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Hier im Labor bei Bayer erfindet Arthur Eichengrün das Aspirin. Begraben ist er am Wiesseer Bergfriedhof.

Er bekommt jetzt auch eine Infotafel

Am Wiesseer Friedhof: Hier liegt der Erfinder des Aspirins

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Kaum ein Wiesseer weiß wohl, welch eine Berühmtheit ganz versteckt am Bergfriedhof liegt: Chemiker Dr. Arthur Eichengrün - kein geringerer als der Erfinder des Aspirins...

Bad Wiessee – Die Ehre kommt spät. Zu seinem 150. Geburtstag im August lässt die Gemeinde Bad Wiessee eine Tafel fertigen, die auf das Grab des deutsch-jüdischen Chemikers Dr. Arthur Eichengrün hinweist. Seit Dezember 1949 liegt Eichengrün auf dem Bergfriedhof begraben. Sein Name ist kaum bekannt, das Arzneimittel, an dem er einst beim Unternehmen Bayer forschte, dagegen sehr: das Aspirin.

Mit der Entscheidung, eine Info-Tafel aufzustellen, folgt Bürgermeister Peter Höß dem Antrag des Wiesseer Journalisten Franz-Josef Rigo an die Bürgerversammlung. Rathaus-Chef Peter Höß trug das Anliegen vor, stellte es aber nicht zur Abstimmung. Wiessee könne stolz sein, dass „der Erfinder des Aspirins“ hier seine letzte Ruhestätte gefunden habe, so Höß. Zu Eichengrüns Lebzeiten seien die Leistungen jüdischer Mitbürger unter den Tisch gekehrt worden. Die Gemeinde weise jetzt gern darauf hin.

Zu Lebzeiten hatte Eichengrün die 1897 erfolgte Entwicklung der Acetylsalicylsäure, also des Aspirins, vergeblich für sich beansprucht. Sie wurde Felix Hoffmann, einem Mitarbeiter Eichengrüns, zugeschrieben. Im Alter von 77 Jahren deportierten die Nazis Eichengrün ins KZ Theresienstadt. Eichengrün überlebte. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Berlin zurück. 1948 verließ Eichengrün die Stadt und zog nach Bad Wiessee. Dort starb er ein Jahr später, am Tag vor Weihnachten.

Erst 1999 untersuchte der schottische Medizin-Historiker Walter Sneader die Entstehung des Aspirins. Er kam zu dem Schluss, dass Eichengrüns Darstellung, Hoffmann habe nur auf Anweisung gehandelt, richtig sei. Demnach darf Eichengrün als Erfinder des Aspirins gelten. Bayer bestritt diese Theorie unmittelbar nach der Veröffentlichung.

Unstrittig ist, dass Eichengrün zahllose Entdeckungen gemacht hat. Er war im Besitz von 47 Patenten. Geboren wurde Eichengrün 1867 als Sohn eines jüdischen Textilhändlers in Aachen. Ab 1896 arbeitete er im pharmazeutischen Forschungsinstitut der Bayer AG. 1908 kehrte er dem Unternehmen den Rücken und gründete eine pharmazeutische Fabrik in Berlin, die Cellon-Werke. Auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden besaß Eichengrün ein Ferienhaus nahe dem späteren Anwesen Hitlers. Bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein verbrachte er dort den Sommer.

1938 wurde sein Unternehmen von den Nazis „arisiert“ . Die damaligen Machthaber ließen Eichengrün zweimal verhaften, weil er es unterließ, dem Namen seines Unternehmens das Wort Israel hinzuzufügen. Trotz aller Drangsalierungen und stetig schlechter werdenden Bedingungen hatte Eichengrün offenbar nie ans Auswandern gedacht. Im KZ Theresienstadt musste der zuckerkranke und betagte Wissenschaftler 14 Monate verbringen. Eichengrün war dreimal verheiratet und Vater von sechs Kindern.

jm

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