Die Gebäude der skandalgeplagten Seniorenresidenz in Schliersee.
+
Erneut im Fokus: Ein ehemaliger Manager des Betreibers der Seniorenresidenz Schliersee erhebt schwere Vorwürfe gegen das Heim und seine ehemalige Firma.

Ehemaliger Manager berichtet von weiteren Missständen

Seniorenresidenz Schliersee: Wieder schwere Vorwürfe gegen Einrichtung

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
    schließen

Erneute Kritik an der Seniorenresidenz Schliersee: Ein Ex-Manager berichtet, in dem skandalgeplagten Heim würden Bewohner leiden, weil der Betreiber spare.

  • Nach Corona-Skandal - heuer im Frühjahr musste die Bundeswehr aushelfen - kommt Heim in Schliersee nicht zur Ruhe.
  • Im Juli soll dort ein 87-jähriger Bewohner eine 85-jährige Bewohnerin schwer verletzt und womöglich vergewaltigt haben. Die Frau starb zehn Tage später.
  • Jetzt gibt es neue Vorwürfe gegen die Seniorenresidenz: Laut einem ehemaligen Mitarbeiter würden Bewohner leiden, weil der Betreiber spare.

Schliersee – Zwei Bilder blutiger Beine sollen belegen, warum Franz Langhammer (Name geändert) nicht länger schweigen will. Der ehemalige Manager bei S.O. Nursing Homes, dem Betreiber der Seniorenresidenz Schliersee, sagt, auch seine Mutter liege in einem Seniorenheim. Er wisse, wie sich Angehörige und Bewohner fühlen; sie sollten weder Gewalt noch Mangel erleiden. Was ihm seine Kontakte, die noch in der Seniorenresidenz arbeiten, aus dem Heim berichten, müsse daher an die Öffentlichkeit. „Kein Geld und kein Risiko können mich aufhalten.“

Die Vorwürfe

Das erste Bild, das Langhammer unserer Zeitung schickt, zeigt ein blutiges Bein, fast vollständig übersäht mit Fleischwunden, blauen Flecken und Grinden – aber ohne Verbände. So soll ein Patient im Dezember in einem Bett der Seniorenresidenz liegen gelassen worden sein. Das zweite Bild zeigt ein genauso blutiges Bein, auf das sechs Heftpflaster geklebt wurden. So soll ein Patient im August im Heim gelegen haben. Langhammers Botschaft: Kaum etwas ist besser geworden, seit im Frühling die Bundeswehr im Heim aushelfen musste und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen hat (wir berichteten). Die Bewohner würden noch immer leiden.

Langhammers Bilder sind einer von mehreren Hinweisen auf anhaltende Probleme in der Seniorenresidenz, die unserer Redaktion in den vergangenen Monaten zugesendet wurden. Seit dort im Juli ein 87-jähriger Bewohner eine 85-jährige Bewohnerin schwer verletzt und womöglich vergewaltigt hatte und die Frau zehn Tage später starb, haben andere ehemalige Angestellte ähnliche Vorwürfe erhoben. Die Kernpunkte: die Vernachlässigung der Patienten und unqualifiziertes Personal. Auch der Vorwurf nicht bezahlter Zulieferer und Angestellter steht im Raum.

Angebliche Ursachen

Die Probleme hätten eine gemeinsame Ursache, meint Langhammer. Der italienische Betreiber mache Druck, Geld zu sparen, wo es geht. Weil Menschen ohne Ausbildung eingestellt würden oder welche, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben, würden Angestellte Dinge tun, für die sie nicht ausgebildet sind. Eine Konsequenz, sagt Langhammer: „Ich habe in so kurzer Zeit nie so eine Konzentration von Unfällen gesehen wie in der Seniorenresidenz.“ So sei es auch zu den blutigen Beinen gekommen, auf den Fotos zu sehen sind.

Diese Entwicklung habe Corona angestoßen. Sereni Orizzonti, die italienische Muttergesellschaft des Seniorenresidenz-Betreibers, stehe seit 2018 im Fokus der italienischen Behörden, sagt Langhammer. Er schickt einen Bericht der italienischen Zeitung Il Giorno, nach dem zwei Manager und mehrere Angestellte des italienischen Mutterkonzerns vor Gericht standen, weil sie 22 Bewohner eines Heims so lange systematisch vernachlässigten, bis sie starben. Zahlreiche weitere Berichte über aus Kostengründen vernachlässigte Patienten sollen belegen, dass diese Vorgehensweise bei Sereni Orizzonti System habe.

Der deutsche Ableger des Unternehmens habe zunächst zwar gute Pflege liefern wollen. Durch Corona seien aber die Einnahmen in den italienischen Heimen eingebrochen. Die Mutterfirma habe daher versucht, in ihren ausländischen Heimen Kasse zu machen, indem sie die Kosten drückt. Der Ärger über diese Strategie sei der Grund, warum er nicht mehr für die Firma arbeite, sagt Langhammer. Seitdem kämen alle Anweisungen aus Italien, zum Leidwesen der Patienten.

Die Gegenargumente

So eindeutig Langhammer die Lage in der Seniorenresidenz schildert, so eindeutig ist die Gegendarstellung des derzeitigen Heimleiters Robert Jekel. Er sagt, der deutsche Ableger der italienischen Betreiberfirma habe eine einwandfreie Arbeits- und Rechtsauffassung. Er wolle Probleme lösen, beste Pflege liefern. „Sonst wäre ich nicht hier.“

Ausländische Pflegekräfte und Streitigkeiten mit Zulieferern über die Höhe von Rechnungen gebe es in jedem Heim. Er überlegt, juristisch gegen die vorzugehen, die das Gegenteil behaupten.

Die Behörden

Welche Sichtweise zutrifft, muss die Staatsanwaltschaft München II klären, die die Ermittlungen um die Seniorenresidenz leitet. Noch wollen sich die Beamten aber weder zum aktuellen Stand der Ermittlungen noch zu den im Raum stehenden Verstößen äußern. Das Landratsamt bescheinigt der Seniorenresidenz derweil Fortschritte. Das Heim erfülle zwar noch nicht alle Anordnungen, aber zumindest jene, die die Bewohner direkt betreffen – Ernährung, Flüssigkeitsversorgung, Medikamentengabe. Eine Verlegung oder eine Betriebsuntersagung sei daher derzeit weder geplant noch rechtlich möglich. Die Heimaufsicht sei vorsichtig positiv, aber durch die Situation nach dem Corona-Ausbruch vorgewarnt. „Wir schauen besonders genau hin.“

Auch interessant

Kommentare