„Schauen Sie, dass Sie wieder ein normales Leben führen.“

Straftaten am laufenden Band: Wiesseer (19) muss in Jugendknast

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Er wurde immer wieder kriminell, nur um sich vor Gericht reumütig zu zeigen. Doch von der schiefen Bahn geschafft hat er es nie. Jetzt muss der Wiesseer (19) in den Jugendknast.

Bad Wiessee/Miesbach– Selbst Verteidiger Christian Beil konnte seinen Mandanten nicht recht verstehen. „Er macht einen offenen, netten Eindruck“, sagte er über den 19-jährigen Bad Wiesseer auf der Anklagebank des Miesbacher Amtsgerichts. Ich kann mir nicht vorstellen, warum sein Leben immer wieder aus dem Ruder läuft.“

Tatsächlich zeigte sich der Wiesseer auch diesmal reumütig. Über seinen Verteidiger räumte er den ihm vorgeworfenen Drogenbesitz – er war im Juni mit einem Marihuana-Joint in Rottach-Egern erwischt worden – und den gemeinschaftlichen Diebstahl von zwei Smartphones im August im Umkleideraum der Spielarena Bad Wiessee ein. Ansonsten saß er schweigend da und ließ das Verfahren über sich ergehen. Obwohl er wusste, dass er durch seine erneuten Vergehen gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hatte und damit seine einjährige Haftstrafe im Jugendgefängnis – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls – wohl endgültig antreten musste.

Den längsten Vortrag im Gerichtssaal hielt der Vertreter der Jugendgerichtshilfe – und brachte damit zumindest etwas Licht ins Dunkel über die Person des 19-Jährigen. Seine Eltern seien geschieden, sein Vater selbst schon in Haft gewesen. Der 19-Jährige habe daraufhin zeitweise bei einer Pflegefamilie gelebt. Aktuell wohne er abwechselnd bei seiner Mutter oder Freunden. Nachdem sein Ausbildungsbetrieb, ein Hotel am Tegernsee, schließen musste, sei er arbeitslos. Sozialleistungen habe der Wiesseer aber nicht beantragt. Er halte sich mit Zuwendungen seiner Mutter über Wasser.

Das Fazit des Jugendgerichtshelfers war eindeutig: „Der Angeklagte benimmt sich wie ein Jugendlicher.“ Wegen seines „brüchigen Lebenslaufs“ sei eine Reifeverzögerung anzunehmen. Seine Eltern seien damit überfordert. Der erzieherische Bedarf sei derart hoch, dass selbst die Jugendgerichtshilfe nichts mehr ausrichten könne. Seit 2015 habe der 19-Jährige keine Konsequenzen für seine Taten mehr gespürt. Die vielen kleinen Delikte der vergangenen Monate würden zeigen, wie hilflos er sei. Letztlich plädierte der Experte dafür, das Verfahren nicht weiter in die Länge zu ziehen. Nur eine Haft biete dem Wiesseer die Strukturen, die er so dringend brauche.

Die Staatsanwältin schloss sich dieser Einschätzung an. „Ich sehe hier keine Alternative zum Jugendknast“, sagte sie. Anders sei der Angeklagte nicht zu beeindrucken. Sie schlug vor, die noch ausstehende Freiheitsstrafe um ein halbes Jahr aufzustocken und möglichst schnell zu vollstrecken. An den 19-Jährigen appellierte sie: „Nehmen Sie die Strafe an und nutzen Sie die Zeit im Gefängnis, um sich zu bessern.“ Verteidiger Beil stimmte zu, hielt aber eine Erhöhung der Haftzeit um zwei Monate für ausreichend. „Wir werden keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen“, kündigte der Anwalt vorsichtshalber an.

Richter Klaus-Jürgen Schmid und die beiden Schöffen schlossen sich der Forderung der Staatsanwältin an. Freilich würden das Geständnis und der gute Eindruck in der Sitzung für den Angeklagten sprechen. Das sei aber in der Vergangenheit nicht anders gewesen – und trotzdem habe der Wiesseer weitere Straftaten begangen. Auch in den Augen des Gerichts sei es erzieherisch sinnvoll, die Konsequenzen nicht weiter hinauszuzögern.

Dennoch stellte Schmid dem 19-Jährigen in Aussicht, bei guter Führung nur die halbe Zeit absitzen zu müssen. Die solle er aber für eine Ausbildung nutzen, meinte der Richter. „Schauen Sie, dass Sie wieder ein normales Leben führen. Es gibt schönere Dinge als Drogen.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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