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Heimat im Blick: (v.l.) Ursula und Ludwig Klitzsch, Betreiber der Klinik im Alpenpark sowie die Fotografen Thomas Plettenberg und Daniel Glasl mit ihren Neuinterpretationen der historischen Bilder des Fotoateliers Reitmayer. 

In der Klinik Alpenpark in Bad Wiessee

Bilderschatz gehoben: So sah‘s im Tegernseer Tal vor 100 Jahren aus

Kokette Damen mit Bubikopf, stolze Soldaten mit Pickelhaube: Die Bilder des Ateliers Reitmayer aus den Anfängen der Fotografie gewähren Einblicke ins Tegernseer Tal vergangener Tage. 

Bad Wiessee– Die 7200 Fotoplatten aus den Jahren 1891 bis 1934 des Tegernseer Ateliers Joseph Reitmayer sind ein wahrer Schatz. Nun wurde er gehoben: Für die Wiesseer Klinik im Alpenpark haben die Fotografen Thomas Plettenberg und Daniel Glasl sie auf ihre jeweils eigene Weise interpretiert und in die Moderne geholt. Die Ergebnisse zieren Gänge und Suiten der Klinik.

Die Fotoplatten waren einst bei einem Hausabbruch in Tegernsee entdeckt worden, danach hielten sie einen – wohlbehüteten – Dornröschenschlaf bei Familie Beil in Bad Wiessee. Klinik-Geschäftsführer Ludwig Klitzsch erfuhr davon – und erwarb die Platten. Zunächst war eine historische Aufarbeitung geplant; der plötzliche Tod von Historiker und Journalist Michael Heim schob diese Pläne jedoch auf. Aber eine künstlerische Auseinandersetzung ist nun erfolgt. Familie Klitzsch legte sie in die Hände Plettenbergs und Glasls. Der Herzoglich Bayerische Hoffotograf Joseph Reitmayer selbst hat die allermeisten Bilder übrigens nie gesehen: Er starb 1891 bei einem Bootsunglück auf dem Tegernsee, wie Heimatkenner Beni Eisenburg erklärt.

Plettenberg setzt Fotos des Ateliers Reitmayer in den Suiten in Szene, in unaufdringlichen Holzrahmen über dem Bett – fast wie daheim die Familien-Galerie auf dem Kaminsims, wie beiläufig platziert neben aktuellen Aufnahmen aus seinem eigenen Fundus. „So entstehen Bildgeschichten.“ Obwohl es natürlich nie die Erinnerungen der Patienten seien, „sondern die der Fotografen“, transportiert das heimelige, familiäre Wohlfühlatmosphäre. Der Blick schweift: von der Badenixe von einst, die im Badeanzug mit Schößchen im seichten Wasser sitzt, zum bunten Badetuch-Flickenteppich am rappelvollen Seeufer heutiger Tage. Einst Skijöring mit Uniform, heute Rosstag mit Tracht.

Glasl widmete sich den Porträts aus dem Studio, die den Großteil der Sammlung ausmachen – obwohl er selbst die Porträtfotografie scheue „wie der Teufel das Weihwasser“. Glasl hat sie in Pastellfarben eingefärbt und komponiert sie als Kacheln zu gleichmäßigen Bildmosaiken. Das erinnert nicht nur Klitzsch an PopArt-Werke Andy Warhols, gleichwohl die Intention eine völlig andere ist. Der Blick des Betrachters bleibt unwillkürlich am Menschen hängen – und am Menschlichen. Ob das Bild in Wilhelminischer Zeit, um den Ersten Weltkrieg oder während der Weimarer Republik entstand, ob sich der Sommerfrischler im Jägerkostüm oder die Bauersfrau stolz im Schalk ablichten ließ – den Abgebildeten ist doch eines gemein: die Selbstinszenierung. Nur die Kinder spielen da nicht mit. Wenn ihnen die Prozedur beim Fotografen zu lang dauerte, steht es ihnen ins zwiderne Gesicht geschrieben. Erstkommunion hin, Erstkommunion her. Vielleicht, meint Glasl, entdeckt jemand Uroma oder Großvater – wenn er weiß, wie diese als Kinder oder junge Leute aussahen.

Interessierte können sich die Fotos nach Anmeldung beim Empfang der Klinik ansehen.

Katrin Hager

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