Thomas Strauß sitzt an seinem PC, auf dem Bildschirm Facebook-Gruppe
„Tegernsee hält zusammen“.
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Michael Strauß, Gründer der Facebook-Gruppe „Tegernsee hält zusammen“.

Michael Strauß über digital organisierte Nachbarschaftshilfe

Facebook-Gruppe „ist jetzt eher Hilfe für alle“

Nachbarschaftshilfe wird in Zeiten des Internet oft auch digital organisiert. So wie im Tegernseer Tal. Wir sprachen mit dem Gründer der Gruppe „Tegernsee hält zusammen“.

Bad Wiessee – Dass die Menschen im Tegernseer Tal in der Corona-Pandemie zusammenhalten, ist auch Michael Strauß zu verdanken. Der 43-jährige Bad Wiesseer gründete im März 2020 die Facebook-Gruppe „Tegernsee hält zusammen“. Über 3600 Menschen sind Teil dieses Netzwerkes. Profitiert haben von der Gruppe zunächst Menschen, die in Quarantäne waren und Hilfe benötigten. Wir haben mit Strauß über digitale Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona gesprochen.

Herr Strauß, warum brauchen wir in der Pandemie Hilfe über die sozialen Netzwerke?

Wir haben die Gruppe gegründet, weil ich mich fragte: Was wird, wenn es bei uns auch so schlimm wird wie in Italien? Nachbarschaftliche Hilfen funktionierten aber nicht immer und überall gut. Und weil wir in Zeiten des Internet leben, habe ich die Facebook-Gruppe gegründet. Gerade Leute, die jetzt 25 bis 40 Jahre alt sind, werden mehr das Medium Internet nutzen. So konnten wir zum Beispiel auch Menschen in Norddeutschland erreichen. Die riefen dann bei mir an, weil sie jemanden brauchten, der einer Verwandten hier im Tal Einkäufe vorbeibringt. Diese Dame konnte nicht mehr aus dem Haus. Sie gaben mir dann eine Einkaufsliste, die ich gepostet habe. Und jemand aus der Gruppe hat dann drei, vier Mal die Besorgungen erledigt.

Haben Sie selbst die Hilfe vermittelt?

Zum Teil ja. Wir haben ja auch einen Flyer mit meiner Telefonnummer drauf gemacht. Gerade ältere Menschen sind ja nicht im Internet. Die haben dann bei mir angerufen, und ich habe das in der Gruppe geschrieben oder gleich jemanden gefragt, den ich kenne. Ich bin hier aufgewachsen und kenne einige. Da wusste ich dann, dass da alles gut läuft.

Ist das nicht anstrengend, Helfer und Hilfsbedürftige zu vermitteln?

Ich glaube, das kann man gut selber machen. Nach der Arbeit saß ich immer noch zwei bis drei Stunden dran. So groß, dass ich es nicht mehr machen konnte, ist es aber nicht geworden.

Ist Ihre Gruppe „Tegernsee hält zusammen“ immer noch auf Corona bezogen?

Nein, das hat sich verändert. Als es mit Corona losging, meldeten sich vor allem Ältere oder Menschen in Quarantäne. Die brauchten Einkäufe oder jemand, der ihnen Essen vorbeibringt. Auch ging es mal ums Gassigehen des Hundes. Wir hatten auch noch Bedarf, auf Kinder aufzupassen. Das bieten wir aber nicht mehr.

Und wie sieht es heute aus?

Wir sind heute mehr eine Hilfsplattform. Ältere Menschen oder solche in Quarantäne melden sich gar nicht mehr. Heute suchen die einen ihre verlorene Katze, Gastronomen schreiben über ihren To-Go-Service, andere suchen Jobs. Es ist jetzt eher die Hilfe für alle, nicht nur für Menschen, die von Corona betroffen sind. Jeden Tag haben wir vier bis fünf neue Beiträge. Auch haben wir uns mit anderen Initiativen im Netz kurzgeschlossen, etwa mit einer in Miesbach. Das hat Hand in Hand funktioniert. Immer noch sitze ich täglich bis zu einer Stunde am Rechner, um die Beiträge freizugeben. Es hat auch mal einen Schnorrer gegeben, der wollte sich Essen bringen lassen, obwohl ihm gar nichts gefehlt hat. Man sieht schon, dass es alle Arten von Menschen gibt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in Sachen digitaler Hilfe?

Ich würde mir wünschen, dass unsere Plattformen noch mehr angenommen werden. Wir im Tal sollten uns helfen, weil wir eine Gemeinschaft sind, die etwa voranbringen kann. Wenn ich zum Beispiel eine Spende bekomme, gebe ich die an die Nachbarschaftshilfe weiter. Oder ich schaue in der Gruppe nach, ob es jemanden gibt, der etwas braucht.

Das Gespräch führte Andreas Wolkenstein.

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