Und auf die Frage nach Weihnachten, kommen ihm die Tränen, auch 70 Jahre später, so tief sitzt der Schmerz. Sein Vater fiel im Winter 1942 in Russland. Die Familie blieb im Ort als Nazis gebrandmarkt. „Was konnten wir Kinder und meine Mutter denn für ihn?“, fragt er noch heute. Erst als Ellmann selbst gearbeitet hat und seiner Mutter etwas schenken konnte, da wurden die Feste wieder schöner. „Ich weiß nicht wie, aber wir haben es überlebt und weitergelebt."

Hans Brand (91) ist das Weihnachtsfest im Jahr 1942 am deutlichsten in Erinnerung. Da wurde Brand mit 18 eingezogen und an die Ostfront geschickt. „An Heiligabend bin ich auf einem Kirchturm in einer Ortschaft vor Leningrad gesessen.“ Von da konnte er bis in die Stadt schauen, in die sie schossen. Das nächste Weihnachten feierte er vor Stalingrad. Dann kam die Gefangenschaft. Drei Jahre war Brand in einem russischen Straflager. Als er nach München zurückkehrte und seine Eltern wieder in die Arme schließen konnte, „da haben wir gefeiert, das können Sie sich vorstellen“.

Der Vater von Liselotte Pisch (77) war Zeuge Jehovas. „Die feiern eigentlich kein Weihnachten“, erzählt Pisch. Ihr Vater schon. Das ganze Jahr arbeitete er im Schuppen an den Geschenken für sie und ihre Geschwister. Eigentlich war es immer das gleiche – nur vergrößert, verbessert, anders gestrichen: ein Puppenhaus. Das Holz dafür mussten die Kinder selbst sammeln. „Wir brauchen Holz zum Heizen“, habe ihr Vater immer gesagt. „Dabei hat er im Bergwerk gearbeitet.“ Pisch weiß noch, wie sie auf die Beschehrung gewartet hat. Durch den Spalt in der Küchentür konnte man bereits die Kerzen leuchten sehen. Dann hat die Glocke geläutet. Pisch: „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit."

Klaus-Maria Mehr

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