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Willi Dörder in Aktion: In dieser Szene bleibt alles friedlich, als er vor 14 Jahren eine rote Karte zückte, wurde er aber zusammengetreten.

Würgen, Tritte, Beckenbruch

Willi Dörder pfeift auch nach brutaler Attacke weiter - woher kommt der Hass auf die Schiris?

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Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurfußball ist aktuell in enormes Problem. Auch Willi Dörder erlebte eine solche Attacke. Dennoch steht er weiter auf dem Platz.

  • Willi Dörder wurde 2005 nach einer Spielerattacke schwer verletzt und ist trotzdem noch Schiedsrichter
  • Laut einer Studie gibt es im Spätherbst mehr Übergriff als im Sommer
  • Die Anzahl an Schiedsrichtern in Deutschland geht zurück

GeretsriedWilli Dörder erscheint bereits eine Stunde vor Anpfiff am Isaraustadion in Geretsried. Einem freundlichen Lächeln folgt ein banger Blick zum Himmel: „Ich hoffe, es regnet nicht. Das mögen die Fußballer nicht so gerne.“ Dörder pfeift heute das B-Junioren-Spiel in der Bezirksoberliga zwischen dem TuS Geretsried und dem FC Schwabing. Die Vorfreude ist ihm anzumerken. Der 57-jährige Notfallsanitäter aus Bad Wiessee pfeift seit über 30 Jahren. 30 Jahre, in denen er alle Facetten des Amateursports kennengelernt hat – auch die Schattenseiten.

Es ist der 8. Oktober 2005. Beim Spiel des SV Bad Tölz II gegen Olympic Geretsried wird Willi Dörder gewürgt und zusammengetreten. Wie konnte es soweit kommen? „Eigentlich eine ganz banale Geschichte“, sagt er. Ein Abseitstor und eine gelb-rote Karte gegen einen Spieler von Geretsried führen dazu, dass der Bruder des Rot-Sünders ausrastet und dem Schiedsrichter an den Hals geht. Dörder wird schwarz vor Augen, er sackt zusammen. Als er sich wieder aufrappelt, bekommt er Tritte. Das Spiel wird abgebrochen, die Polizei verständigt, Dörder wird ins Krankenhaus gebracht. Die erschreckende Diagnose: Beckenbruch.

Amateur-Schiedsrichter Willi Dörder plagen lange Selbstzweifel

Für Willi Dörder beginnt eine schlimme Zeit. Er hat posttraumatische Belastungsstörungen, muss in die Kur. Immer wieder schießen ihm dieselben Zweifel durch den Kopf: Hätte ich anders handeln können? Habe ich einen Fehler gemacht? Dörder spricht mit Psychologen, die ihm sagen, dass es die normale Opferhaltung sei, den Fehler erst mal bei sich selbst zu suchen. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht, er will so schnell wie möglich wieder auf den Fußballplatz. Nur ein halbes Jahr nach der Attacke pfeift er wieder ein Spiel – ausgerechnet in Bad Tölz.

Von den Zweifeln ist heute nichts mehr zu spüren. „Kommen Sie mit in die heiligen Katakomben“, sagt Dörder auf dem Weg zur Schiedsrichterkabine. Er strahlt, wenn er über seine große Leidenschaft, den Fußball, spricht. Mitten im Gespräch steht er plötzlich auf mit den Worten: „Aber jetzt muss ich zum Platz!“ Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff, doch das klackernde Geräusch der Fußballschuhe ertönt schon auf dem Gang. Dörder kontrolliert die Netze, scherzt mit den Trainern und versucht, einen ersten Kontakt zu den Spielern aufzubauen: „Wenn es keine Barriere zwischen Spieler und Schiedsrichter gibt, wird es im Spiel viel leichter.“

Attacken gegen Schiedsrichter beschäftigt auch Uni Tübingen

Das Ideal von konfliktfreien 90 Minuten bekommt aber immer wieder Risse. Erst Ende Oktober sorgt ein Fall deutschlandweit für Aufsehen: In Münster wird ein Schiedsrichter nach einer gelb-roten Karte per Faustschlag niedergestreckt. Das Ereignis spült ein Thema an die Oberfläche, das, wie auch der Fall Dörder zeigt, schon lange präsent ist: Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurfußball.

Thaya Vester vom Institut für Kriminologie der Uni Tübingen beschäftigt sich seit 2010 mit der Thematik. Ihre Dissertation trägt den Titel: „Zielscheibe Schiedsrichter – immer noch?! Eine Trendstudie zum Sicherheitsgefühl und zur Opferwerdung von Schiedsrichtern im Amateurfußball.“

Zielscheibe Schiedsrichter: Thaya Vester vom Institut für Kriminologie der Uni Tübingen hat eine Dissertation zum Thema geschrieben. Sie fordert mehr Verantwortung seitens der Vereine, um Gewalt auf dem Fußballplatz in den Griff zu bekommen. Höhere Strafen allein hätten nicht die nötige Abschreckungswirkung, sagt Vester.

