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Alles muss raus: Die Schnäppchenjäger durchstöberten Trakt für Trakt. Mancher hatte sogar Werkzeug dabei.

Wir waren mit dabei

Der große Ausverkauf im Geisterhotel am Tegernsee - Alle wollen nochmal ins Lederer

Was für ein Auflauf: Beim großen Ausverkauf am Sonntag rannten die Besucher dem ehemaligen Hotel Lederer in Bad Wiessee regelrecht die – vom Verfall gezeichnete – Bude ein. Wir haben den Wahnsinn mitgemacht.

Bad Wiessee – Seinen wohl letzten großen Ansturm erlebte das seit Jahren geschlossene Hotel Lederer an der Wiesseer Seepromenade am Sonntag. Im Geisterhotel vom Tegernsee  bot ein Verwandter des ehemaligen Eigentümers Josef Lederer das noch vorhandene Inventar zum Verkauf. Die Gelegenheit, das ein oder andere Schnäppchen oder Souvenir aus dem einst renommierten Haus mitzunehmen, ließen sich viele nicht entgehen.

Bereits vor Beginn bevölkerten Scharen den Innenhof des Gebäudekomplexes und standen am Eingang Schlange, als sich mit einiger Verspätung schließlich die Pforten des Hotels öffneten. Bald wirkte das von starkem Modergeruch durchzogene Haus wie ein riesiger Flohmarkt, wenn sich auch die Sondierung der noch vorhandenen Ausstattung teils etwas umständlich gestaltete: Da es längst keinen Strom mehr gibt, mussten sich die Schnäppchenjäger in den Gängen und manchen Räumen im Halbdunkel vorantasten, um Möbel und Vorhänge, Haushaltsgeräte, Geschirr, Deko und mehr zu sichten.

Einen Stapel Teller hat sich Josef Filser aus Gmund organisiert – und war erstaunt, als er den Preis erfuhr: „Für 31 Stück wollte er ursprünglich 75 Euro haben, das ist fast der Neupreis, völlig überteuert“, meinte er. Letztlich habe er den Preis für das gebrauchte Geschirr dann auf 45 Euro heruntergehandelt. Enttäuscht von der Aktion war Marianne Buchberger: „Ich wollte ein kleines Tischerl mitnehmen, aber als ich zahlen wollte, wurde mir gesagt, dass es schon verkauft ist.“ Das Ganze habe „Null Organisation“ gehabt: „Das kannst Du vergessen.“ Erschreckend sei für sie auch der Zustand des Hauses gewesen. „Ich erinnere mich noch an die Faschingsfeste, die vor 30 Jahren hier stattfanden. Schade, was aus diesem geschichtsträchtigen Haus geworden ist.“

Riesenansturm bei Räumungsverkauf im Hotel Lederer - Die Bilder

In erster Linie habe ihn das Interesse an dem „alten Gemäuer“ hergeführt, erzählte Wolfgang Steber. „Und ich habe gedacht, vielleicht finden sich ein paar Antiquitäten oder so etwas.“ Doch auch er wurde enttäuscht: „Hier ist ja überhaupt nichts organisiert, das ist nur ein Durcheinander.“ Eigens aus Dachau war Birgit Spengler angereist, die früher im „Lederer“ oft Urlaub machte und von der Auflösung im Münchner Merkur gelesen hatte. „Ich wollte mir etwas zur Erinnerung mitnehmen. Es ist doch schade, die Sachen verkommen zu lassen, das ist doch gute Qualität.“ Zwei bunte Vorhänge hat sie erstanden, die sie dreimal waschen wolle, um den modrigen Geruch zu entfernen. „Da habe ich dann zuhause ein Lederer-Zimmer“, sagte sie lachend. Und war überzeugt, dass sie noch mehr mitgenommen hätte, hätte sie nur einen Anhänger dabei gehabt. 

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Andere hatten vorausschauend geeignetes Werkzeug mitgebracht, um auch befestigtes Inventar mitnehmen zu können. So fanden auch Wandlampen,Vorhangstangen und sogar ein marmornes Waschbecken neue Besitzer. Viele nahmen den Termin indes zum Anlass, zum letzten Mal die einst prachtvoll ausgestatteten Räume zu besichtigen, ehe das Hotel abgebrochen wird. So auch June Card aus Tegernsee: „Ich wollte dieses Haus noch einmal sehen, und es macht mich traurig, dass das so weit kommen konnte“, meinte sie angesichts der verwahrlosten Räume. Mit dem Fotoapparat waren Johanna Rummeny und Karl Kemper angereist, um Bilder als Andenken zu machen. „Schade, dass das nicht erhalten werden kann. Besonders die Holzarbeiten sind handwerklich so sorgfältig, das könnte sich heute keiner mehr leisten“, bedauerte Kemper.

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Stellenweise wirkten die Räume wie eben erst dem Alltag entrissen. An der Bar warb noch ein Schild für den Cocktail des Abends. Erschüttert über das Ausmaß des Verfalls zeigten sich viele Besucher indes besonders im Speisesaal, wo die Decke durch eindringendes Wasser an manchen Stellen bis auf die Holzkonstruktion zersetzt ist und die Teppiche durch das Tropfwasser bereits Moos angesetzt haben. „Wenn dieses Haus jetzt verschwindet, verschwindet zugleich auch ein Stück konkrete Geschichte, auch wenn es sich um einen sehr schwarzen Abschnitt gehandelt hat“, meinte Rupert Gnigler. „Es ist ein trauriges Beispiel, wie heute der Kommerz mehr zählt als das Geschichtsbewusstsein.“ Der Ausverkauf schien trotz der melancholischen Stimmung für viele etwas geboten zu haben: Erst gegen 18.30 Uhr verließen die letzten Käufer mit ihren Trophäen das Haus.

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Baurechtlich sprach übrigens nichts gegen die Aktion, teilt Sophie-Marie Stadler, Pressesprecherin des Landratsamts, auf Nachfrage mit: „Dem Bauamt liegen keine Informationen vor, dass das Hotel Lederer einsturzgefährdet wäre.“ Wer selbst noch etwas abgreifen will, hat dazu fortan jeden Sonntag Gelegenheit: Da öffnet das Lederer jeweils von 14 bis 17 Uhr für den weiteren Ausverkauf, wie auf Anfrage vom Organisator mitgeteilt wurde.

Stefan Gernböck

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