Der letzte Kramerladen von Miesbach - schließt für immer
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Gehen mit Wehmut in den Ruhestand: Inge (l.) und Hans Blechschmidt sperren ihren Lebensmittelladen an der Miesbacher Schützenstraße an Silvester zu. Christa Wuschnakowski kauft hier seit 18 Jahren ein.
Wegen strenger Auflagen: Der letzte Kramerladen von Miesbach schließt für immer
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Bald gibt‘s hier nur noch leere Schaufenster: Der Kramerladen von Inge Blechschmidt in seinen letzten Tagen.
Wegen strenger Auflagen: Der letzte Kramerladen von Miesbach schließt für immer
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Blick nach draußen: Bald wird es trostlos werden in der Schützenstraße. 
Wegen strenger Auflagen: Der letzte Kramerladen von Miesbach schließt für immer
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Sie wirken wie aus der Zeit gefallen, aber sie erfüllen immer noch ihren Zweck: die Auslagen im Kramerladen Wimmer der Familie Blechschmidt.
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Wie aus einer anderen Zeit: die Ladentheke.
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Persönlich: So kann man nirgendwo mehr einkaufen. Inge Blechschmidt räumt einer Kundin die Einkäufe in deren Gehwagen.
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Ein Grund für die Schließung: Nach heutigen Auflagen müsste ein Waschbecken hinter die Wursttheke. Das wollen sich die Blechschmidts in ihrem Alter nicht mehr leisten.
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Sie wirken wie aus der Zeit gefallen, aber sie erfüllen immer noch ihren Zweck: die Auslagen im Kramerladen Wimmer der Familie Blechschmidt.

An Kunden hat es nicht gefehlt

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Miesbach verliert seinen letzten echten Kramerladen. Inge und Hans Blechschmidt sperren ihr Lebensmittelgeschäft an der Schützenstraße zu. Dabei läuft das Geschäft gut. Aber die Blechschmidts können die strengen Auflagen nicht mehr erfüllen.

Als ihr Inge Blechschmidt das Wechselgeld in die Hand drückt, zuckt Christa Wuschnakowski kurz zusammen. Nicht, weil sich Blechschmidt verrechnet hat. Die 10,40 Euro sind passend abgezählt. Nein, Wuschnakowski wird klar, dass ihr die Inhaberin des Lebensmittelladens Wimmer an der Miesbacher Schützenstraße gerade zum letzten Mal ihre geliebten offenen Bratheringe in die Tupperschüssel gelegt hat.

Die Waren wandern zum letzten Mal über die Resopal-Theke 

Auch mit Obst und Gemüse, Käse, Waschmittel, Zeitschriften oder Schokolade ist es bald vorbei. An Silvester wandern all die Waren in Blechschmidts Kramerladen zum letzten Mal über die Resopal-Theke. Nach mehr als einem halben Jahrhundert sperren die 65-Jährige und ihr Mann Hans (68) ihren kleinen Markt zu. Für immer.

Eigentlich sind sie schon im Rentenalter - aber diese Wehmut ist unerträglich

In ihrem Alter dürfe man durchaus an die Rente denken, meint Inge Blechschmidt schmunzelnd. Und doch ist da diese Wehmut. Sie flammt immer dann auf, wenn wieder einer der zahllosen Stammkunden sein Bedauern über das baldige Ende des Ladens zum Ausdruck bringt. „Was sollen wir alten Tanten denn dann machen?“, fragt Thea Huder, als sie sich in der kleinen Schlange an der Kasse einreiht. 

Beide kämpfen mit den Tränen

Dann erzählt sie, wie Hans Blechschmidt ihren Mann mit seinen Einkäufen nach Hause gefahren hat, als dieser nicht mehr ganz so fit war. In diesen Momenten wird den Blechschmidts klar, dass mit ihrem Laden auch der gesellschaftliche Mittelpunkt eines ganzen Viertels verloren geht. Und dann kämpfen sie mit den Tränen, alle beide. „Da steckt halt so viel Herzblut drin“, sagt Inge Blechschmidt und wischt sich das Wasser aus den Augen.

Das Ehepaar kann die strengen Hygienevorschriften nicht mehr erfüllen

Seit ein paar Jahren denken die Kaufleute immer wieder mal ans Aufhören. Aber eigentlich, räumt Hans Blechschmidt ein, hätte er noch gerne bis 70 weiter gemacht. Doch die Vorschriften machten dem Ehepaar einen Strich durch die Rechnung. „Wir hätten viel umbauen müssen“, sagt der 68-Jährige. Die Gebäcktheke zum Beispiel. Die müsse heute aus Edelstahl bestehen und nicht mehr aus Holz und Resopal. Weil sie mit Frischwurst arbeiten, müssten die Blechschmidts ein Waschbecken in ihren Laden einbauen.

