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Spielplatz Natur: Die Schützlinge des Waldkindergartens dürfen schon mal mit Holz un und Säge hantieren. Sie bauen sich ihr Spielzeug einfach selbst.

Nach Kritik im Wiesseer Gemeinderat

Interview: Warum braucht es einen Waldkindergarten?

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Bad Wiessee - Seit April gibt es in Bad Wiessee die Waldkraxler. Dahinter steckt eine Elterninitiative, die einen Waldkindergarten betreibt. Wir sprachen mit einer der Initiatorinnen über das Konzept und über Vorurteile.

In einem Waldstück an der Sportanlage Hagngasse in Bad Wiessee hat der Waldkindergarten seine Heimat gefunden. Noch schreibt die kleine Einrichtung rote Zahlen, deshalb hat sie im Oktober bei der Gemeinde eine Verdoppelung der finanziellen Rückendeckung beantragt – und auch erhalten. Allerdings wurden im Gemeinderat Zweifel laut, ob es den Kindergarten überhaupt braucht. Wir sprachen mit der Vize-Vorsitzenden und Mitbegründerin Barbara Kohlschmid (32) über die Idee des Waldkindergartens. Kohlschmid ist Diplom-Sozialpädagogin und Mutter eines dreieinhalbjährigen Sohnes.

Wiessees Zweiter Bürgermeister Robert Huber meinte jüngst im Gemeinderat, dass ein Waldkindergarten bei uns auf dem Land wenig Sinn mache. Hier könnten die Kinder ja jederzeit in den Wald gehen. Ärgern sie solche Aussagen, Frau Kohlschmid?

Barbara Kohlschmid: Ich habe mir nur gedacht, er hat das Konzept nicht ganz verstanden. Ein Waldkindergarten bedeutet ja nicht, dass unsere Kinder fünf Tage lang wild und ohne Anleitung im Wald spielen. Dahinter steckt eine pädagogische Grundhaltung, die sehr ausgereift ist.

Was macht diese Pädagogik aus?

Barbara Kohlschmid: Da gibt es ganz viele Ideen. Unsere Kinder, die in einer materialistischen Welt aufwachsen, sind hier einmal ohne Konsum und Spielzeug. Oder sie basteln es sich einfach selbst. Mein Sohn hat zum Beispiel mit ein paar Nägeln aus Holz ein Auto gebaut. Die Kinder setzen sich intensiv mit ihrer Umwelt auseinander und lernen, ihre Umwelt selbst zu gestalten. Sie sind den ganzen Tag draußen und haben daher einen engen Bezug zur Natur. Mein Sohn kennt inzwischen ganz viele Blumen, Spuren und Tiergeräusche.

Die Freiräume sind freilich größer als in einem herkömmlichen Kindergarten.

Barbara Kohlschmid: Ich würde so sagen: Den Kindern bleibt viel Raum für Kreativität. Das heißt aber nicht, dass sie den ganzen Tag wie wild im Wald herumwühlen. Unsere Erzieher sind sehr gut ausgebildet und haben teils langjährige Erfahrung in der Montessori- und Waldpädagogik.

War es denn nicht schwierig, Personal für den Kindergarten zu finden? Schließlich haben wir einen eklatanten Mangel an Erziehern.

Barbara Kohlschmid: Im Landratsamt hatte man uns zu Anfang prophezeit, dass wir nur schwer Personal finden werden. Aber es war gar kein Problem. Der Grund ist vermutlich, dass wir ein besonderes Arbeitsumfeld bieten. Es reizt die Leute, in diesem speziellen Feld zu arbeiten.

Sie verfolgen zwar eine eigene Art der Pädagogik, haben ja aber auch Pflichtaufgaben zu erfüllen. Stichwort: Vorschule.

Barbara Kohlschmid: Das ist richtig. Wir sind nicht nur Eltern, die mit ihren Kindern gern in den Wald gehen, sondern haben eine Betriebserlaubnis wie jeder andere Kindergarten auch. Wir arbeiten eng mit dem Landratsamt zusammen und müssen uns an die Gesetze halten. Dazu gehört auch, eine Vorschule anzubieten. Es ist halt die Frage, wie ich das Wissen vermitteln möchte: Ich kann mit den Kindern Murmeln zählen, aber auch Stöcke. Ich kann mit einer Schere ein Blatt schneiden oder mit einer Säge einen Ast. Die Kinder haben jetzt zum Beispiel im Bauwagen Laternen gebastelt – dazu haben die Kinder und Erzieher einfach Blätter gesammelt.

Das klingt alles recht überzeugend. Warum wird das Angebot von den Eltern dann so zögerlich angenommen?

Barbara Kohlschmid: Ich finde gar nicht, dass unser Kindergarten so zögerlich anläuft. Wir haben momentan zehn Kinder aus drei Jahrgängen, im Frühjahr kommen drei weitere Kinder dazu, für September sind wieder welche angemeldet.

Das heißt, Sie können bald kostendeckend arbeiten?

Barbara Kohlschmid: Ab zwölf oder 13 Kindern trägt sich der Betrieb selbst. Wir hätten aber gerne 15 bis 16 Kinder. Wichtig ist auch eine durchmischte Altersstruktur. Unsere Gruppe wächst kontinuierlich, ich bin mir daher ganz sicher, dass wir ab dem nächsten Frühjahr finanziell auf eine schwarze Null kommen. Wir haben ja ausschließlich Personalkosten. Die Vorstands-Mitglieder machen alles ehrenamtlich.

Kritische Stimmen wurden nur vereinzelt laut – ansonsten war die Resonanz der Gemeinde auf den neuen Waldkindergarten überwiegend positiv.

Barbara Kohlschmid: Das stimmt. Ein Waldkindergarten kann einem Ort ja auch zu mehr Attraktivität verhelfen. Speziell Bad Wiessee möchte doch sein Image von einem Ort für Ältere hin zu einer familienfreundlichen Gemeinde aufpolieren. Da kann es von Vorteil sein, wenn der Ort ein breites Spektrum an Betreuungsmöglichkeiten bietet. Auch für die Außenwirkung einer Gemeinde ist das gut.

Allerdings wurde schon mal die Sorge geäußert, dass Sie dem katholischen Kindergarten im Ort Konkurrenz machen und die Kinder „wegnehmen“ könnten.

Barbara Kohlschmid: Zum katholischen Kindergarten haben wir einen sehr guten Draht. Die dortigen Kinder haben uns schon mal im Wald besucht – und wir freuen uns total, wenn wir auch künftig zusammenarbeiten können. Es geht hier nicht um eine Konkurrenz der Einrichtungen, sondern darum, den Kindern in ihrem prägendsten Alter das richtige Handwerkszeug fürs spätere Leben mitzugeben.


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