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Spaziergang am See: Wenn Jenny Raab mit Ludwig Mehringer einen Ausflug macht, nimmt er sie gern bei der Hand. Besonders dann, wenn er sich unsicher fühlt.

Unternehmungen mit Geld aus der Pflegekasse

Ein Ausflug nach Bad Wiessee: Jenny Raab arbeitet ehrenamtlich bei der Lebenshilfe

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Aus der Pflegekasse gibt es nicht nur Geld für Angehörige oder Pfleger, auch für Ausflüge und Unternehmungen ist was drin. Ein Beispiel: Jenny Raab aus Schliersee kümmert sich als Ehrenamtliche um Behinderte.

Bad Wiessee – Ludwig Mehringer tippt der Frau, die ihn an der Hand hält, auf die Schulter. Er macht Geräusche und zeigt auf sein Handgelenk. Seine blauen Augen leuchten. Jenny Raab lacht. „Er will Kaffee und Kuchen, das ist ihm ganz wichtig.“ Die 30-Jährige aus Schliersee schlendert mit ihm am Seeufer in Bad Wiessee entlang. Heute ist Ausflugs-Tag.

Mehringer (48) hat das Down-Syndrom und dadurch Pflegegrad 4. Als ehrenamtliche Helferin der Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe Miesbach unternimmt Raab hin und wieder etwas mit ihm. Seit zwei Jahren. Ludwigs Familie stellt dafür der Lebenshilfe, die Teil der Regionalen Offenen Behindertenarbeit im Landkreis ist, monatlich einen Betrag aus der Pflegekasse zur Verfügung, die sogenannte Verhinderungshilfe. Und dafür darf Mehringer dann eben mit seiner Jenny Ausflüge machen.

Der Weg ist gestreut, trotzdem fühlt sich Mehringer unsicher. Die motorischen Schwierigkeiten fallen bei ihm gleich auf. Deswegen nimmt er Raab gerne an der Hand. Als sie mit ihm aber durch den Schnee laufen will, bleibt er stehen und schüttelt den Kopf. „Er sagt gleich, wenn er was nicht mag“, erklärt Raab. Mehringer sagt aber nicht wirklich etwas, er macht eben Geräusche und kommuniziert über Mimik und Gestik. „Er ist ein Nicht-Sprecher“, sagt Raab. Trotzdem verstehen sich die beiden. Sie hat in den zwei Jahren gelernt, seine Kommunikation zu deuten. Das klappt nicht immer, aber oft.

Menschen wie Ludwig Mehringer verstellen sich nicht

Zoo, Bauerntheater, im Sommer an den See – Jenny und Ludwig haben schon viel erlebt. Auch mit der Familie macht Mehringer Ausflüge. Er lebt bei seiner Mutter Maria, direkt neben Bruder Martin Bichler und dessen Frau Gabriele. Sie pflegen Gabriele Knrisch-Bichlers Vater ebenfalls zuhause. Das Erstaunliche: Maria Mehringer ist 90 Jahre alt. Die Pflege für ihren Sohn stemmt sie aber komplett allein und nimmt keinen Pflegedienst in Anspruch. Martin Bichler sagt: „Ich schaue schon ab und zu, aber wirklich helfen muss ich da nicht.“

Mehringer tippt seiner Begleiterin wieder ans Handgelenk. Wie viel Uhr ist es, soll das heißen. Richtig zuordnen könne er die Uhrzeiten nicht, sagt Raab. „Aber wenn es 14 oder 15 Uhr ist, weiß er, es ist Zeit für Kaffee und Kuchen.“ Eine Eigenheit von ihm, er braucht die Routine. Mehringer arbeitet sonst tagsüber in den Oberland-Werkstätten. Er fädelt ein, sortiert, steckt zusammen. Lieber ist er aber unterwegs. Am liebsten in seiner Lederhose. Mit Jenny war er auf der Wiesn. „Blasmusik findet er richtig gut“, sagt sie und lacht.

Raab, die sonst als Erzieherin im Kindergarten arbeitet, vergleicht hin und wieder Behinderte mit Kindern. „Die haben gar nicht die Sorgen, die wir oft haben.“ Gedanken um den Job oder das Pflegegeld – die macht sich Mehringer wahrscheinlich nicht. Zudem zeigen Menschen wie er direkt, wie sie sich fühlen. Kein Verstellen, kein Verheimlichen. Raab sagt: „Die sind einfach echt.“

Die Regionale Offene Behindertenarbeit

Die Offene Hilfe der Regens-Wagner-Stiftung und die Offene Behindertenarbeit „Lebensmut“ der Lebenshilfe bilden im Landkreis zusammen die Regionale Offene Behindertenarbeit (OBA). Beide Organisationen übernehmen Aufgaben für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben – mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Finanziert wird die OBA seit 2010 teilweise vom Sozialministerium und dem Bezirk Oberbayern. Einen Teil der Ausgaben müssen die Organisationen aber selbst tragen. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Beratung und der Familienentlastende Dienst (FED). Das sind Unternehmungen wie die von Jenny Raab (Text links), und der FED kann mit der Pflegekasse abgerechnet werden. Steffi Lehmann von der Lebenshilfe sagt: „Das kann bei jeder Familie anders aussehen.“

nip

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