Johannes von Miller mit dem kleinen Finger der Bavaria.
+
Johannes von Miller mit dem kleinen Finger der Bavaria.

INTERVIEW - Johannes von Miller hält das Erbe seines Ururgroßvaters Ferdinand in Ehren

Die Millers und der Ruhm der Bavaria

  • Christina Jachert-Maier
    vonChristina Jachert-Maier
    schließen

Vor 170 Jahren wurde die Bavaria auf der Münchner Theresienwiese enthüllt. Den Guss hatte Ferdinand von Miller vollbracht. Wir haben mit seinem Ururenkel gesprochen.

Bad Wiessee/München – Am 9. Oktober 1850, also vor 170 Jahren, wurde die Bavaria auf der Münchner Theresienwiese stolz enthüllt. Gegossen hatte die monumentale Dame Ferdinand von Miller. Dessen Ururenkel Johannes von Miller (58) lebt in Bad Wiessee – und weiß viel über seinen berühmten Vorfahren zu erzählen.

Herr von Miller, was ist der größte Schatz im Familienarchiv?

Ich habe eine Fülle von Erinnerungsstücken in meinem Haus gesammelt. Rund um die Bavaria und meinen Ururgroßvater Ferdinand von Miller gibt es viele tolle spannende Geschichten. Besonders bemerkenswert ist sicher der kleine Finger der Bavaria. Er ist als Humpen nachgegossen, ein imposantes Stück. Wann es entstanden ist und ob Ferdinand es noch gegossen hat, kann ich aber nicht sagen.

Die fast 90 Tonnen schwere Bavaria zu gießen, war vor 170 Jahren eine enorme Leistung.

Es war der erste eigenständige Auftrag für den noch sehr jungen Ferdinand, und er war eine Herausforderung, eine Sensation. In Bayern war das Wissen über die Monumentalgießereikunst verloren gegangen. Ludwig I. wollte diese Kunst wiederbeleben und hatte deshalb die Königliche Erzgießerei gegründet. Er beauftragte Johann Baptist Stiglmaier, der dann in Neapel spionierte, wie man einen solchen Guss macht und erste Versuche unternahm. Später kam dessen Neffe Ferdinand ins Spiel, der den Bavaria-Auftrag übernahm. Stiglmaier ist kurz darauf gestorben. Die Gießerei ging später in den Familienbesitz über und hieß Millersche Erzgießerei. Sie stand in der Erzgießereistraße in Neuhausen.

Wie kamen die Millers nach Bad Wiessee?

Ferdinand hat 1873 als Wochenenddomizil den Baierhof in Holz gekauft, mit einem riesigen Grundbesitz bis nach Tirol. Der Hof wurde bewirtschaftet und war Ziel vieler Ausflüge der Gießerei-Belegschaft. Am Tegernsee waren damals ja auch schon die Wittelsbacher, und Ferdinand war eng mit Ludwig I. befreundet. Ich habe noch einen Briefwechsel aus dieser Zeit, in Samt gebunden. Ferdinand ist 1887 gestorben. Sein ältester Sohn Fritz hat sich dann in Altwiessee zwei Höfe gekauft. 1896 den Kainzenhof, in dem ich heute wohne, und 1903 den Sterneggerhof. Den Baierhof hat der zweitälteste Sohn Ferdinand der Jüngere. übernommen. Seitdem sitzen die Millers hier draußen.

Seit vier Generationen jetzt.

Ja, früher halt nur zur Sommerfrische. Das änderte sich mit dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt leben fünf Miller-Familien hier in Bad Wiessee, wir sind eine große Erbengemeinschaft. Die Tegernseebahn wurde damals auch auf das Betreiben der Millers gebaut, damit sie bequemer an den Tegernsee kamen.

Die Gießerei musste in den 1920-er Jahren schließen.

Das weltweite Geschäft war weggebrochen. Mit der Schließung ging eine außergewöhnliche Geschichte zu Ende. Zum Beispiel wurden die Türen des Kapitols in Washington in München gegossen. Viele weltberühmte Denkmäler sind dort entstanden. Auch die Transporte waren sehr aufregend und schwer zu organisieren. Da musste etwa ein Brunnen rechtzeitig in Cincinnati sein, weil der amerikanische Präsident zur Einweihung kam. Mein Ururgroßvater war ein Bill Gates des 19. Jahrhunderts.

Sie sind selbst künstlerisch tätig. Ist gießen für Sie ein Thema?

Nein. Ich habe das Material gewechselt, arbeite mit Holz und bin Möbelrestaurator. Aber die Liebe zum Kunsthandwerk ist geblieben. Wir Millers verdanken der Familiengeschichte sehr viel. Ich bin glücklich, dass wir so wunderbar wohnen dürfen. Von der Erbfolge her müsste ich übrigens jetzt wohl der Gießer sein. Aber ich bin ganz froh, dass es nicht so ist.

Wie vertraut sind Sie mit der Bavaria?

Vor einigen Jahren, als sie gerade restauriert wurde, bin ich aufs Gerüst gestiegen, um sie näher anzusehen. Ihre Qualität beeindruckt mich. Sie hat ein Schwert umgürtet, das von unten gesehen auf dem Löwen zu ruhen scheint. Aber wenn man sich auf Augenhöhe befindet, sieht man, dass das riesige Schwert frei hängt und wirklich nur am Gürtel befestigt ist. Das war eine technische Raffinesse, die von der Qualität zeugt, die Ferdinand einfach haben wollte. Sie hat ihn berühmt gemacht. Sein Streben, alles was man tut, mit Anspruch zu machen, ist für mich ein Vorbild.

Auch interessant

Kommentare