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150 Kulturen auf kleinsten Raum: Markus Bogner in seinem Garten, von dem die ganze Familie lebt.

“Wir leben in einem kranken System“

Die Landwirtschaft-Revoluzzer vom Tegernsee - zwei Bauern, die die Welt retten wollen

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Die Landwirtschaft funktioniert nicht mehr: Sinkende Milchpreise, teuer subventionierte Massenproduktion, Spritzmittel, die töten. Am Tegernsee leben zwei Landwirte, die es anders machen.

Bad Wiessee/Gmund – Den Brief hat Markus Bogner, 44, noch heute. Acht Seiten, eine komplette Lebensgeschichte. Höhen, Tiefen, geplatzte Träume. Ein Fremder hat den Brief geschickt. Einen Rat wollte er von Markus Bogner haben, was er in seinem Leben ändern könnte. Dabei ist Bogner kein Psychologe, kein Lebensberater. Er ist Bauer. 80 Höhenmeter über dem Tegernsee bewirtschaftet er den Boarhof im Bad Wiesseer Ortsteil Holz (Kreis Miesbach). Zehn Hektar Land, 13 Schweine, 50 Legehennen, 50 Weidehähnchen, 20 Gänse, 50 Obstbäume, Gemüse- und Kartoffelacker, neuerdings drei Gewächshäuser. Idylle pur. Dort lebt Markus Bogner mit seiner Frau Maria und seinen Kindern Anna (18), Sophia (16) und Marinus (12). Im Tegernseer Tal ist Markus Bogner als Selbstversorger bekannt.

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Selbstversorger. Markus Bogner hört das nicht gerne. „Mit dem Begriff steh ich a bisserl auf Kriegsfuß.“ Viele verbinden damit ein Klischee. Einen Einsiedler, „der in handgestrickten Nesselunterhosen rumläuft“. Markus Bogner trägt Hosenträger und Jeans. Ein Poloshirt in Grün – der gleiche Farbton wie seine Augen. Die Scheibe Brot, die er zum Frühstück isst, hat er selbst gebacken, seine Frau hat die Marmelade selbst gekocht, das Frühstücksei im Eierbecher kommt draußen aus dem Hühnerstall. Also doch Selbstversorger – wenn auch vielleicht kein typischer. Auf jeden Fall ein Revoluzzer.

Vielleicht kein typischer Selbstversorger - aber auf jeden Fall ein Revoluzzer

Die Revolution auf dem Boarhof kam ganz leise. Die Bogners führen ihren Hof anders als andere Bauern. Sie fahren nicht mit dem neuesten Traktor übers Feld, sondern ernten ihr Gemüse und Obst mit der Hand. Ihre Schweine halten sie draußen, wenn es geht, das ganze Jahr über. Sie haben keinen High-Tech-Stall mit Milchrobotern, sondern ganz einfache Geräte. Die Bogners besitzen nicht einmal Kühe. Geht es nach dem ein oder anderen Landwirt, ist Markus Bogner deshalb kein richtiger Bauer. Nicht nur, weil er keinen bäuerlichen Hintergrund hat. Zwölf Jahre arbeitete er als Rettungssanitäter. „Bauer bist du hier nur, wenn du Milchvieh hast.“ Dafür hat Markus Bogner etwas anderes auf seinem Hof: Vielfalt.

150 Kulturen wachsen auf kleinstem Raum

Der Boarhof ist nach den Grundsätzen der Permakultur ausgerichtet. Die Pflanzen auf dem Hof sind so angelegt, dass sie sich gegenseitig begünstigen. Zirka 150 Kulturen wachsen auf dem Hof. Davon alleine 80 Tomatensorten. Dazu kommen Salate, Gurken, Kürbisse, Erd- und Hülsenfrüchte, Kräuter, Kern-, Stein- und Beerenobst. Die Bogners kultivieren ihr Land nach den Prinzipien der Natur. Für die landwirtschaftliche Maschinenernte sind Monokulturen am besten. Markus Bogner zufolge sind die der „Krankheitsherd Nummer eins“. Seine Saatlinge zieht er in seinen Gewächshäusern selbst. Lauter alte Sorten, von denen er auch die Samen für eine neue Aussaat ernten kann. Bei modernen Züchtungen geht das nicht mehr. Da müsste er die Samen Jahr für Jahr neu von großen Konzernen kaufen.

Zwiebelreihen helfen gegen Schädlinge

Zwischen den Karotten pflanzt er Zwiebelreihen im Beet. Der Gestank schreckt die Möhrenfliege ab. „Da braucht’s kein Spritzmittel, Glyphosat schon gar nicht.“ Die Tiere am Hof helfen bei der Arbeit. Die Schweine wühlen mit ihren Schnauzen durch den Ackerboden, lockern ihn auf. Gänse und Hühner fressen die Schnecken. Die Ausscheidungen der Tiere sind feinster Biodünger. Irgendwann landen die Schweine als Braten auf dem Teller. „Das gehört dazu.“

Echte Freunde bis zur Schlachtbank: Markus Bogner mit einem seiner Schweine.

