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Zu Besuch bei Familie Bogner

Das Selbstversorger-Paradies am Tegernsee

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Bad Wiessee - Markus Bogner, 41, glaubt an seinen Boden: Er betreibt Ackerbau auf 800 Höhenmetern über dem Tegernsee – das tut sich sonst niemand an. Doch die Bogners leben davon.

Liebevoll krault Marinus, 8, Mampfis Schnauze. Die Borsten fühlen sich an wie feine Stacheln. Marinus weiß das. Er kennt Mampfi von Geburt an, gab ihm seinen Namen, sah ihn aufwachsen und hat schon oft in die intelligenten Augen des braunen Duroc-Turopolje-Schweins geschaut. Morgen kommt Mampfi auf die Schlachtbank. Wenig später wird ein Stück von Mampfis Schulter auf Marinus’ Teller landen. Auch das weiß der Achtjährige.

Er ist der Sohn von Markus Bogner, 41, den die Leute Selbstversorger nennen. Wenn Bogner das Wort hört, verzieht er das Gesicht. „Das ist ein Etikett, das einem aufgedrückt wird.“ Bogner nennt sich Bauer. Auch wenn ihn viele Bauern für einen Verrückten halten. Der Mann beackert Tegernseer Almboden. Das macht sonst keiner. Weil es sich nicht rentiert. Für Bogner schon. Er und seine Frau Maria, 37, bauen Roggen an, ziehen Schweine, Rinder, Gänse, Fische, Truthähne, Hühner, Enten, Obst und Gemüse. Dafür haben sie vor sechs Jahren den Boarhof mit seinen zehn Hektar Land gepachtet. Im Bad Wiesseer Ortsteil Holz, 100 Höhenmeter über dem Tegernsee.

Wie ein Öko-Spinner sieht Bogner nicht aus

Ein normaler Landwirt könnte mit der Fläche nicht wirtschaftlich arbeiten. Die Familie Bogner lebt gut davon. Ihr Geheimnis: Sie vermarkten alles selbst und alles ist bei ihnen Handarbeit. „Das sind wir uns schuldig und unseren Produkten.“ Blaues Hilfiger-Polohemd, leichter Bauchansatz, glattrasiert und braungebrannt – wie ein Öko-Spinner sieht Bogner nicht aus. Man könnte sich ihn eher auf einem Golfplatz vorstellen. Stattdessen steht er vor dem Bienenstock, den ein Imker neben seinen Gemüsegarten gestellt hat und sagt: „Imkern muss ich noch lernen. Bienen sind so tolle soziale Lebewesen. Jeder hat seine Aufgabe.“

Video: Zu Besuch auf dem Boarhof

Aber Bogner ist kein Träumer. Er ist Realist. Er hat da hingeschaut, wo andere ungern hinschauen. Er hat Schweine gesehen, die auf wenigen Quadratmetern aufwachsen, sich aus Unterforderung gegenseitig Ohren und Schwänze abkauen und auf dem Weg zum Schlachter ihr erstes Tageslicht sehen. Oder Hühner, die im Liegen in ihrem Schuhkarton-großen Käfig aufwachsen, weil sie schneller fett werden müssen, als ihre Füße sie tragen können. Und das alles mit Steuergeldern subventioniert. „Das ist ein krankes System“, hat sich Bogner gesagt.

"Schweine sind unsere größten Fressfeinde"

Der ausgebildete Rettungssanitäter nahm einen Spaten in die Hand und fing an, Tegernseer Lehmboden zu pflügen. Und Bogner hatte Glück. „Mein Vorgänger am Hof hat mir eine gute Erde hinterlassen.“ Das ist nicht die Regel, leider – viel zu oft wird Boden ausgesaugt, für den Profit. Aber ein Boden will gepflegt werden, braucht Fruchtfolgen. Sonst wächst da irgendwann gar nichts mehr. „Der Boden verzeiht viel. Aber irgendwann ist Schluss.“

Auch Mampfi hilft Bogner bei der Pflege. Mit Klauen und Schnauze wühlt er den Boden durch, lockert ihn, lässt ihn atmen. Bevor Bogner ein neues Feld ansät, lässt er seine borstigen Helfer ran. Die UN hat 2015 zum Internationalen Jahr des Bodens ausgerufen, denn die Ackerflächen werden weniger. Nur noch etwa das Viertel eines Fußballfeldes guten Ackerboden hat jeder Mensch auf der Welt zur Verfügung. Das hat die Heinrich-Böll-Stiftung ausgerechnet. Auf dem Boarhof ist das die Fläche, die Garten, Gewächshaus und Obstbäume einnehmen. Allein das Roggenfeld entspricht etwa einem Fußballfeld. Der Rest ist Weideland.

Von den Produkten, die hier gedeihen, leben Markus und Maria Bogner samt ihren drei Kindern Anna, 14, Sophia, 13, und Marinus. Was übrig bleibt, veredelt Maria Bogner in ihrer Küche. Im Hofladen verkaufen die Bogners Brot aus dem Holzofen, Aufstriche, Chutneys und Speck von Mampfi, dem Schwein. Der Durchschnittseuropäer braucht statistisch fast zwei Drittel eines Fußballfeldes – und behandelt seinen Boden nicht besonders gut. Das meiste geht für Biosprit und Tierfutter drauf. „Schweine sind unsere größten Fressfeinde“, sagt Bogner. Mampfi frisst seinem Herrn nichts weg. Er ernährt sich von dem, was er auf seiner Wiese ausgräbt. Seit Mampfi ausgewachsen ist, braucht er keinen Stall mehr. Er und seine Brüder, Pumuckl, Mucki und Mirzl, leben draußen, haben nur einen kleinen Unterstand, Sommer wie Winter. „Jedes unserer Schweine feiert mindestens einmal Geburtstag und Weihnachten.“ Damit sie ein wenig leben können und weil ihr Fleisch nach einem Winter erst so richtig gut schmeckt.