Mehr Übergriffe auch Schiedsrichter im Amateurbereich im Spätherbst

Dass es aktuell vermehrt Meldungen über tätliche Angriffe auf Schiedsrichter gibt, kann Vester erklären. Sie hat die Sportgerichtsurteile ausgewertet. „Generell gibt es immer wieder Schwankungen und einen Gewaltanstieg im Spätherbst. Es wird auch nächstes Wochenende wieder irgendwo krachen“, ist sich Vester sicher und nennt Gründe für den Anstieg im Spätherbst: „Es ist für den Spieler natürlich ein anderes Gefühl, wenn er nach einem Foul im Nieselregen in den Matsch fällt, als wenn er an einem schönen Sommertag gefoult wird. Zudem manifestiert sich der Tabellenplatz im Laufe der Saison. Es kann nichts mehr schöngeredet werden und die Frustration wird höher.“

Willi Dörder hat Glück. In Geretsried regnet es heute nicht. Er leitet das Spiel souverän, in aller Ruhe und mit einer positiven Körpersprache. Als sich ein Trainer lautstark aufregt, dass sein Spieler festgehalten wurde, bleibt Dörder gelassen, lässt erst den Vorteil laufen und pfeift dann ab. Dem Betreuer ruft er zu: „Ihr müsst alle ein bisschen ruhiger bleiben. Alles easy. Es ist aufregend als Trainer, ich weiß schon.“ Der 57-Jährige weiß, wie er mit Stresssituationen umgehen muss. In seinem Job als Notfallsanitäter hat er von schweren Verletzung bis hin zu Todesfällen alles erlebt. „Mei, was ist da schon der Fußball“, sagt er.

Video: Spitzen-Schiedsrichter solidarisieren sich mit Kollegen im Amateurfußball

67 Spielabbrüche im Amateurfußball in der Saison 2018/19 in Bayern

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) vermeldet, dass es in der Saison 2018/19 in Bayern 67 Spielabbrüche gab. Das entspricht gerade mal 0,029 Prozent der Spiele, die vom ESB (Elektronischer Spielbericht) erfasst wurden. Konkrete Fälle gegen Schiedsrichter, das heißt Gewalt und/oder Beleidigungen, gab es laut BFV-Statistik 225. Die Studie von Vester zeigt aber, dass nur 45,9 Prozent der befragten Schiedsrichter Beleidigungen gegen sich auch dem Sportgericht melden.

Verbale Übergriffe gibt es fast in jedem Spiel. Dörder erzählt, dass seine Frau ihn einmal zu einem Fußballspiel begleitete und im Nachhinein entsetzt war von den vielen Beleidigungen, die in seine Richtung ausgestoßen wurden. Ein aktiver Schiedsrichter der SRG München Ost/Ebersberg, der anonym bleiben möchte, macht Woche für Woche die gleichen Erfahrungen: „Der Ton auf dem Platz wird immer unappetitlicher. Das berichten mir auch meine Kollegen, dass sie überhaupt nicht ernst genommen werden. Da fragt man sich schon, warum man sich das eigentlich noch antut.“ Geld spielt dabei jedenfalls keine Rolle. Für das Jugendspiel in Geretsried bekommt Dörder 20 Euro plus 30 Cent Spritgeld pro Kilometer. Bei einem Aufwand von vier bis fünf Stunden pro Spiel ist das nicht einmal der Mindestlohn.

Immer weniger Schiedsrichter im deutschen Amateurfußball

Es ist nicht so, dass die Landesverbände untätig zusehen. Beim BFV gibt es die „AG Gemeinsam & Fair“, die sich Aktionen überlegt. Das neueste Projekt ist der Tandem-Schiri: Junge Schiedsrichter werden dabei von einem erfahrenen Kollegen an die Hand genommen. Die erste Hälfte leitet der erfahrene Schiedsrichter, die zweite Hälfte der Nachwuchs.

Aktuell gibt es in Deutschland 22 000 Schiedsrichter weniger als 2011. Die Anmeldequote für die Schiedsrichter-Neulingskurse bleibt zwar konstant, die meisten haben aber schnell wieder genug vom Pfeifen. Thaya Vester sieht ein großes Problem in der föderalen Struktur im Amateurbereich. Die 21 Verbände würden nicht genügend zusammenarbeiten. „Jeder wurstelt vor sich hin.“ Höhere Strafen, die oft gefordert werden, erzielen laut Vester „nicht zwingend einen Abschreckungseffekt“. Vielmehr müssten auch die Vereine selbst Verantwortung übernehmen und „Störenfriede entfernen“.

14 Jahre ist es nun her, dass Willi Dörder auf dem Platz schwer verletzt wurde. Der Schläger bekam eine lebenslange Sperre und eine Geldstrafe. Wie hoch die Strafe war, weiß Dörder nicht. Auf eine Schmerzensgeldklage hat der heute 57-Jährige verzichtet. Er wollte den Vorfall so schnell wie möglich abhaken. Seine Selbstzweifel sind verflogen, das allgemeine Problem nicht.

Was empfiehlt der Bayerische Fußballverband den Unparteiischen? Bernhard Slawinski, Kreis-Vorstitzender in München spricht im Interview über Gewalt gegen Schiedsrichter im Großraum München, Vorfälle in der Region und präventive Maßnahmen.

Text: Nico-Marius Schmitz

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