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Josef Lederer zeigt dem Filmteam das Zimmer, in dem Adolf Hitler SA-Chef Ernst Röhm verhaftete.

Kurz vor Abriss im Hotel Lederer

Filmemacher drehen Röhm-Verhaftung durch Hitler nach

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Es ist ein Hotel mit Geschichte - und steht kurz vor dem Abriss: Dokumentarfilmer wollten im Lederer ein letztes Mal erleben, wie Adolf Hitler an die Zimmertür von Ernst Röhm klopfte.

Bad Wiessee – Es ist das Zimmer Nummer 335. „Damals war es wohl die Nummer 7“ , meint Josef Lederer (78). SA-Chef Ernst Röhm schlief dort in der Nacht auf den 30. Juni 1934, neben sich einen jungen Mann. Früh am Morgen klopfte Adolf Hitler persönlich an die Tür seines Duz-Freundes. „Röhm musste weg“, erzählt Historiker Harald Sandner. Hitler hielt Röhm eine Pistole entgegen und verhaftete ihn. „Ein historischer Moment“, sagt Sandner. Er stehe für die Entmachtung der SA, dieser Schlägertruppe, die Hitler unbequem geworden war. Röhm wurde am Tag nach der Verhaftung erschossen.

Um den Moment nachzuzeichnen, ist Sandner mit einem Filmteam nach Bad Wiessee gereist. Regisseurin Magalie Mignot und Kameramann Nicolas Bethone kommen aus Paris. Im Auftrag eines französischen Fernsehsenders werden zwei Dokumentationen über das Leben von Adolf Hitler gedreht. Dafür ist Sandner Spezialist. Er ist Autor des vierbändigen Werks „Hitler – Das Itinerar“. Auf 2000 Seiten dokumentiert der Historiker aus Coburg die Aufenthaltsorte und Reisen Hitlers. Auch jetzt noch ist Sandner viel unterwegs, um den Spuren des Diktators zu folgen.

Der Termin in Bad Wiessee duldete keinen Aufschub: Investor Thomas Strüngmann will das Hotel Lederer möglichst schnell abreißen. Es macht Platz für einen Neubau, dem der Gemeinderat im Grundsatz grünes Licht gegeben hat.

Lederer kämpft weiter für sein Vermächtnis

Bis das Abrisskommando kommt, hat Josef Lederer noch Wohnrecht in seinem früheren Eigentum. Mit Haushälterin Anni (86) lebt er in einem Nebengebäude, hält ein Reitpferd und vier kleinen Ponys. Den Schlüssel fürs markante Hauptgebäude trägt er meist bei sich. Für dessen Erhalt kämpft er, weil es noch immer sein Stolz ist.

Um den Abriss zu verhindern, hat er alle Register gezogen. Vergeblich. Auch sein Gesuch, das fast 100 Jahre alte Hotel wegen der Röhm-Affäre unter Denkmalschutz zu stellen, hatte keinen Erfolg.

Stand einer Erinnerungstafel klafft ein Loch neben Röhms Tür

Das wundert Sandner sehr. „Ich finde, es ist ein Unding, so ein Gebäude abzureißen“, findet der Historiker. Neben das Zimmer, in dem Hitler Röhm verhaftete, gehöre eine Tafel, die das Geschehen schildere.

Stattdessen klafft in der Wand neben dem Zimmer Nummer 335 ein tiefes Loch. „Da war eine Probebohrung“, berichtet Lederer. Zur Untersuchung der Substanz. Dass die geprüft wird, hat ihn erst gefreut. Einen Moment lang glaubte der alte Hotelier, das Haus werde doch saniert. „Aber die wollen nur wissen, welches Material sie für den Abriss brauchen“, weiß Lederer jetzt. Gesagt habe ihm das vorher keiner: „Mafiamethoden sind das.“

Lederer versucht Abriss mit Fledermäusen rauszuzögern

Lederer hat beim Landratsamt Einspruch gegen den Abriss eingelegt und hofft, dass er fruchtet. Als Argumente führt er über seinen Anwalt den Denkmalschutz und eine Fledermaus-Population an. Letztere verschafft ihm zumindest etwas Zeit. Wie Martin Pemler als Sprecher des Landratsamts mitteilt, wird in Sachen Fledermaus ein Gutachten erstellt. Der Grundstücks-Eigentümer müsse mit dem Abriss warten, bis das Gutachten vorliegt. Verhindern wird das Ergebnis ihn nicht, allenfalls verschieben.

Ein Denkmal ist das Lederer wegen der baulichen Veränderungen nicht. Das Urteil des Landesamtes für Denkmalpflege liege nun auch schriftlich vor, erklärt Pemler.

Zu klären gibt es vor dem Abbruch allerdings wohl noch einiges. Noch immer tüftelt Strüngmanns Familienbüro Athos am Abrissplan. Schließlich soll nicht nur das Hotel Lederer mit seinen Nebengebäuden weg, sondern auch das Haus des Gastes und das Hotel Wittelsbach. Der Plan war, im Herbst zu starten. „Wir hoffen, dass wir den Oktober halten können“, meint Athos-Sprecher Andreas Göbel. Gelingt das nicht, verschiebt sich der Mega-Abriss wohl um ein ganzes Jahr.

Fallen die Mauern doch schon im Oktober, braucht Josef Lederer schnell eine neue Bleibe. Wo das sein könnte? Lederer zuckt die Achseln. „Ich habe mir noch nichts gesucht.“ Er hofft, dass der Abriss nicht stattfindet, und will weiter ausharren, auch wenn es im Winter sehr kalt wird in seiner Wohnung. Ohnehin leben er und Anni nur noch einem kleinen Teil des alten Domizils, das so marode ist wie die Häuser rundum. Der Strom kommt über dicke Kabel von außen ins Haus, heizen ist ein Problem. Es ist nicht leicht für die beiden Senioren, denen diverse Krankheiten zu schaffen machen. „Es ist vieles nicht gut gelaufen“, sagt Lederer.

Seinen Stolz hat er über all dem nicht verloren. Nur zu gern würde er Thomas Strüngmann beraten, damit der alte Glanz des Lederer wieder aufscheint: „Ich hätte viel bessere Ideen als dieses Zickzack-Hotel.“

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