Die dicksten Gelbe Rüben steckt Bogner zurück in die Erde

Maximale Lebensqualität, nennt Bogner das. Für Mensch und Abendessen. So viel Lebensqualität kostet auch. Unter 10 Euro pro Kilo geht nichts von Mampfi oder seinen Artgenossen weg. „Das sind wir unseren Tieren schuldig.“ Bogners Kunden zahlen gerne. Sie stehen Schlange für ein Stück Fleisch. Anfangs konnte die Familie Bogner noch nicht vom Boarhof leben. Maria und Markus arbeiteten noch nebenher. Vor allem der Gemüseertrag war zu gering. Die Pflanzen mussten sich erst an das Bergklima gewöhnen. Das dauert ein paar Jahre. „Inzwischen kaufen wir keine Samen mehr. Wir ziehen nur noch selbst.“ Kreislaufwirtschaft nennt sich das. Jetzt hat Bogner nur noch Pflanzen, die sich am Tegernsee wohlfühlen und er muss nichts an die Saatgutindustrie zahlen. Herkömmliches Gemüse, das in den großen Gewächshäusern in Holland und Spanien gezogen wird, kann sich gar nicht mehr fortpflanzen. So müssen die Landwirte jedes Jahr neue teure Samen kaufen. Für jede Kartoffel zahlen sie an den Patentinhaber. Läuft das Patent ab, nimmt der Saatguthersteller die Kartoffel aus dem Handel.

Bogner hat eine eigene Kartoffelsorte, rote Schale, gelbes Fleisch. Er hat mehrere alte Sorten angepflanzt, sie Früchte austragen lassen und das Ergebnis ausgesät. Auch die Bohnen sind Tegernseer Kreuzungen. Und Bogners dickste Gelbe Rüben werden nicht gegessen. Die pflanzt er im nächsten Frühjahr wieder ein. „Da hoffe ich immer, dass mir niemand zuschaut.“ Wenn der Bauer seine größten Möhren wieder in die Erde steckt. Sie sollen blühen. Zwei Samenstände reichen völlig für ein neues Beet. Das ist viel Arbeit.

Zur Pflanzzeit ist Bogner von 5 bis 22 Uhr draußen unterwegs. Dafür hat er im Winter viel frei. Da sitzt er drin, philosophiert über die Schweinewürde und das Sozialleben von Bienenvölkern, trinkt Milchkaffee und überlegt, warum er eigentlich noch weißen Industriezucker verwendet. Zuckerrüben-Anbau – kann doch nicht so schwer sein. Im Februar geht’s dann schon wieder los. Die Jungpflanzen zieht Bogner bei Kunstlicht und Heizung. Ohne Gewächshaus geht’s am Tegernsee nicht. Das kostet Strom, klar. Aber das ist für Bogner in Ordnung. Die Baumwolle für sein T-Shirt hat er auch nicht selber gezogen, aber es hat ihm eben gefallen. Seine Kinder tragen auch kein Sackleinen, obwohl die vielleicht ökologischer wären. „Und wenn ich Hunger auf italienische Spaghetti habe, dann fahre ich in den Supermarkt und kauf mir welche.“

Hinter dem Speck im Kühlregal steckt auch ein Mampfi

Das Gleichgewicht muss stimmen. „Alles ist ein Kompromiss zwischen Ökologie, Ökonomie und Soziologie.“ Speck und Fleisch kauft Bogner nicht im Supermarkt. Das findet er pervers. Klar, andere finden es pervers, ein Tier aufzuziehen, ihm einen Namen zu geben und es dann zu verspeisen. „Der Hinweis kommt oft.“ Bogner erinnert die Leute dann daran, dass hinter dem Speck im Kühlregal auch ein Mampfi steckt, nur halt mit rosa Haut, abgebissenem Schwanz, ohne Namen und ohne Lebensqualität. „Wenn man sich aber bewusst zum Fleischkonsum entschieden hat, gehört es für mich dazu, auch darüber nachzudenken.“

Sein Sohn Marinus müsste ja auch nichts von Mampfi essen, wenn er nicht mag. Aber irgendwie freut er sich halt auch auf die frische Streichwurst übermorgen. Beim Abschied fließen dann aber doch die Tränen. Vor dem Schlafengehen klettert Marinus nochmal auf die Ladefläche von Bogners Transporter hoch und drückt Mampfi eine letzte Kartoffel in die Schnauze. Henkersmahlzeit. Dann krault er ihm nochmal die Borsten. „Pfiadi“, sagt er leise. Markus Bogner bringt Mampfi selbst zum Schlachter. „Ich bleibe bis zum Schluss dabei.“ Morgens um 4 Uhr fährt er los. Da schläft Marinus noch. Wenn er aufsteht, ist Mampfi tot und Marinus hat eine neue Aufgabe. Gabi, die riesige Muttersau, hat gerade wieder Junge bekommen. Die müssen getauft werden. Sie haben ein schönes Leben vor sich.

Zu Besuch auf dem Boarhof am Tegernsee - Fotos

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