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Erzkatholisch? Als das Benediktinerkloster Tegernsee nach der Säkularisation 1803 zum Schloss geworden war und die Wittelsbacher dieses 1817 gekauft hatten, ging von hier die Entwicklung der evangelischen Gemeinde aus.

Aufruhr im katholischen Kernland

Ein kurzer Abriss der Reformations-Geschichte im Landkreis 

Miesbach – Der Landkreis Miesbach gilt als durch und durch katholischer Landstrich. Wer in der Geschichte zurückblickt, entdeckt allerdings, dass dieses Bild trügt. 

Barocke Zwiebeltürme vor Alpenpanorama gesellschaftliche wie politische Strukturen, die noch heute von der jahrhundertelangen Bedeutung der Klöster Tegernsee und Weyarn zeugen, und lebendiges Brauchtum: Der Landkreis Miesbach gilt als durch und durch katholischer Landstrich. Wer in der Geschichte zurückblickt, entdeckt allerdings, dass dieses Bild trügt. Historiker Roland Götz, Archivoberrat des Erzbistums München und Freising, erzählt in seinem Vortrag „Luther im Oberland?“ anlässlich des Lutherjahrs die andere Geschichte des Landkreises: von aufmüpfigen Dörfern, freigeistigen Grafen und einer königlichen Familie, die vor 200 Jahren nicht nur den Fremdenverkehr ins Tegernseer Tal brachte.

Bei den Dorfbewohnern von Neukirchen – heute Ortsteil Weyarns – fallen die „verführerischen Schriften“ Luthers schon früh auf fruchtbaren Boden, dem nahen Kloster Weyarn zum Trotz: Um 1560 suchen 400 der 1100 Einwohner regelmäßig Gottesdienste in Nachbarpfarreien auf, um statt der katholischen Kommunion das lutherische „Abendmahl unter beiden Gestalten“ mit Wein und Brot zu erhalten. An Prozessionen beteiligen sie sich auch nicht. In Bayern, wo die Herzogbrüder Wilhelm IV. und Ludwig X. sich bereits 1522 zum Katholizismus bekannt hatten und damit auch die Konfession für ihre Untertanen vorgaben, kann das schlimm enden. So wie für einen gewissen Michael Heidenegger, der zu „ewigem Kerker“ verurteilt wird – zu verbüßen im Kloster Tegernsee, wo die katholische Welt damals noch in Ordnung ist.

In der freien Grafschaft Hohenwaldeck feiert die Reformation derweil 20 Jahre lang fröhliche Urständ’. Ihr Herrscher Wolf Dietrich von Maxlrain bekennt sich 1563 selbst offen zur Reformation. Ein Affront gegen den bayerischen Herzog: Die Grafschaft untermauert damit ihr Streben nach konfessioneller wie politischer Eigenständigkeit. In Parsberg verteilt der Pfarrer das lutherische Abendmahl mit Brot und Wein, und in Miesbach steht ein reformierter Prediger auf der Kanzel. Bis Herzog und Bischof durchgreifen: Der Bischof setzt den Miesbachern 1580 eine Frist, die Bevölkerung muss zur Beichte (die Luther insbesondere kritisierte) antreten, Pfarrer und Prediger verschwinden von der Bildfläche. Nach Ablauf der Frist lässt der Herzog die Miesbacher Kirche mit Soldaten umstellen, sogar eine Handelssperre wird verhängt, um das reformerische Gedankengut auszumerzen, schildert Götz. Offenbar mit Erfolg: 1786 wird in Miesbach das Jubiläum 200 Jahre Rekatholisierung gefeiert, die Kirche ist nun ein Marienwallfahrtsort.

Ein paar Jahrzehnte später haben die napoleonischen Kriege die jahrhundertealten Strukturen Europas umgekrempelt, Bayern ist zum Königreich geworden. 1817 kaufen König Max I. Josef und seine zweite Frau, Karoline von Baden, das ehemalige Kloster Tegernsee, das 1803 säkularisiert worden war. Seither gilt im Freistaat auch Religionsfreiheit. Und mit Königin Karoline zieht im einstigen Benediktinerkloster eine reformierte Christin ein: Sie bringt zur Sommerfrische ihren eigenen Kabinettsprediger Dr. Schmidt mit. Der erfreut sich bald regen Zulaufs. Nicht nur, weil auch Wanderarbeiter aus evangelischen Teilen des heutigen Deutschlands ins Tal kommen, sondern weil Karoline offenbar auch der Allgemeinheit Zugang zu Schmidts Predigten gewährte: Anhänger der Lehren Luthers kamen bis aus dem Zillertal angereist, um ihn zu hören.

Der Weyarner Pfarrer stellt zwar um 1880 fest, dass die ständige Bevölkerung des Landstrichs fast ausschließlich katholisch sei. Er meint aber auch: „Eisenbahn und Sommerfrischen werden es ändern.“ Er sollte Recht behalten. Ende des 19. Jahrhunderts sind die evangelischen Gläubigen zahlreich und selbstbewusst genug, um sich eigene Kirchen zu bauen. Die erste im Landkreis eröffnet 1894 in Tegernsee, es folgten Holzkirchen 1898 und Miesbach 1911.

Der Geschichte auf der Spur: Roland Götz (r.) bei seinem Vortrag, hier im Holzkirchner Pfarrsaal.

Heute sind im Landkreis 60 Prozent der Bevölkerung katholisch und 14 Prozent evangelisch. 23 Prozent gehören keiner Konfession an, darunter nicht nur Atheisten, sondern auch Muslime, deren Glaube keine organisierte Struktur wie die christlichen Kirchen aufweist. „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir heute nicht mehr in einer multikonfessionellen Situation sind, sondern in einer multireligiösen“, macht Götz deutlich. „Es ist unsere Aufgabe, aus einem Nebeneinander ein Miteinander aller Menschen guten Willens werden zu lassen.“

Vorträge zum Thema

Roland Götz hält den Vortrag „Luther im Oberland“ auch am 16. Mai (20 Uhr) im Schaftlacher Pfarrsaal, am 30. Juni (20 Uhr) in der Schlierseer Christuskirche und am 6. Oktober (20 Uhr) im Weyarner Bürgergewölbe. Mit den Protokollen der Visitationskommission, die Aufschluss über die Situation aller Orte des Landkreises Mitte des 16. Jahrhunderts geben, befasst sich Götz in Vorträgen am Montag, 23. Januar, um 19.30 Uhr im Prälat-Müller-Saal des Kinderdorfs Irschenberg, am 9. Februar (20 Uhr) im Pfarrstadl Elbach bei Fischbachau und am 11. Mai (20 Uhr) im Otterfinger Pfarrheim. Der speziellen Rolle der Maxlrainer für die Reformation im heutigen Landkreis spürt Historiker Alexander Langheiter bei Vorträgen am 7. März (19 Uhr) in der Miesbacher Stadtbücherei sowie am 16. Mai (19.30 Uhr) im evangelischen Gemeindehaus Miesbach nach. Infos im Lutherjahr-Programm der evangelischen Kirchengemeinde Miesbach und beim Katholischen Bildungswerk im Landkreis.

Katrin Hager

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