Richter rätselt

Hat eine Wiesseer Verkäuferin eine Kollegin brutal mit Einkaufswagen attackiert?

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Die Szene klingt schlimm: Eine Verkäuferin rammt ihrer Kollegin einen Einkaufswagen so brutal ans Bein, dass diese unter Schock zum Arzt humpelt. Später wird sie gefeuert. Aber was stimmt?

Bad Wiessee – Jetzt, als sie ihre Aussage vor Gericht macht, ist die Wiesseerin (54) immer noch sauer. Obwohl der Vorfall Monate her ist. Im September in einem Bio-Markt in Bad Wiessee ist das passiert, was sie heute noch aufregt: Demnach habe ihre damalige Kollegin, eine 39-Jährige Wiesseerin, sie mit einem Einkaufswagen am Bein angefahren. Und zwar mit voller Absicht. Die Folge: ein faustgroßes Hämatom an der rechten Wade und ein Schock. Dafür muss sich die 39-Jährige nun vor dem Miesbacher Amtsgericht verantworten. Die Anklage lautet gefährliche Körperverletzung.

Der Reihe nach: Was war im September 2017 passiert? Die 54-Jährige saß nach eigener Aussage an der Kasse des Marktes, als die Angeklagte „aufgebracht“ auf sie zu kam und sie „verbal attackierte“. Und das vor den Kunden. „Sie hat mich wie einen Volldeppen hingestellt“, sagt die 54-Jährige. Die Angeklagte berichtet, dass sie zuvor von der Chefin des Marktes dazu gebeten worden war, ihrer Kollegin zu helfen. „Weil sie die Arbeit zu langsam erledigt“, erklärt die 39-Jährige.

„Sie war mit unangemessen laut“, berichtet die 54-Jährige weiter. Grund genug für sie, ihre „Scheuklappen dicht“ zu machen. Auf anschließende Fragen habe sie schlichtweg die Antwort verweigert und sich umgedreht. Und dann soll es geschehen sein: ein Einkaufswagen, laut der Klägerin vollgepackt mit Zeitschriften und dementsprechend schwer, laut der Angeklagten nur mit etwa fünf bis zehn Zeitschriften bestückt, krachte der 54-Jährigen von hinten in das rechte Bein.

Wie das allerdings nun passieren konnte, da scheiden sich die Geister der beiden Frauen. Laut der Angeklagten habe sich der Wagen nur „minimal“ bewegt, als sie Zeitschriften hineingeworfen hat, woraufhin der Wagen die Geschädigte leicht am Gesäß berührt habe. Die Geschädigte wird da vor Gericht schon deutlicher: „Sie hat den Wagen aus Wut genommen und mir mit Vehemenz reingerammt.“ Sich daraufhin gewehrt hat sich die 54-Jährige nicht. „Sind wir denn im Wilden Westen?“, fragt sie auf dem Zeugenstuhl in die Runde.

Nach dem Vorfall musste die Klägerin ihren Arbeitsplatz verlassen. „Ich habe noch zwei, drei Kunden abgerechnet, hatte aber solche Schmerzen, dass ich nach Hause gehen musste“, erzählt sie. Außerdem klagte sie über einen Schock. Beim anschließenden Arztbesuch wurde ihr dann ein Hämatom im Bereich der Achillessehne attestiert. Doch das Geschehene hatte noch weitreichendere Konsequenzen. Einen Tag, nachdem sie vom Amtsgericht Miesbach die Ladung als Zeugin erhielt, lag die Kündigung des Lebensmittelmarktes auf dem Tisch der 54-Jährigen. „Ich bin alleinerziehend“, sagte sie vor Gericht. „Wenn ich keine Arbeit habe, muss mein Kind den Hort verlassen.“ Dieser Platz werde vom Landratsamt bezahlt, aber nur im Falle dessen, dass sie einen Arbeitsplatz vorweisen könne. Der Angeklagten drohten aus beruflicher Sicht keine Folgen.

Am Ende dann noch eine Überraschung: Wie sich während der Verhandlung herausstellt, hat sich eine weitere Zeugin aus Rottach-Egern mit einer Beschwerde-E-Mail an den Lebensmittelmarkt gewendet. Darin heißt es, wie Richter Walter Leitner vorliest, dass die 54-Jährige „ordinär und brutal beschimpft wurde“ und wegen der Schmerzen geweint habe.

Ein Urteil in diesem Fall wird nun erst in einer Fortsetzung der Verhandlung Ende März fallen. In dieser soll die Zeugin aus Rottach-Egern ihre Aussage vor Gericht machen sowie der zweite Chef des Marktes noch befragt werden. Bis dahin steht laut Staatsanwalt „Aussage gegen Aussage“.

Rubriklistenbild: © dpa / Jens Büttner

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