Neues Waschbecken, alles aus Edelstahl - das ist zu viel Geld in ihrem Alter

Investitionen, die sie in ihrem Alter nicht mehr schultern möchten. „Der Aufwand wäre einfach zu groß“, seufzt Hans Blechschmidt. Die beiden Kinder haben eigene Berufe erlernt, und an einen anderen Nachfolger glaubt der 68-Jährige nicht. „Das tut sich heute keiner mehr an“, sagt er. Und so verliert die Kreisstadt ein weiteres Traditionsgeschäft – und ein ganzes Viertel seine fußläufige Einkaufsmöglichkeit.

Pachten? Das tut sich heute doch keiner mehr an

Angefangen hat alles im Jahr 1905. Da wurde das Geschäftshaus an der Schützenstraße Ecke Sonnenstraße gebaut. 1950 kauften Inge Blechschmidts Eltern – die Wimmers – den Bäckerladen mit der darüberliegenden Wohnung. Es waren goldene Jahre in der Schützenstraße. Drei Lebensmittelläden und eine Metzgerei hatten die Kunden zur Auswahl. „Das war ein belebtes Viertel“, erinnert sich Blechschmidt. Bis 1981 stand ihr Vater in der Backstube, dann hatte er einen Unfall beim Semmelausliefern. Mit der Bäckerei war damit Schluss, nicht aber mit dem Kramerladen.

Inge Blechschmidt - damals noch Wimmer - stand schon mit 14 hinter der Ladentheke 

Schon mit 14 Jahren unterstützte Inge Blechschmidt ihre Eltern, packte den Kunden Obst und Gemüse ein und hängte den älteren Nachbarn die Semmeltüte an die Tür. Auch Aldi, Lidl und Co. konnten den Kaufleuten nichts anhaben. „Wir sind hartnäckig“, sagt Inge Blechschmidt schmunzelnd. Seine Ware bestellt das Ehepaar bei Edeka, aber auch bei anderen Betrieben im Landkreis. Ein bisschen Abwechslung brauche es schon im Sortiment, meint Blechschmidt.

Sogar einen Krimi haben sie schon ihn ihrem Laden gedreht

Seit 20 Jahren hilft auch ihr Mann im Laden mit. Seit der Heizungstechniker 2008 in Rente gegangen ist, steht er mit seiner Frau an der Theke. An vier Vormittagen leisten sich die Blechschmidts eine Verkäuferin. Bis auf ihre drei Urlaubswochen im August hatten sie in all den Jahren nur einen einzigen außerplanmäßigen Schließtag: 2010 war das Fernsehen da und drehte den ZDF-Film „Klarer Fall für Bär“. „Dabei wollte ich alles, nur keinen Krimi in meinem Laden haben“, erzählt Inge Blechschmidt schmunzelnd.

Immer mit viel Zeit, einem Plausch - und sehr persönlich. So kannst du heute gar nicht mehr einkaufen

Negative Energie, so was hat es bei den Blechschmidts nie gegeben. Immer hatten sie Zeit für einen Plausch mit ihren Kunden, keinen Wunsch schlugen sie ihnen aus. Noch heute liefern einige der Älteren ihre Briefe im Laden ab. Hans Blechschmidt fährt sie dann zur Post. „Das ist Kundenservice“, sagt seine Frau. Und wenn sie doch mal etwas nicht auf Lager haben, dann wird es eben bestellt. „Es gibt nichts, was man hier nicht kriegt“, sagt Wuschnakowski und nimmt ihre Bratheringe unter den Arm. Aber so groß wie im Supermarkt sei die Auswahl eben auch nicht. Gott sei Dank, meint die 66-Jährige: „Ich brauch’ keine fünf Buttersorten.“

Wo sie nach Silvester einkauft, weiß die Miesbacherin noch nicht. Auch die anderen Stammkunden haben ein Problem. Die, die noch besser zu Fuß sind, werden wohl auf den Nettomarkt am Oberlandcenter ausweichen. Alle anderen hoffen, dass ihnen die Blechschmidts vielleicht doch noch ab und zu etwas mitbringen. Doch die Kaufleute müssen sich zuerst selbst neu orientieren, wie Inge Blechschmidt schmunzelnd anmerkt. „Jetzt muss ich in meinem Alter noch das Einkaufen lernen.“

sg

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