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Untersucht und saniert die Wiesseer Quellen: Ingenieur Friedrich Cammerer, hier vor der Wilhelmina-Quelle.

Hintergrund: Über Wiessees Kapital unter der Erde

Jod-Schwefelquellen in Bad Wiessee: Ein endlicher Schatz

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Drei Jod-Schwefelquellen kürten Wiessee einst zum Heilbad. Bald sollen sie ein neues Bad versorgen - doch: Wie lange sprudeln sie eigentlich noch? Die Untersuchung ist im Gange - und extrem spannend.

Bad Wiessee – An der Wilhelminastraße steht seit wenigen Tagen ein riesiger Kran. Um das sonnengebräunte, viereckige Holzhaus mit dem markanten Spitzdach, in dem sich die Wilhelmina Quelle befindet, ist ein Bauzaun aufgebaut. Überall liegen Rohre, stapeln sich Säcke mit Baumaterial. Die Firma Hydro-Data aus Radolfzell am Bodensee hat im Auftrag der Gemeinde mit der Sanierung der Quelle begonnen. Eine Arbeit „mit Tiefgang“ rund um die Wiesseer Quellen.

Ludwigsquelle

Die Ludwigsquelle wird zum Industriedenkmal.

Die Geschichte des Heilbads Bad Wiessee beginnt, als am 29. Mai 1909 aus einem Bohrloch in knapp 700 Metern Tiefe Wasser emporspritzt, das nach faulenden Eiern stinkt. Es stellt sich heraus, dass dieses Wasser viel Jod und Schwefel enthält. Bergbauingenieur Adrian Stoop, der ursprünglich auf Ölsuche war, hatte Deutschlands stärkste Jod-Schwefelquelle angebohrt. 1913 erklärte sich König Ludwig III. bereit, seinen Namen dafür herzugeben. Alles Weitere ist bekannt: Wiessee wird Bad Wiessee, zigtausende Bäder werden verabreicht. Der Ort erlangt Weltruhm. 1972: Es kommt zu einer Gasexplosion, da die Quelle nicht nur Heilwasser, sondern auch Gas liefert. Zwei Jahre später wird sie stillgelegt, aber nie richtig verschlossen. Auf Anordnung des Bergamts Südbayern muss diese „Verwahrung“, wie es im Fachjargon der Bergleute heißt, jetzt zu Beginn des Jahres nachgeholt werden. „Man hat sogar darüber nachgedacht, die Gasproduktion in dieser Quelle wieder aufzunehmen“, sagt Diplom-Ingenieur Friedrich Cammerer (63), unter dessen Leitung die Arbeiten an sämtlichen Quellen durchgeführt werden. „Aber der Aufwand wäre einfach zu groß.“ Also hat man nun „den Deckel drauf gemacht“ – beginnend mit Kies, Sand und mehreren Zementschichten. Die Ludwigsquelle soll zum Industrie-Denkmal werden. Der alte Gasmotor soll künftig zu sehen sein, auch die „Pferdekopf-Pumpe“ – all das soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf Knopfdruck soll das Szenario der Heilwasserförderung nachgespielt werden. Zukunftsmusik, wenn die Baumaßnahmen der Sports Medicine Excellence Group (SME) auf dem Jodbadareal geschafft sind. Das Verschließen der Quelle hat die Gemeinde bereits 368 000 Euro gekostet.

Wilhelmina-Quelle

Die Wilhelmina-Quelle mit ihrem markanten Haus.

Zurück in die Zeit von Adrian Stoop: Weil er nicht von der Ludwigsquelle alleine abhängig sein wollte, ließ Stoop eine zweite Tiefbohrung durchführen. Während seiner Goldenen Hochzeit im August 1930 wird tatsächlich Wasser gefunden, und Stoop benennt sie nach der niederländischen Königin Wilhelmina. Aus ihr wird noch heute in 371 Metern Tiefe mittels einer Tiefkolbenpumpe mit Pferdekopf und eines Elektromotors Heilwasser gefördert: 83 Liter pro Minute. Die gute Wilhelmina wurde zwar 1989 renoviert, doch sie ist in die Jahre gekommen und muss erneut auf Herz und Nieren geprüft werden: Ein Fall für Friedrich Cammerer und seine Mitarbeiter. „Die Rohre müssen ausgebaut, der Bohrer gereinigt werden“, erklärt Cammerer, „dann müssen Förder- und Injektionstests gemacht werden, um die Ergiebigkeit zu testen.“ Vereinfacht dargestellt. 647 000 Euro kostet die „Kur“ für Wilhelmina.

Adrianus-Quelle

Die Adrianus-Quelle mit ihrer typischen blauen Pumpe.

Sie ist die Jüngste im Bunde und wurde nach dem Verschluss der Ludwigsquelle 1978 erbohrt. Aus 394 Metern Tiefe wird heute noch – im Wechsel mit Wilhelmina – Wasser hinaufgepumpt, etwa zwei Stunden pro Tag. Wenn die Arbeiten an der Wilhelmina-Quelle abgeschlossen sind, soll im nächsten Frühjahr die Sanierung der Adrianus Quelle beginnen. Auch hier werden die Rohre untersucht und eine vermutete Verstopfung im Filter gespült. Adrianus soll künftig der Star unter den Quellen werden. Im Februar hatte der Gemeinderat beschlossen, dass die Pumpe mit ihrem markanten, blauen Pferdekopf eine moderne Einhausung mit Flachdach bekommt und hinter Glas zu sehen sein wird. Hier werden künftig die Besucher der SME-Klinik vorbei flanieren. Rund eine Million Euro sind dafür veranschlagt. Allein die Sanierung der Quelle schluckt 321 000 Euro.

Die Zukunft

Bauingenieur Friedrich Cammerer rechnet damit, dass in vier Wochen Ergebnisse vorliegen, wie der Zustand der Quellen tatsächlich ist. „Man will wissen, ob man die Ergiebigkeit steigern könnte.“ Basierend auf dem aktuellen Verbrauch für das Interims-Bad im Bade-Park werden derzeit acht bis zehn Kubikmeter Heilwasser gefördert. Die fließen in ein Speicherbecken, das im Zuge der vielen Umbauten auf der Fläche neben der Adrianus-Pumpe angelegt wird. Statt des jetzigen 1000-Kubikmeter-Beckens werden zwei neue Reservoirs mit je 35 Kubikmetern angelegt. „Damit kann man das Wasser gleichmäßiger sowie im Sommer und Winter fördern“, erklärt Cammerer und erwähnt noch einen interessanten Aspekt: Würde man das Heilwasser permanent pumpen, dann hätte es eine höhere Temperatur, nämlich über 20 Grad. „Und dann dürfte sich Bad Wiessee eine Therme nennen.“ Derzeit erreicht man diesen Wert eben nicht.

Dass man hier auf zwei Beinen steht und auf Adrianus und Wilhelmina zurückgreifen kann, sei ein besonderer Vorteil, meint der Fachmann. Dennoch sei es wichtig, Deutschlands stärkste Jod-Schwefelquelle sorgsam zu behandeln. „Die Quellen sind ein Schatz“, sagt Cammerer. Jedem müsse klar sein, „dass dieser Schatz endlich ist.“ Wie lange das Wasser noch unter der Erde schlummert, könne niemand sagen. Entsprechende Messstellen wären unverhältnismäßig teuer. „Deshalb sollte man sparsam damit umgehen.“

gr

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