Permakultur haben die Bogners nicht nur im Garten, sondern auch in ihrem Leben. Brot, Marmelade, Apfelsaft, Chutney, Wurst und Speck verkaufen sie in ihrem Hofladen. Ohne Zwischenhändler. Drei Tage hat der Hofladen geöffnet, drei Tage arbeiten die Bogners in der Landwirtschaft. Der Sonntag gehört der Familie. „Die drei Säulen sind ziemlich unantastbar“, sagt Bogner. Drei Säulen hat auch die Revolution, die es seiner Ansicht nach in der Landwirtschaft braucht. Bogner vergleicht sie mit einem Bauerngarten, „nur großflächig verteilt“. Viele kleinzellige, vielfältige Höfe statt einfältige Massenbetriebe, mehr Menschen, die sich mit der Lebensmittelproduktion auseinandersetzen und der persönliche Kontakt von Verbraucher und Erzeuger. „Der ist heutzutage völlig abgekappt.“

Viele Menschen haben Bedürfnis nach Nähe zu ihrem Bauern

Im Discounter weiß keiner, welcher Bauer die Milch produziert hat. Hauptsache billig, Hauptsache immer verfügbar. Dabei, glaubt Bogner, hätten viele Menschen ein Bedürfnis nach Nähe zu ihrem Bauern. „Immerhin ist der für ihre Lebensmittel verantwortlich.“ Der Trend gehe zu Regionalität. Zu weniger statt mehr.

„Wachse oder weiche“, ist die Maxime in der industrialisierten Landwirtschaft. Auch wenn laut der Umweltorganisation WWF fast ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen werden. Über 18 Millionen Tonnen pro Jahr sind es in Deutschland. „Auf der anderen Seite verhungern die Menschen“, sagt Bogner. Zirka 8,8 Millionen sind es jährlich. Und das, obwohl der Zukunftsstiftung Landwirtschaft zufolge 2016 so viel Getreide wie noch nie produziert wurde. Nur 43 Prozent werden zu Lebensmitteln verarbeitet. Der Rest wird zu Tierfutter, Sprit und Industrierohstoffen.

Vielfalt auf dem Martlhof - von Christoph Poschenrieder.

5,5 Kilometer vom Boarhof entfernt lebt ein weiterer Revoluzzer. Seit etwa acht Jahren bewirtschaftet Christoph Poschenrieder, 37, den Martlhof in Ostin bei Gmund am Tegernsee. Auch er findet, dass etwas grundlegend geändert werden muss. Weg von der industriellen Landwirtschaft, hin zu einer „enkeltauglichen“ Variante. Mit vielen kleinen Einheiten und hoher Vielfalt statt großen Monokulturen.

Auf seinem Hof hält der studierte Agrarökonom Schafe und Schweine. Fleisch, Wurst und Felle verkauft er direkt an seine Kunden. Außerdem betreibt er Forschungsstudien zum Thema Bodenaufbau. 48 Parzellen hat er auf dem Martlhof, jeweils vier auf vier Meter. Kompostsubstrate, Pellets-Substrate, Biogassubstrate setzt er ein, um zu sehen, wie sie sich auf die Bodenfruchtbarkeit auswirken. „Pflanzen sind von einem guten Boden abhängig“, sagt Poschenrieder. Doch fruchtbarer Boden ist knapp. Das liegt zum einen daran, dass mehr Flächen zugebaut werden. Auch die Qualität der Böden verschlechtert sich. Schuld ist auch die intensive Nutzung durch die Landwirtschaft. 25 Prozent der Böden sind weltweit betroffen. Auch in Deutschland gibt es Flächen, die früher bewirtschaftet wurden und heute wüstenähnlichen Charakter haben. „Global gesehen ist es 5 nach 12“, sagt Poschenrieder. Er will etwas dagegen tun. Mit seiner Forschung und Tierhaltungssystemen mit hohem Tierwohl. Auf seinem Hof produziert er mobile Hühnerställe.

Perfektioniert: Poschenrieder baut mobile Ställe.

Von außen sehen sie aus wie einfache Holzhäuser. Innen ist modernste Technik. Automatisches Licht und Lüftung, hydraulische Entmistung, steuerbare Klappen. Bis zu 350 Hühner kann Christoph Poschenrieder mit seinem Mobil in der Landschaft herumkutschieren. An Steilhängen. „Oder da, wo ich mein Land mit herkömmlichen Methoden nicht nachhaltig und produktiv bewirtschaften kann.“ Der Vorteil: Die Hühner scharren nicht immer auf der gleichen Stelle. Das schont den Boden und hält die Keimbelastung niedrig. Die Tiere bereiten zudem Parzellen für den Pflanzenbau vor. Es entsteht eine Kreislaufwirtschaft. Kleine Betriebe können wenig Platz so effizienter nutzen. Poschenrieders Kunden sind vor allem Direktvermarkter. So, wie er selbst einer ist. Oder wie Markus Bogner vom Boarhof.

Die Leute kommen längst nicht mehr nur wegen der Bio-Chutneys nach Holz. Markus und Maria Bogner geben regelmäßig Seminare in ihrem Bauerngarten. Sie sprechen über ihre Arbeit und Lebensphilosophie. Markus Bogner reist in den gesamten deutschsprachigen Raum zu Vorträgen, er hat sogar ein Buch geschrieben. Mehrfach waren die Bogners im Fernsehen und Radio. Die Resonanz ist positiv, sagt der Landwirt. Viele interessieren sich für die Permakultur, manche Fragen gehen darüber hinaus. „Wir bekommen viele Mails.“ Manchmal sogar lange Briefe. Was Markus Bogner dem Fremden geantwortet hat, behält er für sich.

Magdalena Kratzer

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