Seit 24 Jahren Tagesmutter: Vicki Rank betreut Kinder bei sich zuhause in Holz.
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Seit 24 Jahren Tagesmutter: Vicki Rank betreut Kinder bei sich zuhause in Holz.

Vicki Rank betreut seit 24 Jahren Kinder

„Man braucht vor allem starke Nerven“: Interview mit einer Tagesmutter

  • Gerti Reichl
    VonGerti Reichl
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Betreuungsplätze sind Mangelware am Tegernsee. Umso dringender werden auch Tagesmütter und -väter gesucht. Vicki Rank aus Bad Wiessee erzählt im Interview, was den Job so reizvoll macht.

Bad Wiessee – Wer gerade Nachwuchs bekommen hat und möglichst bald einen Betreuungsplatz für sein Kind sucht, hat im Augenblick ein dickes Problem: Nicht nur Krippen- und Kindergartenplätze, sondern auch Tagesmütter und Tagesväter sind rar. Vicki Rank aus Holz betreut seit 24 Jahren Kinder bei sich zuhause. Im Interview berichtet sie über die aktuelle Situation und warum sie sich selbst mit 60 Jahren noch lange nicht vorstellen kann, ihren Beruf an den Nagel zu hängen.

Frau Rank, wie viele Kinder sitzen denn gerade bei Ihnen auf dem Schoß?

Vicki Rank: (lacht) Gar keine. Jetzt ist es Mittag, da schlafen alle.

Spaß beiseite: Wie viele Kinder betreuen Sie augenblicklich?

Vicki Rank: Ich habe sieben Verträge mit dem Jugendamt, darf aber nur fünf Kinder gleichzeitig betreuen. Sie sind zwischen anderthalb und drei Jahre alt. Die meisten kommen aus dem Tegernseer Tal, eines aus Hausham, weil die Mutter im Tal arbeitet.

Wie sind Sie denn dazu gekommen, Tagesmutter zu werden?

Vicki Rank: Ich bin gelernte Krankenschwester und habe im Schichtdienst gearbeitet. Auch mein Mann hat Schicht gearbeitet. Vor 24 Jahren, als ich angefangen hab’, hatte ich selbst schon drei Kinder, das vierte kam gerade. Durch eine Bekannte in Gmund bin ich dann zu meinem zweiten Beruf gekommen. Angefangen hab ich mit einem Betreuungskind, das vormittags drei Stunden da war. Ich bin da hineingewachsen, mit der Zeit wurden es dann immer mehr.

Das lief dann quasi mit daheim...?

Vicki Rank: Das kann man so sagen. Aber nein: Ich musste vom Kinderschutzbund aus vier Abende eine Ausbildung, oder besser gesagt eine Einweisung mitmachen. Damit war das damals getan.

Das ist heute wohl anders.

Vicki Rank: Oh ja. Seit es das Bayerische Kinderbildungs- und betreuungsgesetz (Anm.d.Red.: BayKiBiG, 2005) gibt, müssen Tagesmütter oder Tagesväter 300 Stunden Ausbildung vorweisen. Das finde ich persönlich auch gut, weil es für jeden Beruf eine Ausbildung braucht. Das Jugendamt stellt uns eine Pflegeerlaubnis aus.

Wie haben Sie die Coronazeit bisher erlebt?

Vicki Rank: Als alles losging, im März 2020, da hab’ ich mir schon gedacht: Oh Gott, was kommt da auf mich zu! Anfangs, bis alle wussten, wie es läuft, hatte ich mal eine Woche keine Kinder zur Betreuung. Dann hatte ich anfangs nur ,systemrelevante‘ Kinder und schließlich Kinder, wo zuhause wirklich keine Angehörigen zur Betreuung verfügbar waren.

Hatten Sie Probleme mit erkrankten Kindern oder Eltern? Wurde Corona in Ihr Haus getragen?

Vicki Rank: Zum Glück gab’s nur einen Fall, wo Mama und Papa positiv waren und dann auch das Kind in Quarantäne musste. Mit Erlaubnis des Gesundheitsamts, mit dem ich immer gut zusammenarbeite, konnte ich nach einem Tag Pause aber schon weiterarbeiten.

Wie ist die Situation augenblicklich? Es heißt, dass Betreuungsplätze extrem knapp sind.

Vicki Rank: Das Problem ist Folgendes: Die Kitas haben gerade ihre Plätze vergeben und die Absagen rausgeschickt. Ich weiß von vielen Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, obwohl diese schon eingeschult werden könnten. Die wollen sich das Problem mit dem Home-Schooling nicht antun und lassen ihre Kinder deshalb lieber noch im Kindergarten. Dadurch verschärft sich die Lage, die in den letzten vier bis fünf Jahren schon extrem war, noch einmal. Und bei mir steht das Telefon nicht still. Meine Warteliste wird lang und länger. Das war in den vergangenen Jahren nie so extrem.

Werden Kinder heute früher zur Betreuung abgegeben?

Vicki Rank: Oh ja. Als ich angefangen hab’, vor 24 Jahren, waren die Mütter drei Jahre daheim, dann kamen die Kinder in den Kindergarten. Heute müssen und wollen die Mütter nach spätestens einem Jahr wieder arbeiten. Zudem üben manche Arbeitgeber großen Druck aus und verlangen, dass die Mütter möglichst bald wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Ich hab’ auch schon gehört, dass manche Eltern nur einen Kindergartenplatz bekommen, wenn das Kind vorher in der Krippe war. Auch das verschärft die Situation.

Haben sich auch die Kinder selbst verändert?

Vicki Rank: Sicherlich. Ich habe schon in manchen Fällen zu den Eltern gesagt: ,Ich weiß, wer bei euch daheim der Chef ist, und das seid sicherlich nicht Ihr.‘ Das zeigt, dass viele Eltern für die Erziehung keine Nerven mehr haben.

Haben Sie noch Kontakt zu Kindern, die Sie mal betreut haben?

Vicki Rank: Zu einigen, die heute zehn oder elf Jahre alt sind, habe ich noch Kontakt. Und natürlich auch zu anderen Tagesmüttern. Wir haben ein Netzwerk, machen Fortbildungen zusammen, verabreden uns, gerade natürlich nur digital, und tauschen uns aus.

Was muss man denn für Voraussetzungen mitbringen, um Tagesmutter oder Tagesvater zu werden?

Vicki Rank: Vor allem starke Nerven, Empathie für Kinder, Kompromissbereitschaft, diplomatisches Geschick. Und man muss Kindern Vertrauen schenken. Ich liebe meinen Beruf, das ist mein Leben, und ich habe noch lange nicht vor, aufzuhören. Wir sind wie eine Familie, und manchmal sagen die Kinder sogar Mama zu mir. Hin und wieder werde ich von meiner 26-jährigen Tochter unterstützt.

Klingt nach einem tollen Job. Warum herrscht dennoch aktuell so ein großer Mangel an Betreuungsplätzen und auch an Tagesmüttern?

Vicki Rank: Meiner Meinung nach muss die Politik umdenken. Es gibt zwar meist genug Räume, aber nicht genug Personal. Das mag auch daran liegen, dass man in unserem Beruf in der Stadt ein Drittel mehr verdient als auf dem Land. Da muss sich massiv was ändern.

gr

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