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Der Urlaubstag kann beginnen: Josef Brass strahlt nach der morgendlichen Prozedur Pflegerin Birthe Beck an. Ohne ihre Unterstützung wäre Urlaub für ihn nicht möglich.

Diakonieverein Tegernseer Tal bietet Urlaubern Pflegeservice

Die Pflegerin kommt ins Hotel am Tegernsee

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Bad Wiessee  - Mal Urlaub machen, das ist für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nicht leicht zu organisieren. In Tegernsee macht's der Diakonieverein möglich. 

Urlaub am Tegernsee hat das Ehepaar Brass aus Kürten schon früher gern gemacht. Aber früher war alles leichter. Nach einem Schlaganfall braucht Josef Brass (79) fachkundige Pflege. Ferien am Tegernsee kann er trotzdem genießen – dank eines besonderen Service der Diakonie.

 Um 7.30 Uhr klopft Krankenschwester Birthe Beck an die Zimmertür der Ferienwohnung im Haus Concordia. Eine perfekte Zeit für Erna (72) und Josef Brass. Da sind sie gerade wach und wollen aufstehen. Dafür braucht Josef Hilfe. Seit einem Schlaganfall ist der 79-Jährige gelähmt. Alleine kann Erna ihren Mann nicht versorgen. Darum kommt daheim in Kürten (Nordrhein-Westfalen) jeden Morgen ein Pflegedienst. Und hier im Urlaub kommt Birthe Beck. „Wir fahren extra Sonderschichten für die Urlauber“, berichtet Beck, Stellvertretende Pflegedienstleiterin bei der Diakonie im Tegernseer Tal. Ohne die zusätzlichen Touren ließe sich die Mehrbelastung auch nicht stemmen. 

Denn alle, Einheimische wie Urlauber, wollen zur gleichen Zeit gepflegt werden. Nicht zu früh am Morgen, weil man ja auch ausschlafen will, aber auch nicht so spät, dass der Frühstückshunger quält. Der Pflegeservice für Urlauber werde immer mehr nachgefragt, berichtet Beck. Dem Team der Diakonie verlangt das viel Flexibilität und Einsatz ab. Meist melden sich zu pflegende Urlauber früh an, so dass genug Zeit für die Organisation bleibt. Nicht selten kommt auf dem Diensthandy aber auch ein überraschender Hilferuf an. „Meistens am Samstagnachmittag“, seufzt Beck. Zum Beispiel, weil ein Reiseveranstalter feststellt, dass einer seiner Gäste mehr Unterstützung braucht als gedacht. Die Palette der Hilfeleistung ist vielfältig. Viele Urlauber brauchen lediglich Insulinspritzen oder Hilfe beim Anziehen von Spezialstrümpfen. Das geht schnell. 

Für Josef Brass muss sich Beck eine gute Dreiviertelstunde Zeit nehmen. „Die komplette Grundpflege halt“, erklärt die Krankenschwester. Aus dem Bett ins Bad, waschen, anziehen, dann in den Rollstuhl. Danach kann der Urlaubstag für das Ehepaar beginnen. Damit das für schwer Pflegebedürftige wie Josef Brass überhaupt möglich ist, braucht es aber nicht nur einen guten Pflegedienst, sondern auch eine passende Unterkunft. 

Die bietet das von Hildegard Wagner (52) geführte Haus Concordia. Was für Menschen mit Behinderungen wichtig ist, weiß Wagner nur zu gut: Ihr Bruder ist seit 50 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Vier ihrer zwölf Ferienwohnungen sind ganz auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Handicap zugeschnitten. „Die Zimmer sind sehr gefragt, fast immer ausgebucht“, stellt Wagner zufrieden fest. Meist meldet sich die Kundschaft auch früh an und bleibt deutlich länger als der Durchschnitts-Urlauber. Ein Traum für den Gastgeber. Trotzdem ist die Zahl der perfekt auf Pflegefälle ausgerichteten Zimmer im Tegernseer Tal gering. „Mehr davon wären gut“, meint Beck. 

Auf ihrer Sondertour betreut sie an diesem Tag noch zwei weitere Patienten, einer davon wohnt in einem Luxushotel in Rottach-Egern. Auch dort hat man sich auf Gäste eingestellt, die viel Unterstützung brauchen. „Aber das kann sich halt nicht jeder leisten“, weiß Beck. Das Rentner-Ehepaar Brass muss für den Urlaub am Tegernsee nicht allzu tief in die Tasche greifen. Eine Ferienwohnung, das gibt das Budget noch her. Und die Pflege kostet am Tegernsee nicht mehr als daheim in Kürten. Die Abrechnung läuft über die Krankenkasse. „Es ist so gut, wenn die Leute mal rauskommen“, meint Beck. „Schlaganfall und dann nur noch die Wände anschauen, das kann es doch nicht sein.“ 

Manche der Urlaubspflegegäste reisen immer wieder an. Ein 70-Jähriger mit Kinderlähmung zum Beispiel, der schon als kleiner Junge mit seinen Eltern nach Bad Wiessee kam. „Der freut sich immer wie ein Schneekönig, wenn er mich sieht“, lächelt Beck. Als Krankenschwester mit viel Erfahrung übernimmt sie auch schwierige Fälle. Neulich war ein junger Familienvater zu versorgen, der wegen seines Pankreaskarzinoms eine künstliche Ernährung brauchte. Der Urlaub hat ihm gut getan.

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