Altes Erinnerungsstück: Horst Hrabal mit seinem Rad, das seine Familie 1948 gekauft hatte.
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Altes Erinnerungsstück: Horst Hrabal mit seinem Rad, das seine Familie 1948 gekauft hatte.

Dem Trend voraus

Horst Hrabal und sein „Schluchtenrenner“: 80-Jähriger über sein 73 Jahre altes Fahrrad - mit aktuellem Bezug

Dem Radl-Trend voraus war Horst Hrabal. Der Bad Wiesseer hält sein 73 Jahre altes Fahrrad in Ehren - er selbst ist 80 Jahre alt. Eine Geschichte über sein(en) Lebensgefährt(en).

Bad Wiessee – Radeln liegt im Trend: Pendler fahren mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) fordert den Ausbau von Radwegen – und Aktionen wie „Stadtradeln“ zeigen auf, wie sich radelnd Kohlendioxid sparen lässt.

Einer, der schon lange vor der allgemeinen Begeisterung fürs Fahrradfahren täglich mit dem Drahtesel unterwegs war, ist Horst Hrabal. Sagenhafte 13 Jahre lang – von 1955 bis 1968 – radelte der heute 80 Jahre alte Wiesseer jeden Tag von Otterfing nach Holzkirchen, wo er bei Landhandel Sperl seine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Sein Weg führte ihn immer über den Teufelsgraben – da, wo jetzt der neue Radweg gebaut wird (wir berichteten).

Teufelsgraben-Passage: 80-Jähriger froh über Asphaltierung - „Jetzt wird‘s Zeit“

Doch während die neue Teufelsgraben-Passage asphaltiert und mindestens 2,50 Meter breit sein wird, fuhr Hrabal damals über einen schmalen Pfad – und zwar bei jedem Wetter: „Mir blieb ja nichts anderes übrig“, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Vom Pfad abgestürzt in den Teufelsgraben bin ich aber nie.“ Dass sein täglicher Weg zur Arbeit nun verschwindet, um dem neuen Radweg Platz zu machen, bedauert er nicht – im Gegenteil: „Jetzt wird’s Zeit, dass die Strecke übern Teufelsgraben endlich ausgebaut wird!“

Denn Hrabal ist heute noch ein leidenschaftlicher Radler. Allerdings nutzt er inzwischen ein E-Bike – sein altes Rad ist nur noch ein Erinnerungsstück. Und was für eines! „Teufelsgraben-Schluchten-Renner“ nennt er das gute Stück, das keine Gangschaltung hat. Hrabal bezwang damit nicht nur den Teufelsgraben, sondern auch die Alpen, die er über das Pfitscher Joch querte, das östlich des Brennerpasses in den Zillertaler Alpen liegt. Lange her.

Hrabal erinnert sich noch gut daran, wie seine Familie das Rad nach der Währungsreform 1948 gekauft hatte. „Bei Fahrrad Bauer in Holzkirchen, nachdem mein Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war.“ In der Nachkriegszeit bedeutete ihnen der Drahtesel viel, ein Auto konnten sie sich damals noch nicht leisten.

Ausbildung in Otterfing - Fahrrad ein Familienmitglied

Ursprünglich stammt Hrabal aus dem Sudetenland – er kam als Flüchtling nach Otterfing. Im Alter von 14 Jahren begann er seine Ausbildung zum Kaufmann. Das Rad nutzte er aber nicht nur, um zur Arbeit zu fahren. Er radelte damit zum Sportplatz und zu Freunden. Einmal war er ohne Licht unterwegs – und ließ sich dabei von einem Wachtmeister erwischen, der ihm ein Bußgeld aufbrummte. Auch seine Eltern nutzten den Schluchten-Renner in der Nachkriegszeit.

Seine Mutter zum Beispiel transportierte damit Körbe voll mit Himbeeren. Seinen Vater begleitete der Drahtesel sogar bis ins Altersheim – er vermachte es seinem Sohn auf dem Sterbebett. Kein Wunder also, dass es Hrabal in Ehren hält, auch wenn es nicht mehr fahrbereit ist und der 80-jährige nicht vorhat, es herzurichten. So wie es ist, bleibt es gewissermaßen ein Familienmitglied.

Das Thema Mobilität begegnete Hrabal auch in seinem Berufsleben: Bis zur Rente führte Hrabal mit seiner Frau Ingeborg das Wiesseer Busunternehmen Marcher, in das er eingeheiratet hatte.

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