Eine Umkleide-Schnecke und ein Dixi-Klo sollen das alte Badehaus ersetzen, die Bodenplatte wurde dafür bereits gegossen. Benjamin Prentki und Kathrin Elbel sind enttäuscht.
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Eine Umkleide-Schnecke und ein Dixi-Klo sollen das alte Badehaus ersetzen, die Bodenplatte wurde dafür bereits gegossen. Benjamin Prentki und Kathrin Elbel sind enttäuscht.

Seeufer in Bad Wiessee

Badehaus-Abriss in der Kritik - Stammgäste enttäuscht

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Das Badehäuschen am Seeufer entfernte die Gemeinde Bad Wiessee auf Anordnung des Bürgermeisters – und ersetzt es gegen eine Umkleidekabine und ein Dixi-Klo. Das sorgte für Unmut.

Bad Wiessee – Das Badehäuschen am Seerosenweg in Bad Wiessee war ein beliebter Treffpunkt unter Stammgästen. Auf Anordnung von Bürgermeister Robert Kühn entfernte die Gemeinde das Haus – und ersetzt es gegen eine Umkleidekabine und ein Dixi-Klo. „Eine notwendige Maßnahme“, erklärt der Rathauschef auf Nachfrage.

Kathrin Elbel, langjährige Besucherin des Strands am Seerosenweg, sagt zu dem Abriss des Badehäuschens: „Mir ist unerklärlich, wie ein Objekt, das so viel Atmosphäre und bürgerliches Miteinander schafft, sang- und klanglos verschwinden kann.“ Die Sachsenkamerin kannte einen Großteil der „Badehäuschen-Familie“, wie sie die Stammgäste, die untereinander gut vernetzt sind, bezeichnet.

Stammgäste vermuten Fledermaus-Besiedelung im alten Haus

Eine von ihnen, die namentlich nicht genannt werden möchte, kennt das Häuschen ebenfalls seit langer Zeit. „Das Gebäude dürfte an die 100 Jahre alt gewesen sein“, vermutet die Frau. Früher habe das Haus einem Fischer gehört. Dessen Besitz sei nach seinem Tod in Ermangelung von Angehörigen in die öffentliche Hand übergegangen. Seitdem sei der Badestrand öffentlich gewesen – und das Häuschen fungierte als Umkleide. „Ich war schon in Kapstadt, Amerika und Istanbul, aber so schön wie an diesem Platz fand ich es nirgends“, sagt die Besucherin. Da im Dach des Gebäudes laut der Frau Fledermäuse nisteten, hatte sie mit dem schnellen und leisen Abriss bereits gerechnet: „Das wurde durchgezogen, bevor die Naturschutzbehörde davon Wind bekommt“, mutmaßt die Besucherin. Die Besiedelung der Fledermäuse bestätigt auch Elbel: „Das habe ich auch mitbekommen.“

Eine Institution für viele Sonnenhungrige war das Badehaus am Seerosenweg. Szenen wie die hier abgebildete vermissen besonders Stammgäste.

Bürgermeister bekräftigt die Notwendigkeit des Abrisses

Auf Nachfrage zeigt Bürgermeister Robert Kühn wenig Verständnis für die Beschwerden der Badegäste. Tatsächlich sei das Gebäude „morsch und in desolatem Zustand“ gewesen. „Die Bauhofmitarbeiter konnten das Dach schon länger nicht mehr betreten.“ Deshalb hätten die Arbeiter, einige Anwohner und andere Badegäste darum gebeten, „sich des Grundstücks endlich mal anzunehmen“.

Kühn erklärt: „Es war wichtig, dort ordentliche Verhältnisse herzustellen.“ Der Zweck des Häuschens sei vor dem Abriss die Nutzung als Umkleideraum gewesen. „Und diesen Zweck erfüllt die Umkleide-Schnecke, die bald gebaut wird, auch“, betont er. Zusätzlich werde auf dem Gelände eine mobile Toilettenanlage aufgestellt – in Form eines Dixi-Klos.

Stammgäste halten Ersatz für unästhetisch

„Die Renovierung des Häuschens wäre unverhältnismäßig im Vergleich zu seinem Nutzen gewesen“, meint der Rathauschef. Die neue Variante – ergänzt um Bänke und Fahrradständer – sei das Ergebnis des Wunsches, „etwas Gutes schaffen zu wollen“. Den Beschluss zum Abriss fällte Robert Kühn in Eigenregie – die Zustimmung des Gemeinderats brauchte er dafür nicht. „Das dürfte rund drei Monate her sein“, sagt Kühn. Die Errichtung der Toilettenanlage plant die Gemeinde für den nächsten Sommer.

Benjamin Prentki, Ehemann von Kathrin Elbel, stößt dieses Vorgehen auf. „Immerhin hat die Gemeinde Bad Wiessee deutschlandweit mit die schärfsten Bauvorgaben“, sagt er. Dass die Entscheidung zum Abriss eines so alten Hauses nicht öffentlich fiel, findet der Sachsenkamer „spannend“ – zumal die Ersatzmaßnahme jegliche Art von Ästhetik vermissen lasse und lediglich einen Nutzwert habe. Elbel ergänzt: „Immerhin saßen dort regelmäßig zwischen zehn und 15 Leute.“

Robert Kühn bestreitet Fledermaus-Population

Die Vermutungen – auch bezüglich der Fledermäuse – dementiert der Bürgermeister. „Selbstverständlich wurde das Seehäuschen erst nach meiner Begutachtung, der des Bauamtes und des technischen Bauamtes abgerissen“, schreibt Kühn auf Nachfrage unserer Zeitung. „Dabei konnten wir keinerlei Hinweise auf eine mögliche Fledermauspopulation feststellen.“ Den Zeitpunkt des Abrisses erklärt Kühn wie folgt: „Der Abriss des Häuschens musste aus technischen Gründen vor dem arbeitsintensiven Winterbeginn durchgeführt werden.“ Die Betonplatte für die neue Umkleideschnecke habe gegossen werden müssen, so lange es keinen Frost gibt. „Die hier vorgebrachten Vermutungen entbehren somit jeder Grundlage“, betont er.

Sophie-Marie Stadler, Pressesprecherin des Landratsamts, erklärt auf Nachfrage: „Das Gebäude war nicht denkmalgeschützt.“ Der Abbruch hätte also weder beim Landratsamt noch bei der Gemeinde angezeigt werden müssen – „der Gesetzgeber sieht keinen förmlichen Antrag oder ähnliches vor“. Die Untere Naturschutzbehörde hat Stadler zufolge keine Kenntnis, dass dort Fledermäuse lebten. Im Nachhinein sei es aber auch kaum mehr möglich, das zu beurteilen. nap

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