Im Juni 2020 trat der Zeiselbach wieder einmal über die Ufer. Die Planungen für den Ausbau laufen.
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Im Juni 2020 trat der Zeiselbach wieder einmal über die Ufer. Die Planungen für den Ausbau laufen.

„Müssen die Menschen über Gefahrenlage aufklären“ - Wiesseer Zeiselbach im Fokus

Nach der Flut-Katastrophe: Ex-Umweltministerin Klaudia Martini fordert auch am Tegernsee zum Handeln auf

  • Gerti Reichl
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Die Wiesseer SPD-Gemeinderätin Klaudia Martini ist „zutiefst erschüttert“ von der Flut-Katastrophe – vor allem in Rheinland-Pfalz, wo sie von 1991 bis 2001 Umweltministerin war. Die Juristin fordert: Jetzt muss auch in Bad Wiessee gehandelt werden.

Bad Wiessee – Nach den schrecklichen Bildern findet Klaudia Martini nur schwer die richtigen Worte: „Ich bin zutiefst erschüttert, entsetzt und sehr traurig.“ Die 70-Jährige kennt die Verhältnisse vor allem in Rheinland-Pfalz sehr genau, denn den Hochwasserschutz dort an den großen Flüssen zu organisieren, sei eine ihrer ersten Aufgaben gewesen, als sie vor 30 Jahren Umweltministerin an Rhein und Mosel wurde wurde. „Da war nichts“, erinnert sich Martini. „Wir mussten schwierige und langwierige Projekte starten wie Polderbau, und das immer mit Widerstand der Bevölkerung.“

Bad Wiessees SPD-Gemeinderätin Klaudia Martini war zehn Jahre lang Umweltministerin in Rheinland-Pfalz.

In den 1990er-Jahren, berichtet sie, sei dann ein Hochwassergesamtkonzept geschaffen worden, das nicht nur Bestandteil im Bundesgebiet, sondern auch Grundlage in der EU geworden sei. Die Förderung des natürlichen Wasserrückhalts in der Fläche nennt sie als wesentlichen Baustein, ebenso die Renaturierung begradigter Bachläufe – nach dem Motto: Bächlein, die mäandern, bringen das Wasser besser voran. „Da wurden riesige Programme aufgelegt“, berichtet die Juristin, die nach ihrer Politikerkarriere in die Privatwirtschaft wechselte. Dass die Sintflut nun dennoch kam, hatte sie eigentlich für unwahrscheinlich gehalten. „Aber sie ist da.“

Risiko-Wahrnehmung muss geschult werden.

Klaudia Martini, SPD

Weil sie der Überzeugung ist, dass diese Programme „eins zu eins“ auf ihre neue Heimat am Tegernsee herunterzubrechen sind, setzte sich Martini als Gemeinderätin in Bad Wiessee schnell für den Hochwasserschutz ein, stellte 2016 mit ihrer Fraktion konkrete Anträge, forderte Bestandsaufnahme und Bürgerinformation. „Diese Forderungen“, stellt sie fest, „sind immer noch aktuell, doch sie sind in der Schublade verschwunden.“ Martini nennt konkrete Punkte: Öl müsse sukzessiv durch Gas ersetzt werden, „damit Öltanks im Katastrophenfall nicht aufschwimmen“. Bürger müssten dringend über die Gefahrenlage aufgeklärt werden. Die Risiko-Wahrnehmung müsse geschult, die Kommunikation gestartet, das Bewusstsein für Maßnahmen geschaffen werden, fordert die Sozialdemokratin. „Da muss man jetzt ran, wo jeder sieht, was passieren kann und wo es Förderprogramme gibt.“

Hochwasserschutz am Tegernsee: Freistaat plant Ausbau des Zeiselbachs

Martini denkt hier vor allem an die Anwohner der großen Bäche in Bad Wiessee: Söllbach, Breitenbach und Zeiselbach. Weil Letzterer in den vergangenen Jahren bei Starkregen immer wieder über die Ufer getreten ist und große Schäden angerichtet hat – im Juni 2014, im Juni 2016 und zuletzt im Juni 2020 – plant der Freistaat Bayern seit Längerem den Ausbau des Zeiselbachs. Diesen Donnerstag im Bauausschuss will Martini das Thema Hochwasser ansprechen – „man muss sich zusammensetzen, besser heute als morgen.“

Schon 2016 stellten Vertreter des Wasserwirtschaftsamts (WWA) Rosenheim die Maßnahmen zum Ausbau des Zeiselbachs vor. Im Kern, so der stellvertretende Behördenleiter Andreas Holderer, soll der Zeiselbach um einen halben bis einen Meter aufgeweitet werden. Zu beiden Seiten werden Ufermauern mit aufgesetzten Betonteilen errichtet. Die Brücke an der Bundesstraße im Ort bleibt unangetastet. Der Einbau von Geschiebe- und Wildholzsperren im oberen Verlauf des Zeiselbachs wurde bereits 2017 realisiert und hat sich bei den letzten Starkregenereignissen als hilfreich erwiesen. „Ein ursprünglich geplantes Rückhaltebecken oberhalb des Sportplatzes konnte hingegen nicht verwirklicht werden“, berichtet Holderer. „Das Speichervolumen hätte nicht ausreichend groß realisiert werden können.“

Hochwasserschutz in Bad Wiessee: Zeiselbachausbau kostet vier Millionen Euro

An allen Ecken und Enden richte das Wasserwirtschaftsamt derzeit den Blick auf die Wildbäche, „beim Zeiselbach sind wir am weitesten“. Das heißt: Das Planfeststellungsverfahren läuft, der Erörterungstermin für das wasserrechtliche Genehmigungsverfahren, vergleichbar einer Baugenehmigung, habe stattgefunden. „Die Planunterlagen sind fertig, die Stellungnahmen von Behörden und Bürgern liegen vor“, weiß Holderer. „Wenn das Ding in trockenen Tüchern ist und die Gemeinde die noch nötigen Grundstücke am Bachrand erworben hat, könnte die Ausführungsplanung vergeben und im Herbst 2022 mit dem Bau begonnen werden.“ Die Gesamtkosten schätzt der stellvertretende Behördenleiter auf vier Millionen Euro, 30 Prozent müsse die Gemeinde übernehmen.

Unwetter im Landkreis Miesbach.

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